„Wir haben es mit einem versteckten Krieg um die Eroberung Europas zu tun“

„Ich habe alles gesagt“: Die russische Autorin Jelena Tschudinowa über ihren Roman „Die Moschee Notre-Dame – Anno 2048“. Von Barbara Wenz

Die russische Romanautorin Jelena Tschudinowa. Foto: Privat
Die russische Romanautorin Jelena Tschudinowa. Foto: Privat

Frau Tschudinowa, in Ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Roman „Die Moschee Notre-Dame. Anno 2048“ beschreiben Sie ein „Eurarabien“, das von den Wahabiten beherrscht wird. Nicht nur in Paris, dem Schauplatz des Romans, regiert die Scharia. Einzig Polen hat standgehalten. Wer nicht zum Islam konvertiert ist, lebt im Ghetto. Konzerte, Kunstausstellungen gibt es nicht mehr – dafür werden Christen am Arc de Triomphe gesteinigt. Sie haben sich, zusammen mit der politischen Widerstandsbewegung, in die Katakomben der Stadt zurückgezogen. Der Papst hat 2031 abgedankt, der Vatikan ist verwaist und wird als Müllkippe benutzt. Doch, so heißt es auf der Coverrückseite: „Die letzte Messe ist noch nicht gelesen.“ Die heilige Messe – genauer gesagt die tridentinische Messe in lateinischer Sprache – ist letztlich sogar eine Waffe, die ultimative geistliche Waffe, nachdem die Munitionsdepots der Pariser Widerständler verschossen sind und der einsame Showdown begonnen hat. Wie kam das?

Die Versuchung zu hassen ist in einem Krieg sehr groß – und ich denke, dass wir es mit einem versteckten Krieg im Zusammenhang mit der Eroberung Europas zu tun haben, der schon seit längerer Zeit geführt wird. Hass ist aber keine schöpferische Kraft! Ich wollte deshalb in erster Linie damit zeigen, in wessen Name ich lebe, auf welchem großartigen Fundament Europa aufgebaut ist, ein christlicher Kontinent. Ich wollte damit ausdrücken, dass ich liebe. Denn ohne unseren Herrn Jesus Christus wird Europa nicht standhalten können, das sehen wir schon jetzt. Als Schriftstellerin wollte ich eben nicht nur die Bedrohung Europas durch den Dschihad zeigen, sondern auch die Schönheit dessen beschreiben, was wir beschützen müssen: die Heilige Messe – die Wiege unserer ganzen Zivilisation.

Ihr Buch erschien im Jahre 2005 – in Russland – zum ersten Mal. Es war das Jahr, in dem Josef Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde, ein Jahr darauf hielt er die Regensburger Rede, in der er einen byzantinischen Kaiser mit einer negativen Äußerung über den Islam zitiert, die am Ende sogar Aufruhr und Mord im Nahen Osten provozierte. War sein Pontifikat für Sie eine Inspiration oder eher eine Enttäuschung?

Um des gesunden Menschenverstandes willen: Wir können doch nicht sagen, dass die Rede von Benedikt XVI. einen Aufruhr provoziert hätte. Es war ein Vortrag, gehalten vor einer wissenschaftlichen Zuhörerschaft. Die meisten Muslime hätten bis heute nichts davon erfahren. Die ganze Empörung war geplant. Das ist der erste Schritt, der zweite ist dann zu verfolgen, was der Papst oder jemand anders dazu sagt. Es wäre genau so naiv zu sagen, das Massaker im „Charlie Hebdo“-Büro hätte stattgefunden, weil Muslime gegen die Cartoons protestiert hatten. Es braucht eine mächtige Organisation, um einen Terrorakt durchzuführen. Papst Benedikt XVI. hat einmal als Modernist angefangen. Als er sein Pontifikat antrat, war er konservativ genug. Lobet den Herrn!

Warum haben Sie Ihren dystopischen Roman „Die Moschee Notre-Dame“ in Paris, der Hauptstadt Frankreichs angesiedelt? Warum nicht in Moskau oder in London? Gibt es einen bestimmten Grund dafür?

Es gibt einen Grund und er ist sehr wichtig. Die französische Kultur ist unbestreitbar ein Teil unseres europäischen Kulturverständnisses. Die Leser meines Buches sollten dadurch erkennen: Hier geht es nicht um die Probleme Russlands oder Dänemarks, sondern dies ist ein Buch, das von Europa, von europäischen Themen handelt – scheinbar hat das auch funktioniert.

Die Heldin des anti-islamischen Widerstands in Ihrem Buch hat rein äußerlich schon Ähnlichkeit mit der 2006 verstorbenen italienischen Schriftstellerin und Aktivistin Oriana Fallaci. Das ist kein Zufall ...

Ich habe das Buch größtenteils unter dem Einfluss von Orianas publizistischem Schaffen geschrieben, vor allem ist dabei ihr Buch „Die Wut und der Stolz“ zu nennen, das auch in russischer Sprache vorliegt und in den Sozialen Medien Russlands oft zitiert wird [ital.: „La Rabbia e l'Orgoglio“ – das Buch wurde allein in Italien über eine Million Mal verkauft. Anm. BW]. Oriana ist sehr populär in Russland. Natürlich, ja, sie ist eine von den Prototypen, die mir als Vorbild bei Sophia dienten – sie ist es, ganz sicher. Oriana hatte von meinem Roman gehört und sich das Buch besorgt, leider aber lag es nur in russischer Sprache vor zu diesem Zeitpunkt, so dass sie es nicht lesen konnte. Aber wenigstens war das eine Art symbolische Geste. Wegen ihrer Krankheit hatte ich keine Gelegenheit, mich mit ihr zu treffen, denn sie starb vorher. Es war und ist sehr traurig für mich.

Wie verstehen Sie Ihr künstlerisches Schaffen? Sind Sie einfach eine Schriftstellerin, die neben Ihren historischen Büchern nun auch einen dystopischen Roman in der Tradition von Samjatin oder Orwell geschrieben hat? Sehen Sie sich mehr als Künstlerin oder mehr als eine Art politische Prophetin?

Ich gehöre in keine Schublade, es ist aber schon so, dass ich mit dem Erscheinen meines Romans es geschafft habe, das Thema Widerstand gegen den wachsenden Islamismus und militanten Islam als literarisches Thema aufzubringen. Im Untertitel des Buches „Die Moschee Notre Dame – Anno 2048“ spiele ich insbesondere auf Orwell an, denn meiner Ansicht nach hat Orwell das Genre zu einer absoluten Höhe gebracht. Allerdings, ich sage auch, dass das Böse seine Masken austauschen kann. Wenn es 1948 und auch noch im Buch „1984“, das ja aus den Fünfzigern stammt, der Kommunismus war, der eine Gefahr für die gesamte Menschheit darstellte, so ist es nun in erster Linie der militante Islam. Und wie kann man begreifen, wo der Feind steht? Das ist ganz einfach. Sie müssen nur die Frage beantworten, wer derzeit die meisten Christen tötet.

Am Beispiel der Rezeption von Jewgeni Samjatins „My“ („Wir“), der heute immer noch kaum bekannt ist im Westen, aber das Genre revolutioniert hat, können wir sehr deutlich erkennen, wie Huxley und Orwell seinen Roman als Anregung nutzten, um ihre eigenen Erzählungen zu gestalten; dass vom Osten eine Idee in den Westen wandert und dort weitergestaltet wird. Michel Houellebecqs Dystopie „Unterwerfung“ erschien sechs Jahre, nachdem „Die Moschee“ in französischer Sprache veröffentlicht worden war.

Nicht nur Houellebecq, viele französische Autoren schreiben heute darüber, wie Frankreich vom Islam übernommen wird. Keiner davon erwähnte mein Buch. Das ist traurig. Ich gebe immer meine Quellen an. Nun werde ich in Frankreich auch eher von einem konservativen Publikum gelesen, während Houellebecqs Leserschaft mehr aus liberalen Kreisen kommt.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf die kulturellen Beziehungen zwischen dem Westen und Russland werfen. Alexander Solschenizyn wurde insbesondere durch sein monumentales Werk „Archipel Gulag“ im Westen zu einer Ikone der Menschlichkeit und damit zu einer echten moralischen Instanz, einer Autorität, die gehört wurde. Als er 1998 in seinem Essay „Russland im Absturz“ ausdrücklich vor dem militanten Islam warnte und später die NATO-Intervention gegen Serbien kritisierte, wollte niemand im Westen mehr zuhören.

Hier in Russland haben wir auch nicht Solschenizyns Warnungen gehört. Die Mächtigen im Westen wie im Osten hören nur das, was sie hören wollen. Ich bin sehr besorgt über die doppelten Standards des Westens im Bezug auf Russland. Im Westen ist es möglich, den Kosovo von Serbien abzutrennen, aber es kann nicht sein, dass die Krim sich von der Ukraine trennt? In Krim, in Novorossija [damit sind die separatistischen Volksrepubliken in der Ostukraine gemeint], in diesen Ländern sind keine Ukrainer, dort gibt es eine russische Bevölkerung. Im Donbass sterben die Kinder durch ukrainische Bomben – ihre Schreie werden genau so wenig gehört wie damals die Schreie der serbischen Kinder. Ein anderes Beispiel ist die häufig wohlwollende Haltung des Westens zu den tschetschenischen Rebellen – dabei handelt es sich um ein einziges Terrornetzwerk: Tschetschenien-Afghanistan-ISIS.

In Ihrem Nachwort für die Leser der deutschen Ausgabe schreiben Sie, dass Sie sich darüber freuen würden, wenn Ihr Buch eines Tages überflüssig sein werde. Wie könnte das vor sich gehen? Gibt es Lösungen für die Probleme, vor denen Europa derzeit steht?

Der erste Schritt, um ein Problem zu lösen, ist, seine Existenz anzuerkennen. Das ist die Hauptsache. Man kann keine Probleme dadurch lösen, dass man die Menschen aus Gründen der politischen Korrektheit und der „Toleranz“ zwingt, stets zu wiederholen, dass Terrorismus keine Religion kenne. Deutschland hat bereits einige Schritte in die richtige Richtung gemacht: Thilo Sarrazins Buch wird in vielen Ländern gelesen, auch in Russland. Fiktionale Literatur spielt aber eine eigene Rolle in unserer Gesellschaft. Sie spricht nicht in der Sprache der Zahlen und Fakten, sondern in moralisch-ethischen Kategorien und ebenso in poetischen Bildern. Ich wünsche mir, dass mein Buch in Deutschland gute Aufnahme findet.

Sie haben auf Ihrer Homepage elenachudinova.com eine Liste von zehn Büchern veröffentlicht, die Ihre Favoriten sind und die sogar Ihr Leben verändert haben. Darunter befinden sich, als einziges deutsches Buch, auch die „Bekenntnisse eines Hochstaplers“ von Thomas Mann, weil es sie gelehrt habe, wie Sie schreiben, dass das Leben auch eine Serie faszinierender Spiele sein kann. Welche deutschen Bücher oder Autoren lesen Sie noch oder haben Sie beeindruckt?

Ich liebe die deutsche Romantik, ganz besonders die Heidelberger Romantik. In meiner Kindheit habe ich besonders gerne E.T.A. Hoffmann gelesen. Er wird in Russland sehr geliebt, von allen Generationen. Dazu hat natürlich auch das wundervolle Stück von unserem großen russischen Komponisten Petr Tschaikowskij beigetragen: Sein „Nussknacker“ basiert auf der Vorlage von Hoffmann „Nussknacker und Mausekönig“.

Arbeiten Sie zurzeit an einem neuen Projekt? Oder werden Sie eine Fortsetzung zur „Moschee Notre-Dame“ schreiben?

Verleger fragen regelmäßig nach einer Fortsetzung der „Moschee Notre-Dame“. Aber es wird keine geben. Ich habe alles gesagt, was ich zu sagen hatte, und ich werde deswegen auch keine Rücksicht auf Einnahmen oder Konditionen nehmen. Zur „Moschee Notre-Dame“ kann man nicht ein einziges Wort mehr hinzufügen. Derzeit haben wir ein dunkles Jahr in Russland, ein Jahr der Trauer: 2017 – einhundert Jahre seit der Oktoberrevolution der Roten. Ich habe als „Weiße“ begonnen, als eine antikommunistische Autorin. Ich habe meine Jugend in der Sowjetzeit verbracht und dort bestand stets die Gefahr, für meine schriftstellerische Arbeit im Gefängnis zu landen. Als meinen Beitrag zum Gedenken an die Revolution 1917 und als meine Antwort darauf habe ich einen neuen Roman her-ausgebracht: „Die Gewinner“ – übrigens auch wieder ein utopischer Roman, oder vielleicht besser ausgedrückt, eine „Uchronia“. [Eine Fiktion, die sich damit beschäftigt, was wäre, wenn die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte.] Er wird bei uns bereits erbittert und kontrovers diskutiert.

Frau Tschudinowa, wir bedanken uns für das Gespräch.

Der Roman „Die Moschee Notre-Dame – Anno 2018“ ist im Renovamen-Verlag 2017 erschienen, 432 Seiten, ISBN-13: 978-3956211287, EUR 22,–

Eine ausführliche Besprechung folgt in der Literaturbeilage am 25. November.