Wiederentdeckung einer Autorin

„Es geht um Machtstrukturen und Machtfiguren“ – Die Uraufführung von Marieluise Fleißers „Karl Stuart“ am Dortmunder Schauspiel

Ein Drama, angesiedelt im 17. Jahrhundert, in der Zeit des Englischen Bürgerkriegs, ein Drama über Leben und Sterben eines Königs, ein klassisches Königsdrama ist Marieluise Fleißers opulentes Trauerspiel „Karl Stuart“ auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist es ein zeitloses, vor allem ein sehr politisches Stück. Die Autorin, in den zwanziger Jahren enge Gefährtin Berthold Brechts, von ihm zunächst gefördert, dann bekämpft, schrieb „Karl Stuart“ während der NS- und Kriegszeit. Zwar ging das Stück 1946 in Druck, wurde aber niemals aufgeführt – bis jetzt: Am Wochenende war Fleißers Drama um den 1649 hingerichteten englischen König Karl I. aus dem Hause Stuart am Dortmunder Schauspiel erstmals auf einer Bühne zu sehen.

Inszeniert wurde das Stück vom österreichischen Regisseur Philipp Preuss, der schon mehrfach am Deutschen Theater in Berlin und in Dortmund arbeitete. Für seine Dortmunder Inszenierung von Ibsens „Hedda Gabler“ erhielt er den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.

Was veranlasste den Regisseur, der von sich selbst sagt, dass seine Neigung dem politischen Theater gelte („Eine Mischung aus politisch und poetisch – das wäre schön!“), ein über Jahrzehnte vergessenes Stück erstmals für die Bühne einzurichten?

„Das Interessante bei Karl Stuart ist“, sagte Preuss im Gespräch mit dieser Zeitung, „dass wirklich alle dieses Stück hassen – oder ziemlich lang gehasst haben, weil es, glaube ich, nicht zum Klischee einer Autorin passt, die lange mit dem Etikett ,aus der Provinz‘ versehen wurde: die seelenvolle Fleißer, die in ihren frühen Stücken das Leiden des Menschen an provinzieller Enge schildert. Und plötzlich schreibt diese Autorin in der Nazizeit ein politisches Drama: um einen König und seinen ihm ergebenen Gefolgsmann, um Kirchenführer, Parlamentarier, um Geld, das heißt: wie man versucht, Geld für Kriege zu bekommen, und durch Kriege versucht, Macht zu festigen.“ Macht – das zentrale Thema dieses Stücks, wie Preuss betonte: „Es geht um Machtstrukturen und Machtfiguren – und ein solcherart politisches Stück fügte sich eben nicht in das übliche Bild von Marieluise Fleißer. Auf eine merkwürdige Art wollte man die Autorin da in eine Schublade stecken, ihr OEuvre reduzieren auf: Theater über die Provinz.“

Marieluise Fleißer, 1901 in Ingolstadt geboren, lernte 1924 – durch Vermittlung von Feuchtwanger – Berthold Brecht kennen, ging mit ihm nach Berlin, wo sie 1926 ihren ersten Bühnenerfolg mit „Fegefeuer in Ingolstadt“ feierte. Nach einem von ihm inszenierten Skandal um ihr zweites Stück „Pioniere in Ingolstadt“ kehrte Marieluise Fleißer Brecht und Berlin den Rücken. Zurückgekehrt in ihre Heimatstadt schrieb sie „Karl Stuart“. Dieses Stück, obgleich nie aufgeführt, hielt die Autorin stets für ihren ganz großen Wurf. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Marieluise Fleißer mehr oder weniger vergessen. In den 60er Jahren erst wurde sie wiederentdeckt, vor allem durch damals junge Film- und Theaterschaffende wie Rainer Werner Fassbinder und Franz Xaver Kroetz. 1974 starb sie in Ingolstadt. Die Handlung von „Karl Stuart“ basiert auf im wesentlichen auf den historischen Fakten: Das Stück setzt ein im Jahre 1640, als Karl I. (gespielt von Andreas Vögler) sich anschickt, nach elf Jahren Regierung ohne Parlament wieder eine Parlamentsitzung einzuberufen. König Karl braucht Geld für einen Krieg gegen Schottland. Und dieses Geld kann ihm nur das Parlament bewilligen.

Im weiteren Verlauf spitzt sich die Auseinandersetzung zwischen König und Parlament – repräsentiert in der Figur des Wortführers der puritanischen Opposition John Pym (Matthias Hesse) – weiter zu. Dem König geht es um Durchsetzung seines absolutistischen Herrschaftsanspruchs gegenüber einem zunehmend erstarkenden Parlament. Aber auch die sogenannten Vertreter des Volkes handeln in erster Linie im Sinne ihrer eigenen – politischen und wirtschaftlichen – Interessen.

Weitere tragende Personen sind Karls engster Berater und „politischer Arm“, zugleich auch sein bester Freund, Graf von Strafford (Christian Higer), den der König schließlich im Kampf mit dem Parlament opfern und hinrichten lassen muss, sowie seine Frau Henrietta (Anne Breitfeld), eine französische Prinzessin: Auch sie versucht, in diesem politischen Machtspiel eine Rolle zu spielen, versucht gleichzeitig, die Nähe und Zuneigung ihres abweisenden Ehemannes zu gewinnen. Das Stück endet mit einem Disput zwischen dem König und dem neuen Führer der Puritaner, Oliver Cromwell (Alexander Gier). Karl lehnt Cromwells Modell einer konstitutionellen Monarchie ab. Er beruft sich dabei auf das Gottesgnadentum seines Königtums – in Kenntnis der Konsequenz, seiner Hinrichtung.

Der Regisseur stand nach eigener Aussage vor einem Dilemma: „Entwickeln wir die Geschichte aus dem Blickwinkel des 17. Jahrhunderts, in dem die Handlung spielt, oder aus der Perspektive der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, als das Stück geschrieben wurde? Da wird es problematisch.“

Letztlich entschied sich Preuss für ein Aufführungskonzept, das die verschiedenen Zeitebenen ineinander verschränkt: Die Darsteller der – sämtlich historischen Figuren – treten alle in historischen Kostümen auf. Der Bühnenraum ist als „Erinnerungsraum“ konzipiert: Die Bühne ist verengt auf eine quadratische Spielfläche, die durch Vorhänge begrenzt wird – Vorhänge aus meterlangen Tonbandstreifen, dem in den 30er Jahren entwickelten neuen Speichermedium.

Einspielungen aus dem „Off“ von Massenveranstaltungen der Nazizeit, welche die Ansprachen Karls und auch Straffords an das Volk akustisch begleiten, weckten Assoziationen an die NS-Zeit. Die Tonbänder sollen zugleich die Last der Erinnerungen symbolisieren, an denen der Einzelne, aber auch ganze Gesellschaften zu tragen haben. Immer wieder verheddern sich die Schauspieler in den „Erinnerungs-Bändern“, sind offensichtlich unfähig, sich vom „Erinnerungs-Ballast“ zu befreien.

Noch eine weitere, eine dritte Zeitebene bezieht die Dortmunder Inszenierung mit ein: den Blick auf die Gegenwart, auf „Wirtschaftsdiktatur“ und „Politikverdrossenheit“. Wenn der Regisseur den Puritaner Pym aus aktuellen Internet-Blogs zum Thema „Wirtschaftskrise“, „Manager und Politiker als Schuldige“ lesen lässt, dann ist das ein deutlicher – vielleicht ein etwas gewollter – Hinweis auf das Heute. Denn es geht um die grundsätzliche Frage: Wie verhält sich der Mensch in Krisen, in Umbruchzeiten? Wie verhält er sich gegenüber einem absoluten Machtanspruch? Sich anpassen oder sich selbst und seinen Überzeugungen treu bleiben? – das ist die entscheidende Frage dieses Stücks.

Es liefert keine fertigen Antworten. Auch nicht in der Inszenierung von Philipp Preuss. Als Fazit bleibt jedoch: Dem Regisseur ist eine tempo- und spannungsreiche Umsetzung des Dramas gelungen. Auch die Straffung des sehr opulenten Originaltextes verstärkt die Intensität, fokussiert insbesondere in Schlüsselszenen auf den Kern des jeweiligen Geschehens. „Karl Stuart“ – geschrieben während der „inneren Emigration“ der Fleißer im Nazi-Deutschland, hat durchaus eine Botschaft für die Republik der Gegenwart.