Würzburg

Wie wir durch das Internet mutieren

Psychiater warnen vor Risiken und Nebenwirkungen der Online-Kultur.

Jugendlicher mit Tablet
Internationale Studien zum Zusammenhang von Smartphone-Nutzung und Depression gibt es zuhauf. Viele von ihnen zeigen, dass Smartphone-Sucht zu Schlafstörungen, Angst und Depressionen führen kann. Foto: Oliver Berg (dpa)

Ob im Café oder im Zug: Die Mehrheit starrt auf Laptop, Tablet oder Smartphone. Wer meint, er sei von arbeitswütigen Top-Managern umgeben, wage einen flüchtigen Blick auf die Bildschirme: Facebook, Tinder, Twitter, Youtube, Amazon, Netflix… Seit 30 Jahren verändert das Internet unser Leben, unser Denken, unsere Welt. Mit dem Smartphone passt das Fenster zur großen, weiten Welt in unsere Hand. Vor den Risiken und Nebenwirkungen warnt seit Jahren der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer, Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm.

Digitale Medien machen nicht nur süchtig und rauben Schlaf

Digitale Medien machen laut Spitzer nicht nur süchtig und rauben uns Schlaf: „Sie schaden dem Gedächtnis, nehmen uns geistige Arbeit ab und sind deswegen zur Förderung des Lernens im Bildungsbereich grundsätzlich ungeeignet. Im Hinblick auf unseren Geist und unseren Umgang miteinander haben sie keine positiven Wirkungen, sondern vielmehr zahlreiche Nebenwirkungen: Im Internet wird mehr gelogen und betrogen als in der realen Welt.“

Im Internet werde „schlechter gesucht, oberflächlicher gedacht und deutlich schlechter gelernt“ als in der realen Welt. Mit „Cyberkrank!“ legte Spitzer 2015 nach: Durch Tablets, Smartphones und Laptops in Kindergärten und Schulen werde die Entstehung von Sucht im Kindes- und Jugendalter gefördert. „Computerspiele sind so programmiert, dass sie Sucht erzeugen.“ Den Einsatz von Tablets für Kleinkinder nennt er „einen massiven Anschlag auf die Kindheit durch die Einschränkung der Sinne und der körperlichen Bewegung“.

Erhöht die Facebook-Nutzung das Risiko einer Depression

Während Digitalisierung in der deutschen Bildungspolitik noch als Zauberwort gilt, hat man in Paris umgedacht: 2018 beschloss die Französische Nationalversammlung ein Verbot für Mobiltelefone und Tablets an Schulen, nicht nur wegen Mobbing mittels Handyaufnahmen, sondern weil diese Geräte die Konzentration auf das Schulische behinderten. Britische und amerikanische Studien behaupten, dass Schulleistungen und Noten sinken, wenn die Dichte von Smartphones & Co. an Schulen steigt.

Südkorea, das Land mit der weltweit besten digitalen Infrastruktur und höchsten Smartphone-Dichte, hat damit begonnen, die Smartphone-Nutzung für Jugendliche und Kinder gesetzlich einzuschränken. Man fand heraus, dass fast ein Drittel der 10- bis 19-Jährigen Smartphone-Suchtverhalten zeigt. Immerhin sind Südkoreas Jugendliche pro Tag eineinhalb Stunden länger mit dem Smartphone beschäftigt als gleichaltrige Amerikaner. Laut einer britischen Studie haben Mädchen, die mit 13 Jahren täglich drei Stunden auf Facebook sind, mit 18 Jahren die doppelte Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken. Internationale Studien zum Zusammenhang von Smartphone-Nutzung und Depression gibt es zuhauf. Viele von ihnen zeigen, dass Smartphone-Sucht zu Schlafstörungen, Angst und Depressionen führen kann.

"Über die Risiken und Nebenwirkungen der
digitalen Medien wird kaum geredet.
Wenn man es doch tut, heißt es,
man wolle in den Urwald zurück"
Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher

„Nomophobie“ nennen Psychiater die neue Angst, vom Smartphone getrennt und nicht mobil im Internet zu sein. Die Angst, etwas zu versäumen, nicht zeitgerecht zu reagieren, den Anschluss an wichtige soziale Gruppen zu verlieren oder gar Mobbing ausgesetzt zu werden, führt zu Konzentrations- und Schlafstörungen, denn ein Teil unserer Aufmerksamkeit gilt stets dem Smartphone. Auch Erwachsene können sich so eine Aufmerksamkeitsstörung antrainieren.

Beim jüngsten Kongress des „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) in Wien meinte Spitzer vor wenigen Tagen: „Über die Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Medien wird kaum geredet. Wenn man es doch tut, heißt es, man wolle in den Urwald zurück.“ Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Michael Winterhoff pflichtete ihm bei: „Durch die Digitalisierung haben wir die Kindheit abgeschafft. Und die meisten Erwachsenen sind zu Sklaven der Digitalisierung geworden.“

DT/sba

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