Wie wahr ist die Erinnerung?

E.O. Chirovicis Roman „Das Buch der Spiegel“ befasst sich mit den Urfragen der menschlichen Existenz. Von Gerhild Heyder

„Die meisten Leute sind nicht sie selbst“. Mit diesem Zitat aus Oscar Wildes offenem Brief „De Profundis“ beginnt der exilrumänische Autor Eugen Ovidiu Chirovici seinen Roman. Oscar Wildes Schrift entstand zwischen 1895 und 1897 während seiner Inhaftierung in verschiedenen englischen Zuchthäusern und beruht auf dem Psalm 130: „De profundis clamavi ad te Domine.“ („Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu Dir“.)

Wenn die meisten Leute nicht sie selbst sind, wer sind sie dann? Wissen sie es überhaupt? Aus welchen Bausteinen der Erfahrung und Erinnerung setzt sich die Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit zusammen? Um diese Fragen kreist der Roman, der eigentlich ein psychologischer Thriller ist, und er rührt damit an die Tiefen unseres (Unter)Bewusstseins. Jeder Mensch weiß, wie trügerisch Erinnerung sein kann – mehrere Zeugen eines Ereignisses werden in den seltensten Fällen dieselbe Sichtweise schildern und doch der Überzeugung sein, sie allein gäben die Wahrheit wider.

Der New Yorker Literaturagent Peter Katz erhält ein Manuskript, in dem es um die dreißig Jahre zurückliegende Ermordung des Psychologie-Professors Joseph Wieder in Princeton geht. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Katz ist fasziniert vom Text des Autors Richard Flynn, der den Ermordeten offenbar gut kannte – und wir sind es mit ihm, gemeinsam steigen wir ein in das Manuskript einer Dreiecksgeschichte im amerikanischen Universitätsmilieu der achtziger Jahre, es geht um die Liebe des jungen Richard Flynn zu der hochbegabten Studentin Laura Baines und deren wissenschaftliche (und vielleicht auch persönliche) Abhängigkeit von ihrem Professor Joseph Wieder. Der charismatische Professor befasst sich mit geheimnisvollen Forschungen, die vermutlich eine mögliche psychologische Manipulation des Teils vom Gehirn zum Inhalt haben, das für die Erinnerung zuständig ist.

Gerade, als Peter Katz (und auch der Leser) glaubt, jetzt nähere sich der Text dem Ende und damit der Lösung mit der Enthüllung der wahren Zusammenhänge, bricht das Manuskript ab. Katz sucht Kontakt zum Autor, der aber inzwischen verstorben ist.

Die Suche nach der Klärung des Falls entwickelt sich zu einer Obsession. Katz macht die Protagonisten ausfindig, beauftragt den Journalisten John Keller mit der Recherche und verstrickt sich immer tiefer in eine Geschichte voller Widersprüche und neuer Rätsel. Bis zum Schluss der ehemalige Polizist Roy Freeman eine überraschende Wendung herbeiführt.

Das ist literarisch höchst raffiniert komponiert. In drei Teilen lässt Chirovici seine drei mit der Klärung des Falles befassten Hauptpersonen ihre Geschichte erzählen: Peter Katz, John Keller und Roy Freeman. Die drei Sichtweisen sind verwoben miteinander, bringen immer neue Beteiligte und Erkenntnisse ins Spiel, die aber häufig ins Leere laufen und so jedes Aha-Erlebnis des Lesers zunichtemachen, wenn er gerade eines zu haben glaubt. Chirovici spielt auf subtile Weise mit dem Bedürfnis eines Krimilesers nach einer logisch und moralisch nachvollziehbaren Auflösung des Rätsels, er zieht ihn hinein in den Strudel der Ereignisse, der ihn nicht mehr loslässt, weil man ja immer an den wahren Kern einer Geschichte glaubt, den es aufzuspüren gilt – je mehr Widersprüche aufgebaut werden, umso dringender die Notwendigkeit der Erkenntnis.

Vermutlich ist auch das unbefriedigende Ende des Romans Teil des Vexierspiels – man bleibt etwas enttäuscht zurück und muss sich schon wieder fragen, was man denn erwartet hätte am Schluss eines Buches, das eben diese Erwartungen in Frage stellt. Und damit auch die Wahrnehmung der eigenen Erinnerungen – was ist tatsächlich „wahr“, und was hat im Laufe der vergangenen Zeit eine Eigendynamik entwickelt, die das eigentliche Geschehen ummantelt? Inwieweit erfährt man sich und seine Erinnerung im Spiegel der anderen? Was kommt wirklich aus der Tiefe des individuellen Bewusstseins?

Eugen Ovidiu Chirovici wurde 1964 im rumänischen Transsilvanien geboren und war ein namhafter Journalist in seinem Heimatland. Seit 2012 lebt er mit seiner Familie in Großbritannien und in Brüssel. „Das Buch der Spiegel“ ist sein erster in englischer Sprache geschriebener Roman, den er seiner Frau widmet mit den Worten: „Meiner Frau Mihaela, die nie vergessen hat, wer wir wirklich sind und woher wir kommen.“

Mit dieser Widmung berührt der Autor sicherlich ganz bewusst die Urfrage aller menschlichen Existenz: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wieviel Zeit bleibt uns?

E.O. Chirovici: Das Buch der Spiegel, aus dem Englischen übersetzt von Silvia Morawetz und Werner Schmitz, Goldmann Verlag München 2017, 384 Seiten, EUR 20,–