Wie sage ich's meinem Weltenkinde?

Jesus am Kreuz – Erlösung von der Sündenschuld oder ein Solidaritätsakt? Die Sache Narvid Kermani – überzogene christliche Reaktion oder Glaubenstreue? Die christliche Judenmission – Skandal oder biblisch beglaubigter Auftrag? Die Kommunikation der authentischen katholischen Lehre in die Welt hinein klappt irgendwie nicht mehr in den vergangenen Monaten. Warum, darauf versucht ein Theologe eine Antwort.

Das meiste von dem, was die katholische Kirche in den vergangenen Monaten gesagt hat, wurde in der nicht-kirchlichen Öffentlichkeit nur schwer oder gar nicht verstanden. Doch woran liegt ein solches Missverstehen in einer Zeit des globalen Informationsaustauschs? Liegt ein sprachliches Problem zugrunde? Einige Vorgänge der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass es einen wachsenden Abstand zwischen dem gibt, was die Kirche sagt und dem, was sie in ihrer Überlieferung lehrt und eigentlich verständlich machen sollte – ja in eine säkulare Sprache übersetzen sollte, wie es Jürgen Habermas vorschlägt, ohne dabei etwas zu vergessen oder unverstanden zu lassen. Die kirchenfernen Kreise sollen unmissverständlich wissen, woran sie mit der Kirche sind und wo die Kirche die Gesellschaft und ihre Strukturen mitgeprägt hat.

Die Beispiele sind bekannt: Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, äußerte etwa an Karsamstag diesen Jahres, dass Christus nicht für unsere Sünden gestorben sei, sondern sich in seinem Leiden allein solidarisch mit uns zeige. Diese Aussage mag zwar einigen Menschen auf den ersten Blick eher einleuchten, aber sie stellt nicht die katholische Lehre dar. Nur Gott allein war es möglich, die Abkehr des Menschen im ersten Sündenfall wieder rückgängig zu machen und die Menschen mit Gott zu versöhnen. Einzig zu diesem Erlösungszweck hat er seinen Sohn in die Welt gesandt. Im Kreuzesopfer erreicht nun diese Sendung Gottes ihren Höhepunkt in der liebenden Selbsthingabe seines einzigen Sohnes. Ein großes, über-menschliches Opfer, das deshalb nur von Gott selbst bewirkt und dargebracht werden kann auf der einen – ein großer Gewinn für die Menschen auf der anderen Seite, da ihnen der Himmel wieder offensteht, wenn sie Christus annehmen, das Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen. In diesen einfachen Worten hätten viele Menschen gerade zu Ostern verständlich erreicht werden können, ohne etwas von der Lehre der Kirche wegnehmen zu müssen. Christus ist auferstanden. Für die sündigen und deshalb leidenden Menschen, denen in und durch Christus immer die heilende Umkehr zum Himmel offensteht.

Um beim Kreuz zu bleiben ein weiteres bekanntes Beispiel aus den jüngsten medialen Auseinandersetzungen: Aus seiner muslimischen Glaubenstradition kommend, jedoch durchaus ein wenig postmodern gefärbt, lehnt der muslimische Autor und Intellektuelle Navid Kermani das Kreuz selbstverständlich ab. Es ist ihm eine Torheit, ja eine Idolatrie, wie er schreibt: Gott wird weder Mensch, noch kann er schändlich hingerichtet werden. Dennoch könnte Kermani das Kreuz in der Darstellung von Guido Reni annehmen, das in besonderer Weise die Weltüberwindung des Kreuzes zeigt. Doch dies ist nicht die ganze kirchliche Lehre, nicht das „ganze Kreuz“. Erst in und durch das Leid, das die Sünden der Menschen verursachen, gelangt der Mensch zur Erlösung. Erst dann wird die Weltüberwindung erreicht, die alles Leid vergessen macht. Kermanis „halbe“ Lehre vom Kreuz ist für einen katholischen Kardinal, aber auch für einen evangelischen Kirchenpräsidenten unannehmbar. Kardinal Lehmann und Peter Steinacker haben also völlig zu Recht eine gemeinsame Prämierung mit Kermani zurückgewiesen, übrigens ohne dabei zu fordern, dass Kermani der Preis aberkannt werden solle. Doch das eigentlich Verwunderliche an diesem zunächst normalen Vorgang ist, dass die Öffentlichkeit – rechts wie links – nicht mehr versteht, dass hier überhaupt zwei Glaubenslehren aufeinandertreffen, christliche und islamische. Bisher waren doch alle Religionen gleich, warum jetzt der Unterschied? Aufgrund eines unsensibel vorangetriebenen Dialogs der Religionen, insbesondere zwischen Judentum, Christentum und Islam, ist es kirchenfernen, aber auch manchen kirchennahen Menschen entgangen, dass es sich hierbei um verschiedene Religionen handelt, die jeweils einen eigenen und in letzter Konsequenz exklusiven Heilsweg propagieren, bei noch so vielen geschichtlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten. Die Ablehnung des Hessischen Kulturpreises seitens der christlichen Prämierten wurde deshalb nicht mehr eingesehen. Viele Missverständnisse hätten hier im Vorfeld vermieden werden können, wäre die Position der Kirche klar und allen bekannt. Die Eigen- und Einzigartigkeit des Heilsweges im Gottmenschen Christus ist vielen Menschen heute unklar, ja im wahrsten Sinne des Wortes unerhört, da dies in vielen Predigten nicht mehr zu Gehör gebracht wird.

Und nun zum dritten Beispiel, das in diesem Zusammenhang die Öffentlichkeit beherrschte: Ähnlich sieht es nämlich mit dem berechtigten Zweifel von Robert Spaemann an einem Sonderheilsweg der Juden aus, den er vor einigen Monaten öffentlich vortrug. Die kirchliche Lehre legt dies nicht nahe – im Gegensatz zur Erklärung „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Christus ist Erlöser aller Menschen, nicht nur der Heiden, sondern auch der Juden. Dabei wird der alte Bund nicht für ungültig erklärt, er vollendet sich jedoch in Christo. Doch diese Position wird oft judenfeindlich interpretiert und historisch mit Gewalt und Verfolgung in Verbindung gebracht. Doch dies ist in keiner Weise von der Kirche beabsichtigt. Es geht um keine Zwangsmissionierung oder gar um die Vernichtung des Anderen, sondern um die klare Darlegung christlicher Lehre, die nur in Wahrheit und Liebe, nicht mit Gewalt verkündigt oder angenommen werden kann. Der argumentative Austausch, basierend auf der natürlichen Vernunft, die allen Menschen innewohnt, steht hier über politischen Machtkalkülen, auch wenn dies in der öffentlichen Diskussion nicht mehr erkannt wird.

Fazit: Es herrscht Verwirrung, ja Ratlosigkeit. Was ist nun wahr bezüglich der katholischen Lehre? Zwei Schritte sind meines Erachtens hierbei wichtig: Erstens muss der Religionsbegriff klarer gefasst werden. Religion führt von der Selbst- zur Wirklichkeitszentriertheit und diese Wirklichkeit ist Gott, der sich selbst offenbart hat in Christus. Diese Offenbarung ist Grundlage der Lehre der Kirche. Sie ist objektiv und von subjektiven Wünschen und Bedürfnissen der Einzelnen zu unterscheiden. Selbst Papst und Bischöfe haben dieser objektiven Lehre der Kirche zu folgen, ihr zu dienen und sie zu verbreiten. Die Lehre der Kirche ist von weltlichen Lehren und Machtspielen zu unterscheiden, sie folgt nicht den Regeln der säkularen Öffentlichkeit oder der Weltpolitik. Religion ist ferner auch nicht mit Kunst oder Kultur gleichzusetzen. Diese Gleichsetzung ist ein grundlegender Kategorienfehler. Die Religion hat in der Offenbarung ihre eigene Wahrheitsquelle, die in falscher, unvernünftiger Interpretation zu Gewaltausbrüchen und Unterdrückung führen kann. Die säkulare Welt wird der Religion immer mit Erstaunen und überraschtem Erschrecken gegenüberstehen, wenn Religion immer noch als Ausfluss der Kultur gesehen wird, in der es nicht auf Letztbegründungen und Wahrheit ankommt. Über Geschmack lässt sich zwar streiten, aber Grund für einen Krieg lässt sich in einem solchen Streit der Geschmäcker schwer finden. Bezüglich Offenbarung und Glaubenslehre kommt es sehr wohl auf die Wahrheit an. Hier prallen in den verschiedenen Religionen Wahrheitsansprüche und Weltsichten aufeinander, die im vernünftigen Dialog geklärt werden müssen und können.

Zweitens: Die Kirche muss glauben und sagen, was sie lehrt. Es ist weder für die Kirche noch für ihr weltliches Gegenüber in Gesellschaft und Politik förderlich, anstelle der kirchlichen Lehre politisch korrekt Zurechtgemachtes zu verkünden, das nicht tragfähig ist und sich deshalb in der Realität nicht bewährt. Die vorigen Beispiele haben dies gezeigt. Wenn die Kirche wieder mehr auf Einheit von Lehre und Verkündigung achtet und die hermeneutische Herkulesaufgabe auf sich nimmt, einer säkularen Welt die Geheimnisse des Glaubens verständlich zu verkünden, wird sie auch in einer immer säkularer werdenden Welt mehr Gehör finden und gleichzeitig nicht ständig auf Unverstand stoßen, wenn die Glaubenslehre zur Anwendung kommt. Gerade der Abstand zum Zeitgeist, der die kirchliche Lehrtradition in allen Epochen ausgemacht hat, wird auf viele säkulare Geister anziehend wirken. Es ist falsch zu meinen, dass die Kirche in früheren Zeiten eine aktuelle zeitgemäße Lehre verkündet hat, die jetzt überholt ist. Schon die Antike hat die Christen verfolgt, da sie nicht der gesellschaftlichen und politischen Norm entsprochen haben.

Das größte gegenwärtige Problem ist wohl die Uninformiertheit vieler, die sich in ihren irrtümlichen Meinungen über Glaube und Kirche auf kirchliche Aussagen, ja sogar Konzilsaussagen, stützen können, oder meinen, dies tun zu können. So verliert die Kirche mehr und mehr an gesellschaftlichem Einfluss, da sie sich eher zerstreut, denn konzentriert und innerkirchlich eher die Uneinigkeit denn die Einigkeit fördert.

Gerade diese liegt aber Papst Benedikt XVI. sehr am Herzen, wie er zuletzt in seinem Motu Proprio, „Ecclesiae unitatem“, eindeutig dargelegt hat, und wie es das Petrusamt verlangt. Nur in Einheit und Unmissverständlichkeit kann die Kirche die zukünftigen Probleme und Aufgaben, wie die Aussöhnung mit der Priesterbruderschaft St. Pius X., erfolgreich bewältigen und Menschen von ihrer Lehre auch zukünftig überzeugen.