Wie das Smartphone Eltern und Kinder kapert

Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff kritisiert die symbiotische Beziehung der Generationen und die partnerschaftliche Schule. Von Stephan Baier

Es gibt – von psychiatrisch behandlungsbedürftigen Ausnahmen abgesehen – wohl keine Eltern, die ihre Kinder nicht glücklich und lebenstüchtig machen wollen. Warum es ihnen heute jedoch weniger gelingt als noch vor zwei Jahrzehnten, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff – allerdings ohne den Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen. Diese sind nämlich, wie gegen Ende des kurzweilig geschriebenen Buches dargelegt wird, selbst Opfer. Schuld sind einfach die Lebenswelten unserer Kinder, die „komplett auf den Kopf gestellt“ wurden.

Dafür macht der Autor, der mit seinen Büchern über psychische Entwicklungsstörungen von Kindern (darunter „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ und „SOS Kinderseele“) seit 2008 Furore macht, zwei Phänomene verantwortlich. Zum einen die digitale Revolution: „Der Haupttreiber dafür, dass das Leben heute so unruhig geworden ist, ist die Durchdringung des Alltags mit digitalen Medien. Kinder konkurrieren mit Smartphone und Laptop um die Zuwendung ihrer Eltern – und Kinder ziehen dabei regelmäßig den Kürzeren.“ Winterhoff diagnostiziert gar einen „exzessiven Konsum digitaler Medien“, den die Eltern meist zugeben und bereuen – und doch nicht ändern. „Das Smartphone hat sie gekapert.“

Der zweite Schuldige ist ideologischer Natur: Lehrern werde eingeredet, sie dürften nicht Erzieher sein, sondern nur mehr Lernbegleiter. Die heute weithin populäre Ansicht von Bildungsexperten, Grundschulkinder könnten selbstbestimmt lernen und ihre Zeit einteilen, bezeichnet der Psychiater als „groben Unfug“. Damit werde den Kindern in Kindergarten und Schule viel zu viel zugemutet. Zu früh würden ihnen viel zu viele Entscheidungen abverlangt, und dann auch die Verantwortung dafür zugemutet. „Das Kind wird als Erwachsener gesehen, den man mit Erwachsenenthemen behelligen kann.“ Das ist für den Kinderpsychiater kein Fortschritt, sondern ein Rückfall „in mittelalterliche Verhältnisse“.

Winterhoff meint nämlich, dass erst mit Ende des 18. Jahrhunderts die Kindheit ins Blickfeld rückte. Damit sei ein geschützter Raum entstanden: „Kinder wurden nach Möglichkeit von den Sorgen, Problemen, Nöten und nicht zuletzt von der Sexualität der Erwachsenen ferngehalten.“ Nur so könnten Kinder unbeschwert von den Erwachsenen-Problemen und getragen von liebevoller Fürsorge aufwachsen und zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten reifen. Vielleicht würden die Analysen des Autors noch mehr an Glaubwürdigkeit gewinnen, würde er die Schule der Jahre 1990 und 2017 nicht gar so krass weiß-schwarz zeichnen, also die teilweise repressiven und verstörenden Erziehungsmethoden der Vergangenheit verharmlosen und beschönigen. Doch geht es ihm als Kinder- und Jugendpsychiater natürlich auch nicht um die Traumabewältigung schulgeschädigter Erwachsener, sondern um die Problemlage für die Kinder von heute.

In diesem Sinn kritisiert der Autor, wie Kinder heute der „negativen Bilderflut“ des Fernsehens wie des Internets ausgesetzt werden. Zur unbeschwerten Kindheit gehöre, Kinder nicht direkt und willentlich mit Informationen zu belasten, für die sie noch nicht bereit sind. „Beispiele dafür sind die heute übliche Sexualerziehung in Schule und Kindergarten und die Bemühungen von Elternteilen, bei Beziehungsproblemen mit dem Lebenspartner das Kind auf die eigene Seite zu ziehen“, so Winterhoff.

Anschaulich und an vielen Beispielen schildert der Psychiater aus seiner Praxis, wie sich die Kinder seit Mitte der 1990er Jahre veränderten, wie immer mehr von ihnen nicht zwingend intellektuell, aber in ihrer psychischen Entwicklung stehenbleiben. Psychisch unterentwickelte Kinder könnten „durchaus höflich, freundlich oder sogar interessiert wirken, doch eine dem Alter gemäße, emotionale Verbindung zu anderen Menschen können sie nicht herstellen“. Diese Kinder handeln, so beobachtet der Autor, vor allem lustorientiert: „Sobald sie etwas tun sollen, wozu sie keine Lust haben, ändert sich ihr Verhalten schlagartig.“ Das betrifft nicht nur, aber auch die Schule, wo sich fehlende soziale Kompetenzen und mangelnde Frustrationstoleranz fatal auswirken.

Die digitale wie die ideologische Revolution hat aber offenbar auch bei der Psyche der Eltern zugeschlagen, denn Winterhoff sieht immer mehr Eltern in der Erziehungs-Falle: An die Stelle einer natürlichen Hierarchie zwischen Eltern und Kindern sei zunächst eine partnerschaftliche Beziehung und schließlich ein symbiotisches Verhältnis getreten. Symbiose sei der „Killervirus“ in der Beziehung, der dafür sorge, dass Kinder immer alles sofort bekommen, lustorientiert agieren lernen und Eltern es nur schwer ertragen, von ihren Kindern getrennt zu sein. Eltern müssten jedoch in sich ruhen, Orientierung und Anleitung geben, statt sich distanzlos mit dem Kind zu identifizieren, erläutert der Autor, der Symbiose für die mittlerweile häufigste Beziehungsstörung in Familien hält.

Winterhoff empfiehlt, Smartphones und Computer aus den Kinderzimmern zu verbannen, zum lehrerzentrierten – anstelle des lernorientierten – Unterricht zurückzukehren und mit Kindern soziales Verhalten im Tun einzuüben, anstatt es bloß zu erklären. Sein Plädoyer lautet: „Es müssen endlich Konsequenzen daraus gezogen werden, dass die partnerschaftlichen, am Lernspaß orientierten Konzepte in Kindergärten und Schulen nicht taugen.“ Und wie im Jugendschutzgesetz der Konsum von Alkohol und Tabak geregelt ist, so solle es auch „Vorgaben geben, ab wann Kinder an Tastatur und Touchscreen dürfen“. Solche Forderungen sind zumindest solange illusionär, wie die Erwachsenen selbst – wie der Autor überzeugend zeigt – alles andere als souverän mit den Neuerungen umgehen, die uns die digitale Revolution in die Hände gespielt hat.

Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit. Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017, 192 Seiten, ISBN 978-3-579-

08662-0, EUR 17,99