Wer wegen Kleinigkeiten Psychiater aufsucht, besetzt wertvolle Therapieplätze

Manfred Lütz hat in Berlin sein neuestes Buch „Irre! – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ vorgestellt

Am Mittwochabend gab es eine willkommene Abwechslung im fußlahmen Endspurt des Wahlkampfes. Bestsellerautor Manfred Lütz stellte sein neues Buch vor. Nach seinen Werken „Lebenslust – wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und die Fitnesskultur“ und „Gott – eine kleine Geschichte des Größten“ geht es nun um die eigentliche Klientel des studierten Theologen und Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie. „Irre!“ so lautet der Titel mit dem Nachsatz: „Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) höchstpersönlich fand die Zeit, das Buch vorzustellen – und ausgiebig zu loben. Eigentlich hätte ihr die Indikation Schweißperlen auf die Stirne treiben müssen. Müssten nun auch alle „Normale“ auf die Couch, wäre dies wohl das endgültige Aus für den Gesundheitsfonds.

Lütz geht es aber nicht um die Massenpsychoanalyse als Erlösungsutopie aus gesellschaftlichen Zwängen, wie dies nach '68 in Mode war – ganz im Gegenteil. Er warnt nicht zuletzt mit Blick auf die jüngsten Bluttaten von Jugendlichen in München und Hamburg davor, die persönliche Verantwortung vorschnell durch eine verkorkste Kindheit oder gesellschaftliche Umstände zu relativieren. Der Mensch ist mehr als seine Psyche und Umwelt und kann auch boshaft sein.

Die Idee zu dem Buch kam dem Psychiater, als er eines Tages nach der Arbeit im Krankenhaus „mit all den rührenden Dementen, erschütternden Depressiven und hinreißenden Manikern“ die „Tagesschau“ eingeschaltet habe und dort die Rede von „brutalen Kriegshetzern, rücksichtslosen Wirtschaftskriminellen und eiskalt Egomanen“ gewesen sei. Da sei ihm der ketzerische Gedanke gekommen, wer denn hier die „Normalen“ und wer die eigentlich „Verrückten“ seien.

Zu den systematischen Verrücktheiten unserer Gesellschaft gehört für Lütz auch das, was man inzwischen mit dem Wort „Political Correctness“ umschreibt – die Tyrannei vorgestanzter Moralismen. Kein Wunder also, dass das Buch gerade Hendrik M. Broder, jenem unermüdlichen Kämpfer gegen diese subtile Form moderner Inquisition, das Buch „exzessiv gefallen“ hat. Da ihm Verrisse eher lägen, habe er diesmal über seinen „kurzen Schatten“ springen müssen, bekannte er bei der Buchvorstellung. Ja, er prophezeite den Lesern gar eine Katharsis: Nach der Lektüre werden „sie sogar mit Claudia Roth Mitgefühl haben“. Ihm gefiel vor allem der Begriff des „Normopathen“ der sich politisch in der „Sozialdemokratisierung der Gesellschaft“ umsetze. Soziologisch führte er die Normophatie im Falle Deutschlands auch auf „Kollateralschäden“ des Einflusses von Horst-Eberhard Richter und Alexander Mitscherlich zurück. Broder beklagte eine „Popularisierung der Beschwerde“ und „Vernichtung der Idee von der Eigenverantwortung“.

Schmidt zeigte sich weniger ironisch, eher nachdenklich. Sie sah in dem Werk ein Plädoyer für die Freiheit und Würde des Patienten. Dies müsse auch im Zentrum des gesundheitspolitischen Handelns stehen. Dabei seien Klischees, Ängste und Vorurteile abzubauen, besonders gegenüber demenziell Erkrankten. „Die Menschenwürde endet nicht mit dem Verlust intellektueller oder kognitiver Fähigkeiten.“ Psychisch Kranke hätten ein Recht auf Teilhabe und auf ein selbstbestimmtes Leben. Hierzu könne auch das Buch einen Beitrag leisten.

Dabei plädiert Lütz für einen pragmatischen Gesundheitsbegriff und setzt utopischen Gesundheitsträumen die Feststellung Friedrich Nietzsches entgegen: „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ Anders gesagt, nicht jede Trauer ist schon Depression und nicht jeder Ärger auf der Arbeit ein Burnout-Syndrom – und nicht jeder Zappelphilipp ein ADHS-Kind, ergänzte Schmidt. Sie warnte vor der Gefahr des Überdiagnostizierens. Lütz verwies auf Beobachtungen seines Kollegen Klaus Dörner, der einmal über etwa ein halbes Jahr zusammengerechnet habe, wieviel Prozent der Deutschen angeblich psychotherapiebedürftig krank seien. Das erstaunliche Ergebnis: „Über 210 Prozent der Deutschen sind psychotherapiebedürftig krank.“ Gegen eine solchermaßen „wehleidige Gesellschaft“ will Lütz mit seinem Buch aufklären – und über wirkliche Krankheiten und die fortgeschrittenen Chancen auf Heilung. Denn all jene, die sich nur Herzschmerz, vorübergehende Verunsicherungen oder bedrängende existenzielle Fragen wegtherapieren lassen wollen, besetzen nicht nur wertvolle Therapieplätze für Depressive, Schizophrene oder Maniker, sie verschwenden auch Versicherungsgelder.

Die Gesundheitsministerin gab dem Buch ihr Gütesiegel: niedrigschwellig, verständlich, lesbar und seriös. Der Autor versichert, dass führende Wissenschaftler sein Buch für gesund befunden und sein Metzger es verstanden habe. Auf 180 Seiten bietet „Irre!“ eine scharfzüngige Gesellschaftskritik sowie eine eingängige Darlegung der wesentlichen psychischen Krankheitserscheinungen und der gängigen Therapien nach dem Stand der Forschung – das alles anhand von oft kurzweiligen Beispielen aus der Praxis. Broder legte es schon mal jenen wärmstens an Herz, „die noch vom letzten Sloterdijk traumatisiert sind“. Am Ende könne dann jeder Leser selbst entscheiden: Bin ich verrückt oder sind es die anderen.