Wer über die Internettechnik der Zukunft entscheidet

Ein Berliner Forum von Internetforschern diskutierte die Folgen der digitalen Revolution Von Max-Peter Heyne und Gabriele Leidloff

Die jüngste Forderung einiger Parlamentarier von CDU und SPD nach einem Regierungsmitglied, das sich speziell um gesellschaftspolitische Aspekte kümmert, die sich aus der dynamischen Entwicklung des Internet ergeben, ist schon wieder zerstoben. Aber die häufig aufkeimende Idee eines Internet-Ministers zeigt, dass die Online-Welt immer mehr reale Lebensbereiche und Arbeitswelten beeinflusst und folglich auch Wünsche befördert, diese Entwicklungen administrativ stärker zu begleiten.

Voraussetzung ist die leicht verständliche Software

Welche Folgen die Transformation von bisher analogen zu nun digitalen Arbeits-, Verwaltungs- und Archivierungsprozessen hat und welche technologischen Standards und organisatorischen Rahmenbedingungen wünschenswert beziehungsweise erforderlich sind, um das Internet in Zukunft „als Chancenraum zu begreifen und besser zu nutzen“, damit beschäftigt sich ein Verein namens „Xinnovations“.

Das überregionale Bündnis, zu dem Forscher von Berliner Universitäten, Unternehmer, Politiker sowie Experten für Informationstechnologie gehören, will seine Mitglieder und Kooperationspartner auf realen wie virtuellen Tagungen und Konferenzen „nachhaltig vernetzen“, innovative Ansätze im Umgang mit internetbasierten Technologien diskutieren und die Erkenntnisse sowohl den beteiligten Unternehmen als auch der Öffentlichkeit vermitteln. Als „permanentes Innovationsforum“ will der Verein nicht zuletzt „als Schnittstelle zwischen den Vereinsmitgliedern und regierungsamtlichen Stellen auf Bundes-, Landes- und europäischer Ebene fungieren“, zumal manche der dort vorgestellten Projekte vom Bundesministerium für Bildung und Forschung oder Stellen des Berliner Senats unterstützt werden.

Die vom Vorsitzenden von Xinnovations e.V., Rainer Thiem, ehemaliger Presse- und Marketingbeauftragter von Universitäten und Medienunternehmen sowie erfahrener Netzwerkmanager, organisierten Kongresse sind konsequent interdisziplinär ausgerichtet. Auch bei der Tagung im letzten Herbst an der Berliner Humboldt-Universität wechselten sich die Themenblöcke „Forschung und Entwicklung“, „Wirtschaft“ und „Gesellschaft“ ab. Zu letzterem referierten Gastredner wie Kirsten Gollatz vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, das mit Mitteln des Google-Konzerns unterstützt wird, explizit über „neue Formen der politischen Partizipation im digitalen Zeitalter“. Dazu gehört zum Beispiel die Befragung von Parteimitgliedern oder betroffenen Bürgern via Internet. Die Idee einer sogenannten Liquid Democracy (Fließenden Demokratie), bei der zu allen thematischen und personellen Belangen per Email oder Blog-Eintrag abgestimmt werden soll, wurde von der Piratenpartei zum Prinzip erhoben und in extenso praktiziert – was insbesondere bei denjenigen, die daraus quasi eine Art politische Willensbildung herausfiltern müssen, an Kapazitätsgrenzen stieß.

Wie Armin Berger von der 3pc-Kommunikationsagentur auf dem Kongress berichtete, stehen der attraktiven Dynamik direkter Online-Mitbestimmung schwerfällige Parteien- und Regierungsstrukturen gegenüber, deren Mühlen deutlich langsamer mahlen. Außerdem stellt sich die Frage nach der Relevanz der Abstimmungsergebnisse, die häufig vom Verhalten „technikgläubiger Enthusiasten“ dominiert sind. Punktuelle Entscheidungen seien über eine Online-Befragung gut abrufbar, aber „bei komplexen Themen klappt dies kaum“, so Berger. Beim Wikimedia-Portal Deutschland hat man in Sachen Mitwirkung der Internet-Community sogar die Erfahrung gemacht, dass zwischen Diskussionsfreude beziehungsweise Umfang der Einträge und Relevanz des Sachverhaltes mitunter ein arges Missverhältnis besteht. Pavel Richter von Wikimedia schlussfolgerte daher, dass „die Frage, die über das Wohl oder Wehe der Liquid Democracy entscheide, heißt: Wie macht man komplexe Sachverhalte weniger komplex?“ Voraussetzung ist eine auch für Laien leicht handhabbare Software, die niemanden von vornherein ausschließe.

Leitend ist die Idee einer „flüssigen Demokratie“

Die Frage nach der Zugänglichkeit und Effektivität von Internetanwendungen für normale Bürger und Unternehmen impliziert, welche technologischen Standards die Hardware-Industrie und Software-Programmierer durchsetzen (wollen). Deshalb kooperiert Xinnovations e.V. stark mit jenen Organisationen, die sich damit explizit beschäftigen: Das Netzwerk „Semantic Media Web“ entwickelt semantische, technologische Protokolle, die die vollautomatische Strukturierung und Verknüpfung von Daten ermöglichen. Diese quasi in der Programmierung verborgenen Protokolle sind von großer Bedeutung, da sie wechselseitig die gesamte Infrastruktur und die praktischen Kommunikations- und Arbeitsabläufe in Verwaltungen und Unternehmen beeinflussen.

Das internationale Gremium „World Wide Web Consortium“ (W3C) kümmert sich wesentlich um die Standardisierung von Internet-Technologien und entwirft zugunsten einer möglichst hohen technischen und redaktionellen Qualität von Protokollen Richtlinien. Dies geschieht prozessual, also als work-in-progress, der auf den maximalen Konsens der rund 350 Mitglieder abzielt. Insofern praktiziert auch W3C die Idee einer Liquid Democracy, wobei man großen Wert darauf legt, dass alle Mitglieder jeweils über eine Stimme verfügen, egal wie groß die dahinterstehende Firma oder Organisation ist. Konzerne wie Google haben dasselbe Stimmrecht wie kleine Start-Up-Firmen. Über 220 Internet-Standards seien auf diese Weise bereits etabliert worden, berichtete Bernhard Gidon von W3C auf dem Berliner Xinnovations-Kongress. Mike Smith von W3C berichtete, dass für Standardisierung von Browsertechnologien, mit deren Hilfe die Nutzer inzwischen nicht nur online gehen, sondern auch bestimmte Apps anwenden, ein Blick auf die Games-Industrie hilfreich ist. Denn die Programmierstrukturen, die sich hinter der Hard- und Software der kommerziellen Computerspielindustrie verbergen, würden innerhalb einiger Jahre auch auf mobile Endgeräte transferiert, so Smith. Auch dort gehe es schließlich um Optimierung der Kapazitäten, Schnelligkeit und leichte Zugriffsmöglichkeit der Anwendungen.

www.xinnovations.org / www.w3.org