Wer schützt künftig den Lebensschutz?

Die Katholische Universität Eichstätt konnte bisher in bioethischen Fragen kompetent Stellung nehmen. Diese Debattenkultur steht in Frage, die Professur für Bioethik wird wohl im Frühjahr nächsten Jahres eingestellt. Dies legt ein tiefergehendes Problem offen. Ein Debattenbeitrag. Von Martin Hähnel

Marsch für das Leben
Aktionen wie der „Marsch für das Leben“ müssen auch philosophisch-theologisch reflektiert werden. Foto: dpa
Marsch für das Leben
Aktionen wie der „Marsch für das Leben“ müssen auch philosophisch-theologisch reflektiert werden. Foto: dpa

Seit nunmehr über drei Jahren bin ich als Philosoph an der in Deutschland einzigartigen Professur für Bioethik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig. Dass diese auf vielen Ebenen durchaus erfolgreich arbeitende Professur an einer katholischen Institution angesiedelt ist, mag für viele sicherlich ein Ärgernis sein, vor allem für diejenigen, welche den wissenschaftlichen Lebensschutz aufgrund seiner vermeintlichen Unzeitgemäßheit und gezielt normativen Ausrichtung nicht mehr länger als katholisches Proprium sehen mögen. Für alle anderen hingegen, vor allem für die Studierenden der Universität, ist die Professur eine willkommene Gelegenheit, bioethische Fragen in all ihren Facetten auf einem wissenschaftlichen Niveau und mit politisch-rechtlicher Relevanz zu diskutieren. Dieser Umstand stellt in unserer Gesellschaft mit ihrer oft einseitig geführten Debattenkultur zweifellos ein hohes Gut dar, dessen Erhalt und Pflege, wie das Beispiel Eichstätt zeigen soll, auf dem Spiel steht.

Denn im Frühjahr nächsten Jahres wird es mit den vielfältigen Aktivitäten in Sachen Bioethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt aller Wahrscheinlichkeit nach vorbei sein. Eine verstetigte Professur für Bioethik ist nach derzeitigem Wissensstand im künftigen Etat der Universität, welcher trotz sinkender Studierendenzahlen in den letzten Jahren durch den Freistaat und die Bayrische Bischofskonferenz um mehrere Millionen Euro aufgestockt worden ist, nicht vorgesehen. Dabei hat die personell recht karg ausgestattete Professur in den letzten Jahren durchaus effektiv und öffentlichkeitswirksam gearbeitet. Gemessen am gesamten Drittmittelvolumen der Universität konnte sie mit proportional überdurchschnittlichen Einwerbungen, zahlreichen begutachteten Beiträgen und Stellungnahmen in deutschen und internationalen Zeitschriften und nicht zuletzt von den Studierenden gut besuchten und positiv evaluierten Veranstaltungen zur Sterbehilfe, Embryonenforschung und Transplantationsmedizin aufwarten. Somit wundert man sich schon ein wenig darüber, dass an diesem kleinen und überschaubaren Universitätsstandort Eichstätt mit seinen kurzen Wegen und seiner familiären Atmosphäre dem zukünftigen Schicksal der Bioethik nicht die Beachtung geschenkt wird, die es braucht, um Fragen des Lebensschutzes in einer umfassenden Weise und mit deutlich erkennbarem katholischen Profil zu diskutieren. Umso erstaunlicher ist dieser Befund, wenn man bedenkt, dass die gesellschaftspolitische Relevanz und Brisanz dieser Disziplin heutzutage umso stärker ins Auge fällt: Neuere Entwicklungen in der Embryonenforschung, beim Klonen sowie zahlreiche ethische Kontroversen zur Sterbehilfe sind nur drei Beispiele für bioethische Diskussionsfelder, die nicht selten die Seiten deutscher Feuilletons und Wissenschaftsmagazine füllen und welche stets von fundierten kritischen Kommentaren seitens der Katholischen Kirche begleitet wurden und teilweise noch werden. Daneben wird den Katholiken immer wieder nachgesagt, ein besonderes „Lebenschutz-Gen“ (Püttmann) zu besitzen, das sie dazu befähige, sich naturgemäß für ethische Fragen am Lebensanfang und Lebensende einzusetzen. Das alles sind sicherlich sehr gute Voraussetzungen, um weiter an dem Erhalt beziehungsweise Ausbau bioethischer Expertise an katholischen universitären Einrichtungen, die es in Deutschland bekanntlich nicht zuhauf gibt, zu arbeiten. Was aber ist dann der Grund dafür, dass es in Eichstätt höchstwahrscheinlich bald keine wissenschaftlich fundierte Lehre und professionelle Forschung im Bereich Bio- und Medizinethik geben wird?

Das bevorstehende Auslaufen der Professur für Bioethik in Eichstätt ist, so der Eindruck, der sich bei genauerem Hinschauen einstellt, womöglich Symptom einer weitaus bedenklicheren Entwicklung, die sich gerade auf mehreren Ebenen innerhalb der katholischen Kirche vollzieht und die den allgemeinen Anschein erweckt, dass sich die Katholische Kirche immer weniger als Anwältin des Lebensschutzes verstehen möchte. Folgende Gründe tragen aus meiner Sicht zu dieser Einschätzung bei:

Die Katholische Kirche, vor allem die Katholische Kirche in Deutschland, unterliegt seit einiger Zeit dem Trend, sich bei bioethischen Fragen immer stärker dem Zeitgeist anzugleichen. (Neuere erfreuliche Gegenbeispiele sind die Jahresabschlusspredigt von Kardinal Woelki und die kritischen Einlassungen des Bundeslandwirtschaftsministers Schmidt bezüglich der passiven Haltung der Kirchen zum Lebensschutz.) Dies mag in Zeiten einer sich beschleunigenden Säkularisierung sicherlich vertretbare pragmatische Gründe haben, jedoch muss man sich ernsthaft fragen, ob der Preis, den man für diese Anpassung bezahlt, nicht zu hoch ist. Denn wenn das menschliche Leben (und mit ihm seine Würde) zum alleinigen Gegenstand pragmatischer Erwägungen wird (ein gutes Beispiel hierfür ist die Akzeptanz des Hirntodkriteriums durch einige Bischöfe), dann entsteht leicht der Eindruck, dass die Katholische Kirche keine eindeutige Position mehr in Bezug auf normative Fragen des Lebensschutzes haben möchte. Diese allgemeine Wahrnehmung ist jedoch fatal, unter anderem schon allein deswegen, da es einige Nicht-Katholiken gibt (darunter befinden sich leider immer weniger Protestanten), die es nach wie vor schätzen, dass die Katholische Kirche in Fragen des Lebensschutzes immer wieder eindeutig Stellung bezieht. Anlässlich dieser Vakuumsituation, so sie denn als diese wahrgenommen wird, müsse es doch ein vordringliches Ziel sein, die eigene, etwas wacklig gewordene bioethische und biopolitische Position wieder zu stärken, allerdings nicht, indem man seine Auffassung dem jeweiligen Zeitgeist opfert, sondern indem man diese Auffassung so konfiguriert, dass sie zum jeweiligen Zeitgeist in gesprächsbereitem Widerspruch steht.

In diesem Zusammenhang ist noch ein zweiter Grund erwähnenswert: Mit dem Pontifikat von Franziskus ist der Umweltschutz auf der politischen Agenda des Vatikan merklich nach oben gerückt. Gewiss ist der Umwelt- und Naturschutz, nicht erst seitdem Benedikt XVI. von der „Ökologie des Menschen“ gesprochen hat, ein bedeutsamer Gegenstand bioethischer Reflexionsarbeit. Dennoch lässt sich hier eine schleichende Verschiebung beobachten, die nicht zuletzt durch die Neukonstituierung der Päpstlichen Akademie für das Leben, in dem neuerdings auch Abtreibungsbefürworter Platz haben, bestätigt wird. Klassische Themen der Bioethik wie Sterbehilfe oder der Schutz vorgeburtlichen Lebens werden damit marginalisiert, teilweise auch unter dem Deckmantel, dass man diese Fragen und Probleme doch von nun an in einem größeren Kontext diskutieren müsse, um sie besser verstehen und bewältigen zu können. Meiner Ansicht nach liegt in diesem geordneten Rückzug aus klassischen bioethischen Kontroversen eine kaum zu überschätzende Gefahr: Obzwar die Bioethik, welche sich von ihrem Selbstverständnis her mit ethischen Fragen am Lebensanfang und am Lebensende befasst, durchaus um umweltethische Überlegungen ergänzt werden kann, darf sie nicht durch diese ersetzt werden. Das aber scheint gerade der Fall zu sein.

Der letzte von mir zu nennende Grund ist weniger ein kirchenpolitisch-strategischer als vielmehr ein systematisch-philosophischer Punkt: Seit jeher ist die Katholische Kirche eine Instanz gewesen, die sich durch die Aufrechterhaltung moralischer Absoluta und eine gewisse Resistenz gegenüber Güterabwägungskalkülen in Lebensschutzfragen auszeichnet. Diese Bastion, welche bereits in den 1980er Jahren innerhalb der deutschen katholischen Moraltheologie gefallen war, ist nun auch durch den Eintrag situationistischen oder – um in der Sprache moderner Moralphilosophie zu bleiben – konsequentialistischen Gedankengutes (demzufolge die moralische Bewertung einer Handlung nicht mehr von intrinsischen Charakteristika, die eine zu beurteilende Handlung aufweisen kann oder muss, abhängt, sondern ausschließlich von den Folgen, die sie hervorbringt) in die aktuelle Diskussion zur Familienethik auf höchster Entscheidungsebene in seinen Grundfesten erschüttert.

Waren Johannes Paul II. (vor allem in Veritatis splendor) und Benedikt XVI. noch ausgesprochene Gegner einer konsequentialistischen Aufweichung der katholischen Morallehre (und damit auch des Lebensschutzes), so scheint die derzeitige kuriale Situation unter Franziskus in dieser Frage weit weniger eindeutig und einstimmig zu sein. Somit ist hier durchaus tiefe Sorge angebracht, denn die jesuitische Tradition, in der Franziskus steht, ist auf Basis ihrer Methode der Fallunterscheidungen für konsequentialistische Güterabwägungen anfällig, gerade auch dann, wenn das Motto der Jesuiten, „alles zur höheren Ehre Gottes“ zu tun, als Paraphrase des fragwürdigen Grundsatzes, wonach der Zweck die Mittel heilige, verstanden wird.

Wenn also die Mehrheit der Katholiken diesen Wahlspruch zukünftig auf eine (philosophisch ausgedrückt) universalteleologische Weise interpretieren will, was wir nicht hoffen, dann sollte dieser Teil der Katholiken auch wissen, dass damit einer bewährten Argumentationsweise, die dem Schutz menschlichen Lebens einen ethischen Vorrang einräumt, aus dem sich dann bestimmte lebensschutztypischen Rechte und Pflichten ableiten lassen, der Boden entzogen wird. Stellt man nämlich den Lebensschutz unter ein solches absolutes Maximierungsgebot, dann sinkt er zwangsläufig zu einer „Option“ unter vielen herab, egal ob diese Option „stark“ oder „klar“ genannt wird, um einmal den Pressesprecher des jüngst in die Kritik geratenen Limburger Bischofs Bätzing zu zitieren. Es bleibt daher abzuwarten, inwieweit situationistisches beziehungsweise konsequentialistisches Gedankengut auch außerhalb der aktuellen Diskussion über die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion in der Katholischen Kirche weiter Platz greift und ob der Lebensschutz in Zukunft vielmehr selbst geschützt werden muss, um nicht zu einem verhandelbaren Gut neben anderen degradiert zu werden.

Wer schützt also in Zukunft den Lebensschutz oder eine offene Diskussionskultur über ihn (innerhalb und außerhalb der Katholischen Kirche)? Falls die Katholische Kirche in Deutschland der erste Kandidat für die Übernahme dieser Rolle bleiben möchte, muss sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung auf diesem Gebiet neu bewusst werden. Dies schließt meines Erachtens auch eine weltanschaulich neutrale, das heißt vorwiegend philosophische Auseinandersetzung mit bioethischen Fragen ein. Die Moraltheologie kann diese Aufgabe nicht übernehmen, da sie keine vernünftigen Gründe für den Lebensschutz vorbringen kann, die nicht der philosophischen Reflexion entlehnt sind oder der eigenen Tradition, die bis zu ihrer „konsequentialistischen Wende“ noch eine eindeutige Auffassung zugunsten der Nichtabwägbarkeit des Lebens vertreten hat, entstammen. Natürlich ist es mit einem ergebnisorientierten und kontroversen Nachdenken über den Lebensschutz nicht getan. An dieser Stelle muss insbesondere auf eine begünstigende Verbindung zwischen der philosophisch-theologischen Reflexion und der Lebensschutzbewegung, welche sich über Aktionen wie „Marsch für das Leben“ immer wieder Gehör verschafft, hingewiesen werden. Solange nämlich der öffentliche Protest nicht auch durch vernünftige Gründe begleitet wird, die diesen Protest nähren (ohne ihn damit vollständig legitimieren zu können), und solange das philosophische Plädoyer für den Lebensschutz nicht auch selbst Einspruchscharakter besitzt, solange wird der Anspruch, menschliches Leben vom Anfang bis zum Ende schützen zu wollen, bedroht bleiben.

Der Autor ist als Philosoph an der Professur für Bioethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig.