„Wenn wir Gott verlieren, haben wir alles verloren“

Für die Passionsspiele in Oberammergau 2020 hat Christian Stückl das Personal vorgestellt – darunter auch zwei Muslime. Von Georg Blüml

Passionsspiele 2020 in Oberammergau
Festspielleiter Christian Stückl (l.) mit Co-Leiter Abdullah Karaca, der die Rolle des Nikodemus übernimmt. Foto: dpa
Passionsspiele 2020 in Oberammergau
Festspielleiter Christian Stückl (l.) mit Co-Leiter Abdullah Karaca, der die Rolle des Nikodemus übernimmt. Foto: dpa

In Oberammergau wirft die Passion 2020 ihre Schatten voraus. In guter Tradition war es bereits zu Unruhen im Gemeinderat gekommen, nachdem der Theatermacher Christian Stückl im Vorfeld knapp verlauten ließ, die Rolle des Prologs zu streichen. Bislang hatte dieser das zu Sehende theologisch unterfüttert – für Stückl, der auch ein überregionales Münchenpublikum im Auge hat, ist eine solche Funktion nicht mehr so recht zeitgemäß. Da in Oberammergau aber eine ganze Dorfgemeinschaft beteiligt ist, die – nachdem man die Verantwortung einige Zeit an eine GmbH ausgelagert hatte – auch wieder formal als Veranstalter des gemeindlichen Gelübdespiels auftreten möchte, erreichen solche Eingriffe sofort auch eine politische Dimension. Was dem einen lässlich erscheint, bleibt für das Gegenüber nun einmal substanziell. Auch Stückls Besetzungspraxis wurde als intransparent kritisiert.

Vorsichtig austariert sind Rechte und Gewalten, denn die Dörfler müssen auch außerhalb der Passionsjahre miteinander auskommen. Nur wer im Ort geboren wurde oder mindestens 20 Jahre dort wohnt, hat das sogenannte „Spielrecht“; welche Besetzung die Premiere spielen darf, entscheidet das Los. Andererseits soll das Festspiel von dörflicher Enge auch nicht erdrosselt werden. Ein Antrag auf Beibehaltung der Figur des Prologes wurde inzwischen im Gemeinderat abgelehnt, dem Dorffrieden zumindest amtlich Genüge getan.

Im Zentrum des kommenden Theatersommers steht das Spiel zum Spiel. Das Stück „Die Pest“ wird seit der Jubiläumspassion von 1934 in jedem Passionsvorjahr aufgeführt und dient den Mitwirkenden sozusagen als Probelauf. Der Legende nach hat sich der Tagelöhner Kaspar Schisler zur Kirchweih 1633 aus dem pestverseuchten Umland ins noch nicht betroffene Ammertal geschlichen und so den Tod ins Herrgottsschnitzerdorf gebracht. Die Oberammergauer leisteten das berühmte Gelübde, das Sterben hörte auf und im Jahr darauf, 1634, fand zum ersten Mal das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ statt; der Beginn der in zehnjährigem Turnus aufgeführten Passionsfestspiele. Oberammergau war beileibe nicht das einzige Dorf, welches sich in der Barockzeit theatralisch engagierte; in 450 Orten soll sich der gegenreformatorische Überschwang gezeigt haben. Aber es ist das einzige, in dem sich ein solches Spektakel bis heute halten konnte, über alle Zeitmoden und aufklärerische Tiraden hinweg.

Es ist Stückls vierte Passion und dementsprechend auch das vierte Mal, dass „Die Pest“ über ihn kommt. Das Schauspiel stellte die Seuche als göttliche Strafe für einen Ehebruch dar. Beredt schildert der Regisseur seine Skrupel, das im Stück vertretene Gottesbild in Szene zu setzen und wie knapp er beim ersten Mal an Blasphemie-Vorwurf und Entzug der Festspielregie entlangschrammte. Für die Jahre 1999 und 2009 beschäftigte der Theatermann daher den Dramaturgen Martin Wall, von dessen Fassung er aber 2019 wieder abweichen möchte. „Die Pest“ bleibt „work in progress“, meint Stückl und verspricht ein Mittelalterspektakel, das wütend geschwungene Furken und glühende Scheiterhaufen befürchten lässt. Der gebürtige Ammergauer berichtet durchaus anrührend, wie ein Onkel das häusliche Kruzifix im Zorn ergriff, es aufs verhagelte Feld hin-austrug und mit seinem Gott haderte: „Schau dir o, was du angericht' hast!“ Der leidgeprüfte Bauer warf das Kreuz aus dem Haus, um es freilich – kaum dass der Zorn verraucht war – kleinlaut und reuig wieder in den angestammten Herrgottswinkel heimzuholen. „Wenn wir auch noch Gott verlieren, haben wir wirklich alles verloren.“

Bis zur großen Passion bleibt also noch einiges zu bewältigen. Zumindest steht die Doppelbesetzung der zwanzig Hauptrollen. 1 850 Erwachsene und 450 Kinder werden teilnehmen; explizit spielen auch zwei Muslime mit. Als Nikodemus mit erweiterter Rolle wird der zum Co-Leiter der Passionsfestspiele avancierte Regiestudent Abdullah Karaca zu sehen sein; die prominentere Rolle des Judas übernimmt Cengiz Görür. Beide erfüllen die formalen Kriterien. Sie sind geborene Oberammergauer nur eben mit türkischen Wurzeln und beide nahmen auch am ökumenischen Gottesdienst mit der Gelübdeerneuerung teil. Bemerkenswert wenig Wirbel gab es um die Personalie; sie werden als Hiesige gesehen. Auch Stückl serviert seinen Coup als Petitesse.

Während Stückl bis zur Premiere am 28. Juni noch mit den dramaturgischen Fährnissen der „Pest“ ringt, lächelt sein musikalischer Leiter Markus Zwink. Auch für ihn ist es das vierte Mal, dass er für die harmonische Untermalung von Pest und Passion verantwortlich zeichnet. Und wenn die Szene noch ganz schnell eine Orchesterüberleitung erfordert? Kein Problem; Zwink ist pragmatisch und inzwischen Stückl-gestählt. Die Vorsingen für den Chor haben begonnen, ab Januar wird es regelmäßige Proben geben; Einzelstimmbildung inklusive. Am 7. Juli soll im Festspielhaus ein Chorkonzert erklingen, dessen Programm in Beethovens selten aufgeführter „Chorfantasie“ op. 80 in c-moll gipfelt. Die fragile Struktur des für Klavier, Orchester, Soli und Chor gedachten Werks war seinerzeit so experimentell, dass die Uraufführung abgebrochen und neu begonnen werden musste. Wie beim Jubelchor der populäreren 9. Symphonie greift Beethoven auch hier auf die Motivik seines Liedes „Gegenliebe“ zurück. Den Poesien Christoph Kuffners freilich fehlt es an schiller'scher Durchschlagskraft. Und so weit, dass man statt ihrer die recht gelungene Dichtung des Erzkommunisten Johannes R. Becher verwendet, wollte man in Oberammergau noch nicht gehen.

Neben zwei Aufführungen des allseits beliebten „Brander Kaspar“ von Kurt Wilhelm findet im ehrwürdigen Festspielhaus auch das inzwischen siebente Heimatsound Festival statt. Es entsprang der Idee Frederik Mayets und scheint wohl eine göttliche Eingebung des Jesusdarstellers gewesen zu sein, denn das zweitägige Spektakel ist inzwischen so gefragt, dass es im letzten Jahr nach nur 30 Minuten ausverkauft war. Die Genres reichen von kommodem (Hoch-)Deutsch-Rap (Scheibsta und die Buben) über österreichischen Elektropop (Leyya) bis zu gefälligen englischen Folk-Balladen (Impala Ray); erweiterter Heimatbegriff eben. Immerhin Django 3 000 reimen auf Bairisch zu Gipsy-Klängen und dazu noch ziemlich gut.