Wenn eine Familie zerbricht

Ein intensives Porträt des Endes einer Ehe und der damit verbundenen Erschütterungen: „Die Ökonomie der Liebe“. Von José García

Nach fünfzehn Jahre Ehe haben sich Marie (Bérénice Bejo) und Boris (Cédric Kahn) entschlossen, sich scheiden zu lassen. Aus finanziellen Gründen müssen sie aber vorerst zusammenwohnen. Dies führt zum Dauerstreit oder zu betretenem Schweigen. Foto: Camino
Nach fünfzehn Jahre Ehe haben sich Marie (Bérénice Bejo) und Boris (Cédric Kahn) entschlossen, sich scheiden zu lassen. ... Foto: Camino

Es ist kompliziert“, lautet ein möglicher „Beziehungsstatus“ in einem bekannten Sozialen Netzwerk, was viel Interpretationsraum zulässt. Kompliziert im Sinne von „schwer zu handhaben“ – so wie der Duden das Eigenschaftswort definiert – gestaltet sich auf jeden Fall die Beziehung zwischen Marie (Bérénice Bejo) und Boris (Cédric Kahn) im Spielfilm „Die Ökonomie der Liebe“ („L'économie du couple“) von Regisseur Joachim Lafosse und seinen Mit-Drehbuchautoren Mazarine Pingeot, Fanny Burdino und Thomas van Zuylen. Denn Marie und Boris leben „eigentlich“ getrennt. Nach 15 Jahren Ehe haben sie sich entschieden, sich scheiden zu lassen. Boris soll aus dem gemeinsamen Haus ausziehen. Da er sich aber keine Wohnung leisten kann, bleibt er vorerst im Arbeitszimmer wohnen.

Das bringt natürlich jede Menge Probleme mit sich, insbesondere auch für die zehnjährigen Zwillingstöchter (Jade und Margaux Soentjens), die mit den komplizierten Regeln ihrer Eltern überfordert sind. Beispielsweise wenn Boris an einem Mittwochnachmittag bereits da ist, als Marie mit den Zwillingen nach Hause zurückkommt, obwohl sie ausgemacht hatten, dass er mittwochs erst nach 20 Uhr nach Hause kommt. Jade und Margaux freuen sich einfach darüber, dass ihr Vater da ist und Zeit für sie hat. Wie sollen die Kinder verstehen, dass sich ihre Mutter so aufregt, weil deshalb ihre Pläne mit dem Kochen und den Hausaufgaben der Zwillinge durcheinandergeraten?

Schwierig wird die Familienkonstellation auch für Fremde. Eine ganz peinliche Situation entsteht etwa, als Marie ein Abendessen für Freunde im Garten gibt, bei dem Marie ihr Herz ausschüttet. Just in dem Augenblick kommt Boris nach Hause. Statt ins Haus zu gehen, setzt er sich dazu, und beginnt Marie zu provozieren. Wie sollen die Freunde darauf reagieren? Sollen sie für Marie oder für Boris Partei ergreifen? Als Zeugen des Ehestreits stehen die Freunde stellvertretend für die Zuschauer des Filmes, denen es ebenso schwerfällt, sich für einen der noch-Ehepartner zu entscheiden.

Eigentlich wäre die Lösung ganz einfach: Boris zieht aus dem gemeinsamen Haus aus, die gemeinsamen Zeiten mit den Kindern werden ausgehandelt oder nötigenfalls gerichtlich geregelt. Der Konflikt entzündet sich freilich an der Frage der Abfindung, die Marie Boris bezahlen soll, damit sie das Haus behält. Denn einst kaufte sie das Haus, aber er renovierte das komplette Haus über die gemeinsamen Jahre. Dabei fordert Boris von Marie weitaus mehr, als sie zu geben bereit ist. In ihrer Wut und Verzweiflung sind sie unfähig nachzugeben. Insofern scheint der Filmtitel „Die Ökonomie der Liebe“ folgerichtig, weil sich Marie und Boris ständig nur über die finanzielle Abfindung unterhalten, weil sie oberflächlich betrachtet nur noch übers Geld reden.

Joachim Lafosse gelingt das Kunststück, dieses überaus realistisch anmutende Drama bis auf zwei kleine Szenen am Ende des Filmes komplett in dem Haus zu drehen. Jean-François Hensgens bewegt die Kamera durch die Küche, das Wohnzimmer, das einst gemeinsame Schlafzimmer, das Kinderzimmer und das einstige Arbeitszimmer, wo nun Boris seine Zelte aufgeschlagen hat, so geschickt, dass nie ein Gefühl klaustrophobischer Enge entsteht. Obwohl die Kamera hin und wieder durch das Haus in einer Plansequenz fährt, bleibt sie doch meistens sehr nah an den Figuren – im Gegensatz zu den kurzen, außerhalb der Wohnung stattfindenden Szenen, die aus einem größeren Abstand gefilmt werden, und dadurch distanzierter wirken. Ebenso reduziert ist das Personal. Mit Ausnahme der Szene mit den Freunden besteht es lediglich aus dem Ehepaar, den Zwillingen und Maries Mutter Christine (Marthe Keller).

„Die Ökonomie der Liebe“, die im Mai 2016 auf dem Filmfestival Cannes in der Reihe „Directors' Fortnight“ uraufgeführt, auf dem Filmfest München seine Deutschlandpremiere feierte und nun im regulären Kinoprogramm anläuft, konzentriert sich zwar auf die ökonomischen Verhältnisse der Ehepartner. Das Beziehungsdrama liefert aber eine Art „Szenen einer Ehe“ oder besser „Szenen vom Ende einer Ehe“. Denn auch wenn Marie und Boris fortwährend finanzielle Fragen diskutieren und mitunter heftig darüber streiten, ob ihm lediglich ein Drittel oder aber die Hälfte des Hauswertes zusteht, ums Geld geht es nur vordergründig. Das Sprechen über finanzielle Fragen dient dazu, dass sich Marie und Boris darüber klar werden, wie sie all die Jahre zusammenleben konnten und nun über alles streiten: über SMS-Nachrichten, über die Fußballschuhe der Mädchen, über den Käse im Kühlschrank. Es handelt sich nicht nur um eine Rechnung über Geld, sondern darüber, was sie verbindet und was sie trennt. Joachim Lafosses Drama handelt von der mangelnden Kommunikation in der Ehe, vom Ende einer Liebesbeziehung, aber auch von der Erschütterung, die das Umschlagen der Liebe in einen Dauerstreit verursacht, nicht nur, aber ganz besonders in den Kindern. Denn wenn die Eltern voneinander getrennt zu den Zwillingen sagen: „Das hat nichts mit euch zu tun“, merken die Mädchen schon, dass die ganze Situation sehr wohl mit ihnen zu tun hat, und vielleicht spielen sie auch manchmal unbewusst die Eltern gegeneinander aus.

Ohne bei aller Grundtraurigkeit, die sich durch den Film zieht, ins Melodramatische umzukippen, gelingt „Die Ökonomie der Liebe“ besonders durch das intensive Spiel von Bérénice Bejo und Cédric Kahn, ein wirklichkeitsnahes Porträt einer Ehe an deren Ende zu liefern, das den Zuschauer weit über das Filmende hinaus zum Nachdenken anregt.