Wenn die Unmenschlichkeit kein Ende nimmt

„Verloschene Lichter“: Ein Augenzeugenbericht aus dem KZ Majdanek ist erstmals auf Deutsch erschienen. Von Benedikt Bögle

Ein Gebäude, in dem die Gaskammern und Verbrennungsöfen untergebracht waren, im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek. Foto: dpa
Ein Gebäude, in dem die Gaskammern und Verbrennungsöfen untergebracht waren, im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek. Foto: dpa

Es ist nicht immer leicht, Rezensionen zu schreiben. Auf wenigen Absätzen ist das literarische Werk eines Autors zu bewerten; Monate, ja bisweilen Jahre des Schreibens müssen verkürzt und zusammengefasst werden auf einige, wenige Zeilen. Leicht ist es, ja, manchmal zu leicht, ein schnelles Urteil zu fällen. Hunderte von Seiten wollen destilliert werden auf nur wenige Wörter. Besonders schwer ist dies dann, wenn sich ein Werk eigentlich nicht zusammenfassen lässt, wenn es zu schwierig wird, einzelne Aspekte und Ausführungen eines Buches der geforderten Knappheit wegen für eine solche Rezension zu streichen. So schwierig ist es auch bei Mordechai Striglers Buch „Majdanek“. Der jüdische Schriftsteller und Journalist hatte den Talmud studiert, das Rabbinerdiplom erworben und als Schriftsteller und Prediger in Warschau gearbeitet, bevor er nach Zwangsarbeit in unterschiedlichen Lagern 1943 schließlich ins Konzentrationslager nach Majdanek verschleppt wurde.

Nach sieben Wochen in Majdanek und Aufenthalten in verschiedenen Lagern der Nazis wurde er 1945 schließlich aus dem KZ Buchenwald befreit. Noch im selben Jahr begann er, sechs Bücher über seine Erfahrungen und sein Leiden unter den Schergen des Nationalsozialismus zu schreiben. Sein Bericht über das KZ in Majdanek ist nun erstmals in deutscher Sprache im „zu Klampen! Verlag“ erschienen.

Nüchtern beginnt Strigler mit der Nacht, bevor er nach Majdanek transportiert wurde. Im Arbeitslager war bekannt, dass der Abtransport in ein neues Lager bevorstand. In den dunklen Stunden der Nacht beginnt der Horror, der die Menschen vor Angst verrückt werden lässt. Mordechai Strigler will sich umbringen, der Angst entfliehen. Lange hatte er ein Päckchen Gift bei sich, nun will er es nehmen und seinem Leben so selbst ein Ende setzen – doch er findet das Gift nicht mehr: „Verzweiflung umklammert mich, weil ich den Tod in der eigenen Tasche nicht finde. Wie im Nebel erinnere ich mich, dass ich ihn in meinem alten Kittel vergessen habe, auf der Arbeitsstelle.“ Für ihn also gibt es kein Entrinnen.

Strigler kommt nach Majdanek. Viele der Opfer hatten versucht, das Letzte, was sie besaßen, zu retten. In der Kleidung konnte kein Schmuck und kein Geld versteckt werden – die SS hätte die Wertsachen entdeckt. So wählten viele den einzig verbliebenen Weg: Sie schluckten ihren Besitz und achteten beim Ausscheiden darauf, nichts zu verlieren: „Sorgfältige Hände wühlten stundenlang, rieben jedes Stück Kot durch die Finger, bis sie das Wichtigste wiederfanden, um es später erneut den Eingeweiden als Pfand anzuvertrauen“, schreibt Mordechai Strigler. Im KZ angekommen, wird er zur Arbeit an einer Autobahn abgestellt. Zu den unmenschlichen Bedingungen an der Baustelle kommt die Gewalt im Lager – psychisch wie physisch.

Eindringlich beschreibt Strigler den Hunger, in Worten, die einem jeden Menschen der westlichen Welt nur unbekannt, nur fremdartig sein können. Die täglichen Brotrationen waren ohnehin schon klein, reduzierten sich aber oft, weil Nahrung beinahe die einzige Währung im Lager war und die Lagerältesten und Kapos für viele Dienste ihren Tribut forderten: Für bessere Behandlung, für das Unterlassen allzu grausamer bis tödlicher Gewalt, für das Bewahren eines kleinen Geheimnisses. Dieser Hunger treibt die Menschen zum Äußersten: „Einmal entdeckte Mendel, mein Bettnachbar, zwischen einem Haufen Steine einen Flecken Erde, bedeckt mit hochwachsenden Gräsern. Er schlich dorthin, ließ sich unbemerkt auf den Boden und begann, hastig mit dem Mund das Gras auszureißen.“ Andere Gefangene steckten sich Sand in den Mund und kauten ihn so lange, bis ein harter Klumpen entstand, „um sich selbst mit dem Fühlen von irgendetwas im ausgetrockneten Mund zu täuschen“.

Zu diesem grenzenlosen Hunger kam die Gewalt der Lageraufseher, die jeder Menschlichkeit spottet. Immer wieder wurden jüdische Kinder zu „Kapos“ gemacht, zu Gefangenen also, die selbst über andere KZ-Insassen zu herrschen hatten. Auf den ersten Blick ein Glück für diese Kinder – so entkamen sie dem beinahe sicheren Tod durch das Gas. Eigentlich jedoch war dies nur eine neue Gelegenheit für die SS, zu quälen und zu terrorisieren. Eines dieser Kinder, berichtet Strigler, wurde gezwungen, seine eigenen Eltern zu erhängen: „Dem Jungen zitterten unmerklich die Hände, als er den Strick über die Hälse legte. Der Vater stand bleich und steif da; die Mutter wimmerte leise.“

Einer von Striglers Mitgefangenen erhängte sich in der Ecke seiner Baracke. Beim abendlichen Appell wurde sein Fehlen bemerkt, erst nach langem Suchen konnte der Tote gefunden werden. Noch nach seinem Tod war er aber immer noch das gequälte Objekt der deutschen Lageraufseher: „Später erzählten die Stubenältesten, die SS-Leute hätten sich auf den Erhängten geworfen, ihn geschlagen und mit den Füßen getreten. Sie konnten ihm nicht verzeihen, dass er sich das Recht herausgenommen hatte, selbst über sein Leben zu bestimmen.“

In der Dunkelheit gab es auch Zeichen des Glaubens

All diese Grausamkeiten, all das Unmenschliche zu beschreiben fällt dem jüdischen Autor Mordechai Strigler sichtlich schwer. Über die Wärter bleibt ihm nur zu sagen: „Die Grausamkeit übertrug sich aber allmählich von den befehlsausführenden Händen auf alle Glieder, auf das Gehirn, auf die Seele. Das tagtägliche Quälen wurde ihnen zur zweiten Natur.“ Und dennoch gibt es so etwas wie Menschlichkeit, ja vielleicht sogar Heiligkeit in Majdanek. Strigler berichtet etwa von zwei Juden, die im Besitz einer hebräischen Bibel waren. Immer wieder wurden die Schriften ihnen abgenommen, immer wieder konnten sie aus den Kleidern der getöteten und verbrannten Häftlinge neue Bibeln zusammensuchen. Ein gefährliches Vorhaben, immer mehr dieser frommen Juden wurden getötet. „Aber diejenigen, die noch am Leben blieben, setzten sich immer störrischer der Qual aus, nur um noch ein Kapitel Tanach lesen zu können.“

Mordechai Striglers Buch „Majdanek“ fesselt seinen Leser. Schlicht stellt sich das Opfer des NS-Terrors seiner eigenen Vergangenheit und der Vergangenheit seines ganzen Volkes. Gequält berichtet er von seinen Erfahrungen und Erlebnissen. Nüchtern, bisweilen distanziert. Und zugleich entwickelt „Majdanek“ eine poetische Kraft, die das große schriftstellerische Talent seines Autors beweist. „Es ist noch niemandem eingefallen, dass man auch über unsere Märtyrer wie über Menschen aus Fleisch und Blut schreiben muss, deren menschliche Gestalt abertausende Mal am Tag geschändet wurde.“

So beschreibt Strigler das Anliegen seines Buches: Er will über Menschen berichten, die das Unsagbare erleiden mussten. Dieses Ziel hat er erreicht. „Schweren Herzens, mit einem inneren Zittern und einem Fluch auf diejenigen, die uns auf diesen Weg geführt haben (…) setzte er sich daran, seiner übermenschlichen Verpflichtung nachkommen“, schildert Strigler seine eigene, düstere Berufung.

Mordechai Strigler: Majdanek. Verloschene Lichter. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager. zu Klampen! Verlag, 2016, 228 Seiten, ISBN 978-3866745278, EUR 24,–