Würzburg

Wenn die Blätter treiben

Im Herbst ist Zeit für das Wesentliche. Die Tage werden kürzer, und die Schatten länger. Wenn die letzten Grillpartys abgefeiert sind, kann es besinnlich werden. Vielleicht auch die Zeit, einen neuen Weg zu Gott zu finden?

Herbst - Bunte Blätter
Schon oft hat der Herbst schwermütige Dichter zu melancholischen Zeilen inspiriert – auch lebensfrohen Christen tut die Jahreszeit gut als Vorbereitung auf die Ewigkeit.dpa Foto: Foto:

Kaum September, liegt der Geruch des Herbstes in der Luft. An Früchten und Blättern zeigt sich der schnelle Wandel der Natur. Die lichtdurchfluteten Bäume leuchten noch einmal auf, als wären die bunten Blätter lauter kleine Lichter. Kaum später versinken sie im Purpur der untergehenden Sonne. Ein letzter, traumhafter Glanz, bevor sich die kahlgefegten Äste in gespenstisch-scharfem Kontrast vor dem eisblauen Winterhimmel abzeichnen.

Der Herbst liefert den untrüglichen Beweis für die Endlichkeit alles Irdischen. Vielleicht liegt es an der damit verbundenen Melancholie, dass kaum ein Natur-Motiv in der Lyrik so häufig behandelt worden ist, wie diese Jahreszeit. Bei einer Umfrage des WDR, welche Gedichte die Deutschen am liebsten mögen, fand sich das Rilke-Epos „Herbsttag“ unter den drei beliebtesten wieder. Rilkes poetisches Meisterwerk gibt in metaphorischer Gestalt eine Zusammenfassung unseres Erdenlebens: Der einsame Wanderer dankt Gott mit den Worten: „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“. In der zweiten Strophe bittet er um letzte Stärkung, „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein“, um am Ende zu resümieren, „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“.

Früher gehörte das Denken an den Tod zum Alltag

Stimmt das? Der Herbst steht in direktem Gegensatz zum Frühjahr. Anfang März beginnt mit der Aussaat das Aufkeimen neuer Hoffnung. Die ersten Knospen, manchmal noch verschneit, drängen zum Licht, bis sie in voller Blüte stehen. Der Prozess des Entstehens und Werdens ist von dem untrüglichen Optimismus geprägt, alle Blütenträume könnten reifen. Früh im Sommer zeigt sich allerdings schon, ob die Saat aufgeht. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Manche Illusion welkt schnell dahin, manche Freundschaft erweist sich als nicht tragfähig. Vielleicht haben wir auf dem Zenit unserer Schaffenskraft gedacht, wir könnten die Welt aus den Angeln heben. Oder uns bis zum Abwinken dem Genuss hingeben. „Ich musste meinem Herzen keine einzige Freude versagen“, ruft das Buch Kohelet in aller Fröhlichkeit in die Welt hinaus, um dann doch zu erkennen, „Das ist alles Windhauch und Luftgespinst“.

Im Glauben an die eigene Macht haben wir unsere Ohnmacht nicht mehr gespürt, geschweige denn an Gottes Auftrag gedacht. Soll denn alles wirklich vergeblich gewesen sein? Christen wissen um die Endlichkeit. Wenig bleibt, wenn „Motten und Rost“ das Geschaffene zerstören. Mit dem Herbst wächst die Erkenntnis, dass letztendlich nur die Schätze im Himmelreich zählen.

Irgendwann, wissen wir, wird auch unser irdischer Weg zu Ende sein. Wahrhaben wollen das immer weniger Menschen. Unsere Zeit ist geradezu krankhaft auf das Diesseits fixiert. In früheren Zeitaltern gehörte der Gegensatz von Diesseits und Jenseits zum Alltag. Davon zeugt das Memento-mori-Motiv, das sich durch die Bildende Kunst des Mittelalters bis in die Neuzeit hineinzieht und, ähnlich der Vanitas-Darstellungen, an die Vergänglichkeit des Menschen erinnert. Auch im Alltag war damals das Gedenken an den Tod an der Tagesordnung, allein durch die elfenbeinernen Wendeköpfe, die als gebräuchliche Anhänger den Abschluss von Rosenkränzen bildeten. Während eine Seite ein menschliches Antlitz zeigt, ist die andere als Totenschädel gestaltet. Das, ach so finstere, Mittelalter, von dem wir wissen, dass es gar nicht so finster war, entwickelte eben einen ausgeprägten Realitätssinn. Der Memento-mori-Gedanke flackerte später nur noch einmal kurzzeitig im Frühbarock auf, Andreas Gryphius' Gedicht „Vanitas! Vanitatum! Vanitas!“ steht beispielhaft dafür. Auf uns scheinen solche Gedanken immer befremdlicher zu wirken.

Merkwürdig, dass eine Epoche, die für sich reklamiert, den höchsten technischen und geistigen Stand in der Menschheitsgeschichte einzunehmen, die biologischen Tatsachen so meidet, wie der Teufel das Weihwasser. Doch weder chemische Wunderkeulen, noch gentechnische Manipulationen werden den Tod verhindern, ebenso wenig, wie der Traum von der ewigen Jugend durch Botox oder Silikon jemals wahr werden kann. Gewiss, die hartnäckige Illusion menschlicher Allgewalt hält sich seit dem Sündenfall. Wahrheit wird sie nie. Wozu überhaupt die Angst? Dabei liegt im Tod die Erlösung. Dank Jesus Christus.

Der Herbst steht auch für den Neuanfang

Der Herbst weckt Erinnerungen und Sehnsüchte. Kindheitsträume erwachen wieder, manchmal auch klischeedurchtränkte. Das Aufwirbeln der verwelkten Blätter durch unsere Schritte. Der still ruhende See im Herbstlicht. Der Widerschein der Großstadtlichter in den regennassen Fußgängerzonen. Mancher wird „in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“, wie Rilke schreibt. Und wir?

In unserem Kreislauf des Lebens wiederholt sich, ähnlich wie in der Natur, regelmäßig der Zyklus des Wandels. So, wie in jedem Frühling schon der Winter liegt, liegt im Herbst die Kraft des Aufbruchs. Immer wieder kommen wir im Leben an einen Punkt, wo Grenzen überschritten werden und wir automatisch einen Zustand des Aufbruchs erreichen, sei es durch den Tod naher Angehöriger, sei es infolge eigener Erkrankungen oder durch Berufs- und Wohnungswechsel. Oftmals kommen Veränderungen von außen, aber manchmal wollen wir auch unsere Komfortzone freiwillig verlassen, um hier und dort etwas nachjustieren zu können oder den Blick für das Wesentliche schärfen. Selbst Träume sind erlaubt. Die sind kein Allheilmittel gegen Stress, aber vielleicht ein Ansatzpunkt zur Bewusstwerdung. Da bietet die Natur ein schönes Beispiel, Bäume lassen im Herbst einfach los, um zur Ruhe kommen. Wie klang das gleich bei Rilke? „Herr, es ist Zeit...“ – Zeit, innezuhalten, sich neben sich zu stellen, um zu merken, „Da stehe ich also“. Aber erst, wer den Reset-Knopf drückt, kann wieder neu durchstarten. Warum eigentlich nicht? Ein überaus positiver Aspekt bei einem Neuanfang ist, dass unsere Glückshormone in Partystimmung geraten.

Ursache für das falbe Laub ist der langsame Rückzug der Pflanzensäfte in den Stamm und die Wurzeln. Das Chlorophyll wird abgebaut, andere Blattfarbstoffe, wie Carotinoide und Anthocyane, sorgen für die bunte Färbung. Fantastisch. Ist es nicht grandios, wie sich Gottes perfekt durchdachte Schöpfung an den Metamorphosen des Jahreszeitenwechsels zeigt? Das ist eine Entdeckung wert. Und wenn wir schon einmal dabei sind, warum nicht auch im Glauben neu durchstarten? Schließlich liegt im Herbst schon der Advent, das Kommen Christi, greifbar nahe. Der Urbeginn des Neuen.

Die Natur bedarf reinigender Stürme. Wie steht es mit uns? So, wie jedes intensive Gespräch mit unserem Partner oder unseren Freunden und Kollegen zu einer neuen Qualität unserer mitmenschlichen Beziehungen führt, führt auch das intensive Gespräch mit Gott zu einer neuen Glaubensqualität. Da kann es auch mal stürmisch werden. Aber warum nicht versuchen, die Glaubensroutine zu durchbrechen, um in unseren Herzen einen Freiraum für die immer wieder erneuerte Ankunft Christi zu schaffen? Oder wieder neu beten lernen, mit der ganzen Hingabe an das Herz Jesu. Und was das Wagnis des Neustarts betrifft, wie halten wir es mit der Zukunft unserer Kirche? Viele Traditionen sind brüchig geworden, manche Bräuche wirken klischeehaft. Aus echter Empfindung wird sentimentale Stimmungsmache. Stress statt Besinnung. Dabei haben die Feste nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Es ist der Zeitgeist, der sie entwertet.

Auch da waren unsere Vorfahren weiter. Ihr Erntedank reichte weit in den November hinein, bis zur Ankunft des Herrn. Empfinden wir überhaupt noch Dank dafür, dass uns weitaus mehr als das tägliche Brot geschenkt wird? Insgeheim wissen wir doch, dass erst die Dankbarkeit unserem Schöpfer gegenüber unsere Seelen für etwas öffnet, dass in unserer Wohlstandsbigotterie völlig zu zerfallen droht, die Gottes- und die Nächstenliebe.

Die ist notwendig, Herbst und Winter können lang werden. Gerade in unserer Welt, wo viele Herzen eingeschneit sind. Doch für den Gläubigen besteht kein Grund, „unruhig zu wandern“. Der Herbst kommt, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist, wie begegnen wir ihm? Vielleicht lassen wir uns einfach auf ihn ein. Zum Beispiel auf einer Parkbank sitzen und den Blättern dabei zuschauen, wie sie vom Baum fallen. Oder bei Wind und Wetter spüren, dass es noch etwas anderes gibt als zentralbeheizte Räume. Unserem belasteten Alltag tut jede bewusste Unterbrechung gut.

Können wir noch Drachen steigen lassen? Auch Gedankenflüge können etwas Befreiendes besitzen. Und dann, wie wär?s mit einem wärmenden Tee zu Hause? Heiße Waffeln mit Kirschen und Sahne und ein Federweißer? Der Herbst hat schließlich viele Gesichter, auch exzellente kulinarische. „Der Sommer war sehr groß“ – alle Steine, Pflanzen, Geschöpfe, die ganze Erde atmen im tiefen Dank an dernSchöpfer, jeden Tag, jede Sekunde. Können wir noch sagen: Danke, Herr? Und wenn, tun wir es?