Wenn der Mensch sich zum Erlöser der Schöpfung macht

Cyborgs galten früher als Zukunftsträumereien von Futuristen – „Transhumanisten“ meinen es ernst. Eine Polemik. Von Burkhardt Gorissen

Dank Darwin hat sich der Mensch zum Affen gemacht – für „Transhumanisten“ ist er nur eine organische Maschine. „Die menschliche Existenz wird einen Quantensprung in der Evolution durchlaufen. Wir werden in der Lage sein, zu leben, solange wir wollen“, schwärmt Ray Kurzweil, einer der bekanntesten Vordenker der neuen transhumanen Welt. Als nächste Evolutionsstufe deklariert er die Verschmelzung des Menschen mit Technologie. Ein neuer Übermensch, „Cyborg“ genannt, soll den Homo sapiens ablösen. Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus. Noch sind sie fiktionale Geschöpfe, doch Ziel ist die Befreiung von den Begrenzungen eines biologischen Körpers. An diesem „Mensch 2.0“ wird in den Labors der Neuen-Welt-Technologie fleißig gebastelt. Nicht nur im amerikanischen Silicon Valley.

Vor kurzem hat die EU ein schlappe Milliarde Steuergeld in das transhumanistische „Human Brain Project“ fließen lassen. Dabei geht es um die Simulation eines kompletten menschlichen Gehirns als Computerschaltkreis durch die Nachbildung der neuronalen Struktur des menschlichen Gehirns. Etwa 2030 sollen die künstlichen Denklappen fertig sein. Die Computer haben bis dahin wahrscheinlich die Kapazität unseres kleinen Menschenhirns um das Millionenfache überflügelt.

In Science-Fiction-Filmen oder Romanen wimmelte es schon länger von derartigen Cyborgs. Doch sind sie nicht längst Realität? Robotik, Gentechnik und Nanotechnologie sind die wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts. Sie stellen eine viel größere Herausforderung dar als alles bislang in der Technikwelt Dagewesene. Die neue, menschgeschaffene Rasse soll die Vorherrschaft über diesen Planeten übernehmen, während der kränkelnde Homo sapiens langsam aus der Geschichte verschwindet. Die Robotik forscht mit Hochdruck daran, wie sich Maschinen direkt an Nerven anschließen lassen, um den Menschen mit Prothesen und Sinnesorganen zu optimieren. Laut IBM sollen in fünf Jahren Roboter über die menschlichen Sinne verfügen. Der vollautomatische Staubsauger, derweil von Discountern unter die Leute gebracht, wird also nicht nur über die Teppiche und Fliesen huschen, sondern auch noch mitteilen, dass unser Dreck miserabel schmeckt und fies riecht. Interessanter ist da die Entwicklung von Bio-Hybrid-Systemen – der erste Schritt zum halblebendigen Cyborg-Roboter: Brain-Computer-Interfaces sollen dazu dienen, die Mobilität von Behinderten zu erhöhen. Auf die Entwicklung von Elektroden, die zum langfristigen Gebrauch implantiert werden, liegt im Moment das Hauptaugenmerk der Forschung. Tierversuche verliefen erfolgreich, nun stehen Tests mit „Menschenmaterial“ an. Ein Kinderspiel Dank der Nanotechnologie, die Roboter ermöglicht, die so klein sind, dass sie in der menschlichen Blutbahn leben können. Nicht mehr Nationalstaaten treiben diese technische Entwicklung voran, sondern unkontrollierbare, globale Konzerne, in denen „Transhumanisten“ sitzen. Mit großer Siegesgewissheit schüren sie den Glauben an Fortschritt und Technologie. Im Jahr 2008 gründeten die Heroen des Transhumanismus, Raymond Kurzweil, Robert D. Richards und Peter Diamandis, die Singularity University. Dieses ideologische Hauptquartier der Bewegung liegt im Silicon Valley zwischen Google und der NASA. Und von da ist es auch nicht mehr weit nach Hollywood.

Tatsächlich ist bei der ganzen Entwicklung die Entertainment-Elektronik nicht unwichtig. Durch die Einführung technologischer Innovationen in die Unterhaltungsindustrie findet eine sukzessive Gewöhnung statt. So will man die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern und auch konservative Zweifler auf Linie bringen. Die mittlerweile allgegenwärtigen Smartphones waren nur ein Schritt in dieser Entwicklung. Längst erobern Geräte den Weltmarkt, die die Grenze zwischen Technik und Mensch verwischen: Googles Glases oder Startups mit Augmented-Reality-Kontaktlinsen erweitern das natürliche Sichtfeld des Menschen mit digitalen Daten. Bis zur Computer-Hirn-Schnittstelle ist es dann auch nicht mehr weit.

Die „Grenzen der Wahrnehmungen“, die einer der berühmtesten Neue-Welt-Apologeten, Aldous Huxley, durch LSD überwand, werden nun also technisch erweitert, indem der Computerbildschirm zum integralen Bestandteil unserer Wahrnehmung mutiert.

Doch Transhumanisten glauben, das sei erst der Anfang. Eine Seele gibt es für die Transhumanisten nicht, nur Nervensignale und Gene. Einen Gott kennen sie auch nicht – zumindest bislang nicht! Stattdessen reden sie vom „Erwachen des Universums“. So sollen: „die Muster von Energie und Materie im Universum durchdrungen werden von intelligenten Prozessen und Wissen“. Das schreibt Raymond Kurzweil. Der Mensch, so Kurzweil, werde durch den evolutionären Schritt zum Cyborg nicht nur gottgleich, sondern zum Erlöser der Schöpfung. Dass es sich beim Transhumanismus nicht um reine Wissenschaft, sondern um eine fanatische Religion handelt, lässt sich kaum leugnen. Es geht um die Schaffung von Übermenschen, die den Cyber-Himmel beherrschen. Sünde und Ethik gelten für diese Wesenheiten nicht mehr. So soll er also aussehen, der Triumph der Materie über Gott, der luziferische Weg zur Allmacht des menschlichen Egos, das sich Gott ebenbürtig wähnt.

Doch was wirklich passiert, wenn man ein künstliches Gehirn anknipst, wissen selbst die Artisten aus Silicon Valley nicht. Ray Kurzweil glaubt, es würde lernen wie ein kleines Kind. Doch: Ist das menschliche Ich nicht mehr als eine Reihung neuronaler Schaltkreise? So offenbart sich der Transhumanismus schon jetzt als eine Sammlung menschlicher Allmachtsphantasien aus Angst vor dem Tod. Menschliches Leben bleibt eben einzigartig und gottgegeben. Der Transhumanismus ist nicht mehr als eine weitere Sackgasse des Materialismus. Er wird – wie alle ideologischen Allmachtsphantasien – an der Realität scheitern.