Weltfremde Jesus-Jünger?

Es gäbe eine Menge Gründe dafür, real existente Hoffnungszeichen in der Kirche publik zu machen. Freiburger Theologen unternehmen lieber einen Frontalangriff auf Misson Manifest. Von Bernhard Meuser

Meuser weist Vorwürfe der Versektung zurück
In einem Gastbeitrag für die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ schreibt Meuser: „Woran misst man in der Katholischen Kirche, ob eine Gruppierung „Sekte“ ist? Traditionell an der „Lehre der Kirche“, nachrangig an ihrer Größe.“ Foto: (113820814)

Alle freuen sich. Die Hochschule der Zisterzienser in Heiligenkreuz platzt aus allen Nähten. In Salzburg kommen an Pfingsten Tausende von Jugendlichen aus dem deutschsprachigen Raum, um Tage das Gebets und der Erneuerung zu begehen. Seelsorger aus Norddeutschland fahren mit ihren Firmlingen fast 1000 Kilometer, damit sie in Salzburg Feuer fangen - und der Funke springt über. Jugendliche gründen von sich aus Gebetsgruppen und Glaubenskreise. Der Bischof öffnet den Dom und ist so angetan von der Sache, dass er den jungen Lorettos kurzerhand die Firmarbeit in der Stadt überlässt. Die machen das sehr gut. Das Erfolgsmodell ALPHA kommt gerade in katholischen Gemeinden an und öffnet endlich auch dort Türen in den Glauben. In Wien geht die Saat der Stadtmissions-Pionierarbeit von Emmanuel auf. Zu bestimmten missionarischen Anlässen quillen Kirchen über von jungen Leuten; Teilnehmer sprechen von pfingstlichen Ereignissen. An vielen Orten entstehen Jüngerschulen und Home Bases. Jugendliche vom Basical in Augsburg besuchen Leute in den Häusern und sprechen sie auf Gott an. Gemeinden orientieren ihre Pastoral an dem kanadischen Priester James Mallon oder suchen bei Rebuilt den Turnaround. Die Kinder-und Jugendkatechismen von YOUCAT tragen auf allen Kontinenten zur Erneuerung der Katechese bei und erweisen sich überall als Bestseller. Nightfever springt von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und bindet immer mehr junge Leute ein. ADORAY, Key2Life und andere Prayerfestivals sind Höhepunkte einer neuen Jugendkultur. Mit YOU, Melchior und Radio Fisherman FM haben sich junge Leute längst ihre eigenen Medien geschaffen. Johannes Hartl und das Augsburger Gebetshaus machen eine international ausstrahlende Arbeit. Hunderte unbeleckter junger Leute kommen dort zum Glauben, lernen beten, Lobpreisgottesdienste leiten, studieren intensiv die Heilige Schrift und erhalten fundierte Katechese. Wer dort eine Initiation in die Heilige Schrift und den Glauben der Kirche erfahren hat, muss sich vor keinem theologischen Erstsemester verstecken. MISSION MANIFEST hat nun versucht, die Vielfalt des missionarischen Aufbruchs sichtbar zu machen. Es gibt ja auch eine Menge Gründe dafür, real existente Hoffnungszeichen publik zu machen. In den Zeitungen liest man nur, dass die Kirche gerade krachend an die Wand fährt.

Alle freuen sich - nur Ursula Nothelle-Wildfeuer und Magnus Striet nicht. Sie haben so ernsthafte Bedenken gegen alles, was MISSION MANIFEST in den Korb sammelte, dass sie mit „Einfach nur Jesus?“ sogar ein eigenes Buch dagegen verfassten. Noch vor Erscheinen bietet Frau Nothelle-Wildfeuer bei katholisch.de einen Appetizer und lädt in ihrem Interview zu Gesprächen ein. Vorher besitzt sie aber die Chuzpe, ihre Dialogpartner als Sektierer zu apostrophieren. Eine Sekte, sagt der Duden, ist eine „kleinere Glaubensgemeinschaft, die sich von einer größeren Religionsgemeinschaft, einer Kirche, abgespalten hat, weil sie andere Positionen als die ursprüngliche Gemeinschaft betont“. Woran misst man in der Katholischen Kirche, ob eine Gruppierung „Sekte“ ist? Traditionell an der „Lehre der Kirche“, nachrangig an ihrer Größe. Nun habe ich in der oben beschriebenen Szene viel erlebt, aber eines gewiss nicht: dass die Leiter sich außerhalb oder an den Grenzen orthodoxer Lehre bewegen, wie sie im großen Katechismus der Kirche als „sichere Norm für die Lehre des Glaubens“ (KKK 4) dargeboten wird. Dem Risiko eine Sekte zu sein, setzt sich hingegen das Milieu um Magnus Striet aus, wo im Namen von Freiheit und intellektueller Autonomie nicht mehr viel von Bibel und Dogma bleibt, was nicht neu erklärt oder süffisant belächelt wird. Der renommierte Theologe Karl-Heinz Menke (Internationale Theologenkommission): „Wo Theologie in dem Sinne ,unabhängig‘ sein will, dass sie selbst bestimmt, was wahr ist, bastelt sie sich ihren eigenen Gott.“

Aber bleiben wir einen Moment bei dem Vorwurf von Frau Nothelle-Wildfeuer, bei MISSION MANIFEST gehe es „fundamentalistisch“ und „weltfremd“ zu und die Protagonisten betrieben die „Evangelikalisierung der katholischen Kirche“. Andere werden darauf eingehen, die Beklagten hätten es nicht so mit den Grundvollzügen der Kirche, würden die Diakonia ausblenden und so weiter. Ich nehme einmal an, die schräge Optik der Freiburger verdankt sich weniger realen Erfahrungen als zufälligen Trouvaillen im Internet, etwa Bildern von der Mehr-Konferenz, bei denen Stroboskoplichter über zuckende Oberarme blitzen und die Kamera ein paar markige Sätze von Johannes Hartl einfängt. Da weiß man ja, wo man dran ist ...

Weiß „man“ eben nicht. Wer sich einmal die Mühe macht, das Augsburger Gebetshaus in Augenschein zu nehmen, wird bald entdecken, dass dort eine substanzielle, ja geradezu vorbildliche Arbeit der Integration in den Glauben geleistet wird. Hartl ist nämlich nicht nur ein glänzender Redner und ein Meister in der Elementarisierung gläubiger Gegenstände, sondern auch ein subtiler Theologe und ein souveräner Katechet. Es ist einfach unwahr, ihm Absagen an die Vernunft, gar „Fundamentalismus“ vorzuwerfen. Hier wird nicht „evangelikalisiert“, sondern evangelisiert, und ziemlich exakt in der Weise, wie es Papst Franziskus in „Evangelii Gaudium“ verlangt. Das heißt, es wird Menschen mit Vernunft und guten Argumenten die Freude und Lebenskraft des Evangeliums nahegebracht, mit dem Effekt, dass Zuhörer Lust bekommen, das zu werden, was das neue Testament „Jünger“ nennt.

Papst Franziskus spricht explizit vom „missionarischen Jünger“. Er knüpft dabei an das Aparecida-Dokument von 2007 an, wo sich genau in dieser Wende vom „Jünger“ zum „missionarischen Jünger“ der große Paradigmenwechsel der brasilianischen Kirche manifestiert, von der man lange nicht wusste (und immer noch nicht weiß), ob es sie morgen noch gibt. Gerade schickt sich der Freikirchler Bolsonaro an, der nächste Präsident in Brasilien zu werden. In einem von Freikirchen unterschiedlichster Couleur ausgehenden Verdrängungswettbewerb ohnegleichen setzen die Bischöfe auf eine erneuerte Kirche; und sie entdeckten die Chance ihres Überlebens, indem sie die Freikirchen weniger bekämpfen, als dass sie von ihnen lernen. Die Antwort auf die Evangelikalen ist Evangelisierung und Neuevangelisierung. Auf diesem Hintergrund ist das Ziel der Katechese längst nicht mehr der informierte, mündige, nach allen Seiten offene Christ (wie man ihn sich wohl in Freiburger Seminarräumen vorstellt, wo sich aufgeklärte „Religionsintellektuelle“ mit der Objektivierung und Dekonstruktion von Glaubensinhalten befassen). Das Ziel ist der „missionarische Jünger“ - also ein Mensch, der so tief identifiziert mit Jesus und der Kirche ist, dass er in der Gemeinschaft von anderen Jüngern „übernimmt“, dass er die Botschaft ausbringt, ja gewissermaßen selbst „ist“. Missionarisch zu sein ist plötzlich keine marginale Aufgabe Weniger, sondern Kernaufgabe aller, mithin die Nagelprobe des Christseins. Frau Nothelle-Wildfeuer und Herr Striet mögen sich fragen, ob aus ihren Lehrveranstaltungen Menschen hervorgehen, die in der Lage sind, im Zugabteil zu sagen: „Ich bin Christ. Ich bin es leidenschaftlich gerne. Und ich will Ihnen auch sagen warum.“ Aus dem Gebetshaus und aus allen genannten Einrichtungen, die sich an „Evangelii Gaudium“ und Aparecida ausrichten, gehen solche Leute hervor. Übrigens im Regelfall.

Was den Freiburger Kritikern wohl noch nicht so recht bewusst ist: Brasilien ist überall. Der Religionssoziologe Douglas Jacobson stellte schon 2011 fest, die Charismatische Bewegung sei die „am stärksten wachsende religiöse Bewegung in der Welt“. Gleichzeitig steht die Katholische Kirche nicht nur in Deutschland an der Abbruchkante zum puren Nichts. Das hat nicht nur mit Missbrauch zu tun und auch nur zum Teil mit ihrer Anschlussfähigkeit an die „flüchtige Moderne“. Es hat damit zu tun, dass junge Leute im normalen Alltag der Kirche etwas vermissen, sei es Begeisterung, sei es Annahme, sei es eine spirituelle Herausforderung. Die Leute laufen weg, und zwar in zwei Richtungen: Die weniger Frommen entfernen sich in einen indifferenten Agnostizismus, die Frommen machen sich ihre eigene Kirche, indem sie sich einer Freikirche anschließen. Und sie finden dort, was sie in der katholischen Kirche zu finden ein Recht hätten: wahre Annahme, Heilung, Glaubensgewissheit und die Herausforderung eines neuen Lebens in der Hingabe an den Herrn. „Viele, die drinnen sind, sind draußen, und viele, die draußen sind, sind drinnen“, wusste schon der hl. Augustinus.

Gewiss fehlen den Freikirchen eine Fülle von konstitutiven Elementen, vor allem die Sakramente. Wer ermächtigt uns aber, statt mit ihren vernünftigen Vertretern geschwisterlich zu kooperieren, sie abschätzig zu betrachten oder in Zweifel zu ziehen, dass Gott ihnen wirkliche Fruchtbarkeit und nicht selten die realen Wunder schenkt, über die manche Katholiken lächeln. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, zwölf ausgewanderte katholische Elemente zu identifizieren, die wir bei Freikirchen studieren sollten, um zu der leuchtenden Gestalt zu werden, die wir vom Evangelium her sein müssen: 1. Sie leben, denken, beten aus der Heiligen Schrift. 2. Sie führen uns das allgemeine (gemeinsame) Priestertum neu vor Augen. 3. Sie stellen Jesus in die Mitte. 4. Sie beten laut, gemeinsam und konkret. 5. Sie lassen sich vom Heiligen Geist führen. 6. Sie sind missionarisch. 7. Sie entscheiden sich bewusst. 8. Sie heißen jedermann willkommen und bieten Heimat. 9. Sie haben lebendige Hauskreise. 10. Sie können Zeugnis geben und sie geben Zeugnis. 11. Sie haben keine Angst vor moderner Ästhetik. 12. Sie sind auch Christen jenseits von Sakristei und Seminar.

Der Autor ist Initiator der globalen Jugendkatechismus-Initiative „Youcat“ und Leiter der internationalen YOUCAT Foundation in Aschau/Chiemgau