Was ist der Mensch?

In Graz trafen Theologen auf Naturwissenschaftler – Eine interdisziplinäre Tagung über Medizin für den ganzen Menschen. Von Moritz Windegger OFM

Neurochirurgische OP am Universitätsklinikum Jena
Das Menschenbild entscheidet über die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Foto: dpa
Neurochirurgische OP am Universitätsklinikum Jena
Das Menschenbild entscheidet über die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Foto: dpa

Medizin und Menschenbild bedingen einander. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Im Rahmen eines zweitägigen Symposions, das die Katholisch-Theologische Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz gemeinsam mit der Österreichischen Franziskanerprovinz zum Heiligen Leopold in der steirischen Landeshauptstadt organisiert hat, haben sich Theologen, Ärzte, Pfleger und Wissenschaftler am Mittwoch und Donnerstag damit auseinandergesetzt, wie das Menschenbild die Medizin und Pflege beeinflusst.

Ihr Fazit lautete: Es gibt keine wertneutrale Technologie. Wie wir mit Menschen umgehen, wenn sie alt oder krank sind, hängt davon ab, welches Menschenbild und welches Gottesbild wir haben. „No na“, würde der Wiener da brummeln: Das ist wohl offensichtlich – wenn Theologen, Ordensleute zumal, mit am Gesprächstisch sitzen. Aber so einfach ist es dann offenbar doch nicht. Die meisten Menschen seien „leichter dazu zu bringen, sich für ein Stück Lava im Mond zu halten als für ein freies und verantwortungsbewusstes ,Ich‘, hat der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte einmal gemeint“, sagte der Dekan der Fakultät, Professor Reinhold Esterbauer, und wandelte einleitend das Zitat um: „Die meisten Menschen halten sich eher für eine Maschine, als für eine selbstbestimmte Person.“

Der Grazer Psychologe und Verhaltensmediziner Josef W. Egger erläuterte, warum das bisher vorherrschende Denkmodell einer strikt naturwissenschaftlich begrenzten Medizin zwar Grundlage, aber nicht ausreichend sein kann, um dem Menschen gerecht zu werden. Die Reparaturmedizin habe in eine Sackgasse geführt. Und zwar genauso wie ihre Gegenbewegung, die Psychosomatik. Egger plädiert und forscht seit Jahrzehnten mit anderen Wissenschaftlern an einem dritten Modell: „Jeder Mensch ist nicht nur als biologisches Wesen zu verstehen, sondern zugleich auch als Wesen mit für ihn typischen Eigenheiten des Denkens, Fühlens oder Handelns“, sagte Egger.

In seinem Modell einer biopsychosozialen Medizin werde der einzelne Mensch als individuelles „körperlich-seelisches Wesen in seinen öko-sozialen Lebenswelten“ verstanden und müsse auch dementsprechend behandelt werden. Oder, anders formuliert: Egger verweist auf Studien, die beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung eines Kleinkindes und dessen sozialem Umfeld nachweisen. Klar wird für Egger auch: die bio-psycho-soziale Medizin kommt nicht umhin, dass sich Arzt und Patient in eine gegenseitige Beziehung setzen.

In dieselbe Kerbe schlug der aus Hannover stammende und in Wien tätige Mediziner, Theologe und Priester Matthias Beck. „Wir brauchen nicht nur eine sprechende, wir brauchen auch eine hörende Medizin“, postulierte Beck. Wer meint, das klinge nach wenig wissenschaftlicher Wohlfühl-Heilung, sei darauf aufmerksam gemacht: Beck ist Mediziner, Pharmakologe, Theologe – und auch Priester. Und er argumentiert aus allen seinen Wissenschaftsbereichen. Dabei grenzte er sich deutlich von Tendenzen ab, die allzuschnell das, was dem Menschen nicht mehr verfügbar ist, einem überirdischen Wesen zuschreiben: „Unser Gott ist kein Lückenfüller. Unser Gott ist ein kreativer Schöpfergott. Er hat uns die Natur, die Wissenschaft und alles andere dazu geschenkt, dass wir es benutzen“, sagte Beck.

Der in Graz lehrende Moraltheologe Walter Schaupp, der ebenfalls Arzt und Priester ist, ging noch einen Schritt weiter und ergänzte, Spiritualität sei ein sogenannter „salutogenetischer Faktor“ – sprich: Es gibt in der inneren Dimension einer jeden Person eine spirituelle Komponente. Und diese beeinflusst auch den Zustand der Gesundheit. Inwieweit sich dieser spirituelle Faktor mit psychologischen Abläufen erklären lasse, sei noch strittig, aber ohne Zweifel leisteten Religionen einen Beitrag zur spirituellen Komponente im Menschen.

Ärzte, die auch Theologen sind, Philosophen, die Genetik und Epigenetik erforschen: Die weniger ausgewiesenen Experten im Publikum folgten vermutlich nicht immer der haarscharfen Trennung an der Grenze zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir glauben. Was aber jeder kennt, ist Schmerz: Die Medizin hat einen eigenen Zweig dafür – die Schmerzforschung. Michael Karl Herbert lehrt und praktiziert in Graz. Der Anästhesiologe entwickelt mit einem interdisziplinär aufgestellten Team eine multimodale Schmerztherapie (MMS): Wird ein Patient bei Professor Herbert behandelt, sind bei Diagnose und Therapie Soziologen, Psychologen, Therapeuten und Pfleger auf Augenhöhe eingebunden. „Die MMS ist die logische Umsetzung des bio-psycho-sozialen Medizinmodells“, sagte Herbert und verwies auf eigene Erfolge: „Wir haben nachweislich die Effizienz und Zufriedenheit gesteigert und die Kosten gesenkt.“ Unwillkürlich stellt sich die Frage, warum das dann nicht alle so handhaben wie Herbert. „Wir brauchen dafür geeignete Mitarbeiter beziehungsweise ein Umdenken in Gesundheitspolitik und Ausbildung“, antwortete dieser.

Geht es um die Grundlagen, so wird schnell deutlich, dass auch die Theologie etwas zum ganzheitlichen Verständnis des Menschen beizutragen hat. Wer an Leid und Schmerz denkt, wer Krankheit und Not erfährt, stolpert in der Kirche sehr schnell über Franziskus: über den Papst, aber vor allem über dessen Namenspatron, den großen Heiligen aus Assisi. Der Franziskaner-Theologe Johannes-Baptist Freyer ist ein ausgewiesener Experte der Spiritualität des heiligen Franziskus. Freyer lehrt in Rom und San Diego. Für ihn ist klar: Der scheinbare Widerspruch „Lobpreis und Krankheit“, wie er etwa im Sonnengesang des Franz von Assisi zu lesen oder zu hören ist, ist in Wahrheit eine starke Spiritualität. Franziskus sei kein träumender Idealist gewesen, der einfach Leid als gottgegeben oder gar als Strafe hinnehme. In allen seinen Schriften werde deutlich, dass die Linderung von Leid für den Ordensgründer prioritär ist, sagte Freyer.

Nur bleibe Franziskus dabei nicht stehen: Im Leid erkenne er auch eine Chance. Und zwar in jedem Leid. Die berühmte Begegnung mit dem Aussätzigen ist eine Begegnung mit einem Mann, der die schlimmste Krankheit erlitten hat, die man sich zu jener Zeit vorstellen konnte. „Nach den Beschlüssen des Dritten Laterankonzils (1179) war ein Aussätziger schuldig, er war verurteilt zu einem Leben in Abgesondertheit. Mancherorts habe man dazu sogar schon eine Totenmesse gelesen bevor man ihn ins Hospiz vor die Stadt schickte, erzählte Freyer. Franziskus werfe in der Begegnung mit einem solchen Aussätzigen sein ganzes Menschenbild um.

Bis heute sei dieses neue Menschenbild Grundlage jeder franziskanischen Spiritualität und Weltanschauung, meinte Freyer und skizzierte diese in sechs Punkten: „Das Geschöpf Mensch lebt eine Realität der Bedürftigkeit (Infirmitas): Es hat nichts aus sich selbst. Diese Infirmitas ist kein Minderwertigkeitskomplex: Die Gottebenbildlichkeit des Menschen verleiht diesem Würde. In seiner Bedürftigkeit ist der Mensch auf Beziehung angewiesen: Beziehung zu Gott und zu anderen Menschen. Jeder Mensch ist einzigartig gewollt: Der wahre Mensch verwirklicht sich in seinem So-Sein. Das Person-Sein ist nicht statisch, sondern immer ein Prozess: Jeder Mensch entwickelt sich, er ist die Summe seiner Möglichkeiten. Krankheit ist nie eine persönliche Schuld. Eine mögliche Störung der Gottebenbildlichkeit des Menschen wird durch Gottes gerechte Barmherzigkeit wiederhergestellt.“ Sechs Gedanken, die jeder für sich einen eigenen Traktat verdienten. Zusammenfassendes Fazit: Für Franziskus ist keine Krankheit eine Strafe Gottes. Gott will nicht, dass der Mensch leidet. Leiden oder Krankheit sind aber eine Chance, sich auf den Weg zum vollkommenen Heil zu machen, das für Franziskus die Beziehung zu Gott ist.

Hinter einem Menschenbild schlägt also auch ein Gottesbild durch, das wir haben. Oder auch nicht. Die Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen war aus Zürich nach Graz angereist. Sie erzählte davon, wie die Möglichkeit zum „assistierten Suizid“, die es in der Schweiz seit Jahren gibt, dazu führt, dass menschliches Leben in lebenswürdig und nicht mehr lebenswürdig unterteilt wird. Man musste kein gläubiger Katholik sein, um bei Zgraggens Schilderungen eine Gänsehaut zu bekommen: Sabine Zgraggen hat etwa eine Frau begleitet, die in ihrem Leben alle möglichen Schändlichkeiten erlebt hatte: Missbrauch, Mobbing, Depressionen. Mit 45 Jahren reichte es ihr, sie schrieb sich in einen der Vereine ein, die in der Schweiz „den eigenen Tod organisieren helfen“.

„Das verkaufen sie auch noch als Selbstbestimmung des Menschen“, sagte Zgraggen. Die Frau wurde von Mitarbeitern des Vereins betreut, zwei Gutachter attestierten ihr schlussendlich, dass es „keinen Grund gibt, warum sie ihr Leben nicht beenden soll“. Die Einwürfe und Gebete von Sabine Zgraggen kamen dagegen nicht mehr an: Die Frau trank den tödlichen Medikamenten-Cocktail. Es war legal. Es war auch ein Geschäft. – Manche finden das gut. Vielleicht wird der Mensch doch langsam zu Lava im Mond anstelle eines selbstbestimmten Ich.