Was geschieht nach der Explosion der Erde?

Das Jahr der Mathematik beginnt am 23. Januar – Die Organisatoren versprechen Überraschungen

„Wieviel Kilogramm 93prozentiger Salpetersäure sind zu vier Kilogramm einer 60-prozentigen Säure hinzuzufügen, um eine 82-prozentige Säure zu erhalten?“ Zumindest Mathematiker halten die Mathematik für einfach und traktieren mit derlei Textaufgaben die Oberschüler der Mittelstufe. In diesem Jahr werden die Mathematiker gar gefeiert und bekommen endlich ihr Jahr der Mathematik, als neuntes in der Reihe der Wissenschaftsjahre. Da wird niemand auf die Idee kommen, so scharfzüngig wie einst Lichtenberg zu urteilen: „Die Mathematik ist eine gar herrliche Wissenschaft, aber die Mathematiker taugen oft den Henker nicht... So verlangt sehr oft der sogenannte Mathematiker für einen tiefen Denker gehalten zu werden, ob es gleich darunter die größten Plunderköpfe gibt, untauglich zu irgendeinem Geschäft, das Nachdenken erfordert, wenn es nicht unmittelbar durch jene leichte Verbindung von Zeichen geschehen kann, die mehr das Werk der Routine als des Denkens sind.“

Nein, so denkt heute niemand mehr, man hat sich mit den Mathematikern arrangiert und weiß, dass ihre Berechnungen bis in die alltäglichsten Dinge reichen. Und dazu gehört auch das wissenschaftliche Weltbild mit seinen Aussagen bis in die Zukunft. Wie selbstverständlich wird es etwa in der BBC-Reihe über „Der Weltraum – Von Urknall, Schwarzen Löchern und fremden Welten“ vermittelt, die inzwischen auch auf DVD erhältlich ist. Die Planetenforscher, so kann man hier erfahren, wissen schon längst, dass die Erde einst explodieren wird, wenn auch erst in Millionen von Jahren. Wenn die Menschheit überleben wolle, müsse sie also auswandern in andere Galaxien. Um das zu schaffen, seien viele mathematische Berechnungen nötig und auch Gentechnik, damit sich die Menschen an die neuen Lebensbedingungen anpassen können. Klonen und Erzeugen von neuen „menschlichen“ Gestalten würde dann zur Überlebensfrage. Das bedeutet neue Identitäten mit anderer Psyche und anderen Körpern. Also der Alptraum, der mit der Entzifferung des genetischen Codes begann.

Wird die Mathematik, die „reinste“ weil exakteste aller Wissenschaften, eines Tages in menschenunwürdige Utopien verstrickt? Zwar ist das Gedankenexperiment berechtigt, was mit den Menschen geschieht, wenn die Erde genauso wie andere Himmelskörper explodiert. Dass sich der Mensch dann aber neu erschafft, darf in der fernen Zukunft ebenso wenig Wirklichkeit werden wie heute, wo viele Forscher den Körper genetisch neu gestalten wollen, um ihn immun gegen gesundheitliche Defekte aller Art zu machen. Und die Mathematik ist die unfreiwillige stumme Helferin; denn ohne sie findet kein Mensch den sicheren Weg in andere Galaxien, vorbei an den mälstromartigen schwarzen Löchern – viele Berechnungen auf der Grundlage der Relativitätstheorie sind hierfür notwendig.

Aber das hat ja noch Millionen Jahre Zeit, jetzt steht erst einmal der 23. Januar bevor. Es ist der Tag der offiziellen Auftaktveranstaltung des Jahrs der Mathematik in Berlin. Und von diesem Tag an gibt es auch die vollständige Internetseite www.jahr-der-mathematik.de. Die Fülle der Veranstaltungen wird dann hier zu finden sein. Der zentrale Ort im Mathematik-Jahr ist dann aber Leipzig, aber auch in vielen anderen Städten finden Rechenwettbewerbe statt, Ausstellungen zur Mathematik, spielerische Einführungen für Kinder und das Mathe-Schiff wird vierzig Städte anfahren. Der Koordinator des Jahres, der Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung Günter M. Ziegler, gibt sich äußerst selbstbewusst: „Wir sind die Basis, auf die das Mathematikjahr baut, und deshalb kann es aktiver, inhaltsreicher und stärker auftreten als andere Jahre.“