Was die Sprache verrät

Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen in Politik sowie im Internet haben zu neuen Wortschöpfungen geführt. Sie bildet der neue Duden ab. Aber natürlich auch ganz andere Wörter wie aus den Bereichen der Ernährung oder des Lebensstils. Von Fabian Brand

Duden - Das Wort "Fake News"
"Fake News" ist nur eins von vielen neuen Worten, mit denen der Duden die Sprache der Gesellschaft widerspiegelt. Foto: dpa
Duden - Das Wort "Fake News"
"Fake News" ist nur eins von vielen neuen Worten, mit denen der Duden die Sprache der Gesellschaft widerspiegelt. Foto: dpa

Es klingt wie eine Binsenweisheit: Von der Sprache eines Volkes lässt sich auf seine Kultur schließen, vom verwendeten Wortschatz auf die akute Geschichte einer Gesellschaft. Das ist eigentlich ein logischer Schritt. Denn das Wachstum eines bestimmten Wortfeldes ist ja nur dann gegeben, wenn die eigene Lebenswelt mit etwas konfrontiert wird, das versprachlicht werden muss. So findet man beispielsweise im biblischen Sprachgebrauch eine Vielheit an Worten, die sich mit dem Thema Flucht und Vertreibung beschäftigen. Es wird terminologisch unterschieden, ob sich jemand längere Zeit in einem fremden Land aufhalten muss, ob er politischer Flüchtling ist oder ob er gar eine Zwischenstellung zwischen richtigen Israeliten und Fremden einnimmt. Diese breite Auffächerung zeigt, dass Flucht und Vertreibung ein Thema war, mit dem sich das alte Israel auseinandersetzen musste. Archäologisch lässt sich das nachweisen. Es zeigt, wie sehr sich die Umwelt auf die Sprache niederschlägt. Und wie viel man aus dem Wortschatz, der Verwendung findet, auf den Kontext schließen lässt, in dem eine Gemeinschaft lebt.

So ist vielleicht auch der Duden weit mehr als ein einfaches Wörterbuch, das orthographische Regeln versammelt und die Rechtschreibung festlegt. Am 29. August ist der Duden in der mittlerweile 27. Auflage erschienen, insgesamt 5 000 neue Wörter wurden im Rechtschreibwörterbuch ergänzt. Dass eine solch umfangreiche Erweiterung notwendig geworden ist, zeigt: Der Sprachgebrauch hat sich gewandelt, neue Worte sind in Gebrauch gekommen, während andere nicht mehr häufig oder gar nicht mehr verwendet werden. Die Sprache ist eben organisch. Sie ist in einem ständigen Wandel begriffen und muss sich mit der Umwelt auseinandersetzen. Die Konfrontation mit bestimmten Themen und Gegenständen fordert die Entwicklung einer neuen Sprachfähigkeit ein. Worte müssen erfunden oder neu gebildet werden. Das Erlebte drängt zur Versprachlichung. Und dazu sind eben teilweise Worte nötig, die bisher nicht im Wortschatz vorhanden waren und kreativ in eine Sprache eingeführt werden müssen.

Die Liste der in diesem Jahr im Duden neu aufgenommenen Worte ist durchaus bunt gemischt. Zu finden gibt es umgangssprachliche Begriffe wie „verpeilen“ oder „runterwürgen“, ebenso wie das Wort „Ramschniveau“. Letzteres bezeichnet laut Duden-Definition die „als sehr gering eingestufte Bonität eines Staates, eine Kreditinstitutes, o.ä.“ und war im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Ratingagenturen und den diversen Versuchen, Staaten vor der Verschuldung zu bewahren, lange Zeit in aller Munde. Aber auch Ausdrücke aus dem Bereich Mode und Stil haben es in den neuen Duden geschafft: „Undercut“ findet sich dort jetzt ebenso wie „Hygge“ („Gemütlichkeit, Heimeligkeit als Lebensprinzip“) oder „Work-Life-Balance“. Was diese Worte über das Lebensgefühl der Deutschen aussagen? Vielleicht, dass es auf den richtigen Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben ankommt. Und dass man trotz Stress das Leben durchaus entspannt angehen sollte. Auch richtige, gesunde Ernährung scheint ein Thema zu sein, das uns beschäftigt: Immerhin stehen jetzt auch „Low Carb“, „ovovegetarisch“ und „der Veggie“ im Duden.

„Gedicht, dessen Text herabsetzende und verächtliche Äußerungen gegenüber jemandem enthält“ lautet die Definition unter dem Lemma „Schmähgedicht“. Wohl unweigerlich muss man bei diesem Begriff an Jan Böhmermann denken, den Satiriker, der mit eben jenem Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten beinahe eine Staatsaffäre auslöste. Jetzt ist Böhmermann also auch im Duden vertreten, zwar nicht explizit namentlich erwähnt, aber der Sache nach wird eindeutig auf ihn Bezug genommen. Während es der Satiriker nur indirekt in den Duden geschafft hat, ist die deutsche Bundeskanzlerin eigens unter dem Stichwort „Merkel“ zu finden. Auch das für den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangene Kunstwort „Brexit“ hat seinen Weg in den Duden gefunden. Die Definition des besonders im Politikjargon gebrauchten Begriffs steht nun zwischen „Brevität“ und „Breze“.

Bleibt noch ein letzter markanter Bereich, der mit einer Vielzahl an Worten aufwartet, die neu in den Duden gekommen sind. Im technischen Bereich sind es hauptsächlich Anglizismen, die sich in der deutschen Sprache eingebürgert haben und mittlerweile fest zum Wortschatz dazugehören. Darunter findet sich das „Dark- net“ ebenso wie „Hashtag“ oder „Livestream“. Natürlich hat auch das Verb „liken“, also laut Duden-Definition „im Internet eine Schaltfläche anklicken, um eine positive Bewertung abzugeben“, Eingang in das neue Wörterbuch gefunden. Immerhin wird viel geliked und wer etwas in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, der hofft darauf, möglichst viele Likes zu erzielen. Ob nun das neueste „Selfie“ auf „Twitter“ oder „Instagramm“ gepostet wird, ist dabei letztlich marginal. Notfalls reicht es auch, einfach ein „Emoji“ per „WhatsApp“ zu senden. Auf dem Gebiet der Technik sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt. Die sozialen Netzwerke sind auf dem Vormarsch und damit verbunden eben auch die Entwicklung eines neuen Wortschatzes, der ständig nach Erweiterung und Verbesserung drängt. Vielleicht muss man sich mit diesem Vokabular auch „entfreunden“. Genügend Stoff also für eine präzise Gegenwartsanalyse? Vermutlich nicht ganz. Aber eines lässt sich am neuen Duden doch ablesen: die Zentralfragen, mit denen sich die Gesellschaft besonders auseinandersetzt und beschäftigt. Das mag im politischen Bereich die Frage nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königsreichs sein („Brexit“) oder das Problem, wie man denn mit offenen Armen Flüchtlinge in unserem Land empfangen und aufnehmen soll („Willkommenskultur“). Das ist der „Medienhype“, der technische Fortschritt, der sich in einem Streben nach „Klickzahlen“ manifestiert und in dem man neue Bekanntschaften einfach „tindert“. Und dann gibt es prekäre Sachverhalte, die das momentane Zeitalter als „postfaktisch“ kennzeichnen und die journalistische Berichterstattung als „Lügenpresse“ abstrafen. Auch das sind Schwierigkeiten, die unser Land nachhaltig beanspruchen und die deswegen Eingang in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden haben. Wer sich länger mit dem Duden und den neu aufgenommenen Wörtern beschäftigt, wird fähig, ein Bild unserer momentanen Gesellschaft zu zeichnen. Denn die Umwelt und der Kontext, mit dem sich Menschen auseinandersetzen müssen, schlagen sich auf die Sprache nieder. Das war damals wie heute so. Wer eine Analyse des Wortschatzes vornimmt, kommt nicht daran vorbei, die Technisierung wahrzunehmen und die starke Verbindung der Menschen mit den Errungenschaften der digitalen Welt. Aber man wird auch feststellen müssen, dass es politische und soziale Themen gab, die die Bevölkerung in Atem hielten. Worte wie „Hasskriminalität“ oder „Kopftuchstreit“ kommen ja nicht von ungefähr. Sie spiegeln aktuelle Problemfelder wider und weisen darauf hin, worüber in unserer Gesellschaft gesprochen und nicht selten lautstark und heftig debattiert wird. „Rumeiern“ bringt nichts. Denn was uns in diesen brisanten Jahren bewegt, ist sicher nicht nur „Tüddelkram“.