Was das Mysterium des Gekreuzigten bedeutet

Nicht die Pyrenäen wie bei Wagner, der Nahe Osten ist der Schauplatz: Uwe Eric Laufenberg über seine Regiearbeit am „Parsifal“ in Bayreuth. Von Christa Sigg

Parsifal-Regisseur bei Proben in Bayreuth: Uwe Eric Laufenberg. Foto: Forster
Parsifal-Regisseur bei Proben in Bayreuth: Uwe Eric Laufenberg. Foto: Forster

Vor anderthalb Jahren ist er für Jonathan Meese eingesprungen: Uwe Eric Laufenberg (55) wird in diesem Sommer Richard Wagners „Parsifal“ auf die Bayreuther Festspiele-Bühne bringen. Der Regisseur und Schauspieler ist

Intendant am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und mit Wagner durchaus vertraut. In Köln hat er die „Meistersinger“ inszeniert, in Linz den „Ring“. Kirche und Liturgie sind dem Katholiken nicht fremd, in seiner Jugend war Laufenberg außerdem Ministrant.

Herr Laufenberg, ein tumber Tor kommt heute nicht mehr so einfach durch die Welt.

Vor allem kommt er nicht ins Bayreuther Festspielhaus, was sehr schade ist, denn Parsifal wird hier dringend gebraucht.

Sie sitzen hier tatsächlich in der perfekt abgeriegelten Gralsburg.

Im Hoheitsgebiet! Und weil ich dieses Theater wahnsinnig liebe, bin ich hier. Aber die ganzen Sicherheitsvorkehrungen da draußen finde ich absurd. Wenn Sie hier unbedingt eine Bombe platzen lassen wollen, schaffen Sie das. Wir sind in einem Theater, in dem dauernd Requisiten, Kulissen und dergleichen hin- und hergeschafft werden müssen. So viel Sicherheitspersonal können Sie gar nicht aufstellen, um den Fall der Fälle zu verhindern.

Das hängt aber doch mit Ihrer Inszenierung zusammen.

Ganz klar: Nein! Das hat nur mit dem zu tun, was im Vorfeld über meine Inszenierung verbreitet wird. Sie dürfen mir glauben, nach der Premiere werden alle, die auf Bombenstimmung gesetzt haben, enttäuscht sein.

Was ist denn nun mit Ihrer angeblichen Kritik am Islam?

Wenn es um ein Stück ginge, das in Syrien oder Saudi-Arabien spielt, würde ich mich keineswegs um eine Auseinandersetzung mit dem Islam drücken. Wagner hat den „Parsifal“ in den Pyrenäen verortet, wir bringen ihn in den Nahen Osten, Richtung Syrien, Irak oder vielleicht Jerusalem, wo die monotheistischen Religionen einen Wahnsinnskampf gegeneinander führen. Im „Parsifal geht es aber um die Frage: Was ist uns die Religion wirklich wert? Wo berührt uns die Religion eigentlich noch? Was bedeutet das Mysterium des gekreuzigten Gottes?“

Damit sind wir mitten im Christentum.

Deshalb verstehe ich nicht, weshalb sich alle so aufregen. Mir geht es um ganz grundlegende Themen, die sofort zur Sprache kommen, wenn die Rolle der Religion in der heutigen Gesellschaft diskutiert wird. Was ist uns wichtig, was soll bleiben? Was wollen wir nicht mehr? Und da sind wir natürlich schnell bei den Kriegen, den Fanatismen und den Religionsordnungen. Unser neuer Papst Franziskus zeigt doch auf ganz wunderbare Weise, dass es für die Menschen keine Regeln im Absoluten geben darf. Der Mensch ist die Regel, und die Religion und ihre Regeln haben sich dem Menschen und seinen Bedürfnissen anzupassen. Religionen, die erstarren oder sich auf irgendwelche Dogmen beziehen, die nicht mehr mensch- oder naturgemäß sind, braucht man auch nicht mehr. Das ist das Thema des Stücks.

Es gibt noch ein Gerücht: dass sich die Damen die Burkas vom Leib reißen.

Im zweiten Aufzug kommen Klingsors Blumenmädchen im Tschador herein, manche sorgfältiger, manche flüchtiger gekleidet. Sie treten in einen Hamam und legen nach und nach ihre Tracht ab, die sich übrigens gar nicht so sehr vom Habit christlicher Nonnen unterscheidet. Die Blumenmädchen tragen dann das, was im Haus üblich ist: eine Tunika oder einen Kaftan. Auf keinen Fall geht es um ein aggressives Ablehnen orientalischer Kleiderordnungen.

Nun haben wir die Gralsburg irgendwo im Nahen Osten, was ist dann die Gegenwelt des ehemaligen Gralsritters Klingsor?

Klingsor ist derjenige, der von der Religion den Speer, das heißt, die Macht geraubt hat. Er steht für die Menschen, die meinen, mit Geld und Waffen sei alles zu haben. Klingsor kann sich noch so kasteien, er kommt nicht mehr an das innere Erleben heran, an die Erlösung, die die Religion verheißt.

„Parsifal“ ist ein Bühnenweihfestspiel und für manche Wagnerianer auch eine Art Ersatzgottesdienst. Werden die Schwierigkeiten haben?

Nein, die lade ich ja gerade dazu ein, das wieder zu erleben. Sie müssen?s dann aber auch aushalten.

Was planen Sie denn für schlimme Dinge?

Was heißt schlimm? In der christlichen Kirche gibt es den Ritus der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Wenn man das im Theater aufführt, will man das doch auch sehen.

Da fällt einem Hermann Nitsch mit seinem Orgienmysterienspiel ein.

Zum Beispiel. Was das betrifft, ist Nitsch ein großer Künstler gewesen, nur leider kein besonders toller Regisseur. Ich war sehr enttäuscht über seine „Inszenierung“ von Olivier Messiaens „François d'Assise“. Das ist eine Oper, die ich wahnsinnig liebe, ich verstehe auch, dass Intendant Nikolaus Bachler auf die Idee kam, Nitsch dafür zu engagieren. Aber es ging leider vollkommen in die Hose.

Man weiß bei Nitsch eigentlich nie, welches Stück er inszeniert.

Es ist immer nur Nitsch. Manche bildenden Performancekünstler sind ganz nah bei sich und machen genau deshalb wunderbare Performances. Wenn sie aber an ein fremdes Stück geraten, können sie das nicht umsetzen, das verschwindet dann hinter ihrem eigenen Werk. Insofern bin ich ganz bescheiden nur Regisseur, kein großer Künstler wie Nitsch, Schlingensief oder Meese.

Wir müssen nochmal auf's Blut zurückkommen. Sie zeigen die Wandlung mit Fleisch und Blut auf der Bühne?

Die groben Mittel brauche ich alle nicht. Es gibt ja Theaterblut, es gibt die Maske und Menschen, die mit ihrem Körper etwas so spielen können, dass Sie es sehen, obwohl es gar nicht da ist.

Wird es denn heftig?

Nur für empfindsame Menschen. Für unempfindsame Menschen, von denen es auch viele gibt, bekommen Sie gar nicht so viel Splatter auf die Bühne, wie die sich das oft als Video runterladen. Wer wirklich Porno oder Gewaltszenen sehen will, wird im Internet besser bedient als im Bayreuther Festspielhaus.

Hat sich eigentlich der protestantisch geprägte Wagner am Ende seines Lebens eine Art Kunstreligion mit viel katholischem Weihrauch ausgedacht?

Das kann man so sehen, und trotzdem verkürzt es das natürlich. Wagner hat sich sein ganzes Leben an diesem Sujet abgearbeitet. Er wollte ein Buddha-Drama schreiben, und er hatte ein Jesus-Manuskript in der Schublade – wenn Sie das lesen, denken Sie Andrew Lloyd Webber hat es eins zu eins für sein Musical „Jesus Christ Superstar“ verwendet. Auch Mel Gibsons „Passion Christi“ folgt diesem Handlungsgerüst, wobei da wirklich viel Blut fließt.

Wagner ist aber doch bei seinen Mittelaltermysterien von Lohengrin bis Tristan geblieben.

Und das war äußerst klug! Beim „Parsifal“ blieb er einerseits diesem Themenkomplex treu, hat aber gleichzeitig als moderner Künstler etwas über seine Zeit und das, was ihn bewegt, ausgesagt. Mit diesem letzten Werk schrieb Wagner ein in seiner Zeit durchaus religionskritisches, wenn Sie so wollen, panchristliches, postchristliches Bühnenweihfestspiel über Jesus Christus. In sich ist das ziemlich kompliziert, negativ gesagt verquast. Aber es gibt diese unendlich schöne, berührende Musik, die wiederum auf das Mysterium des Todes am Kreuz zurückführt. Also beschäftigen wir uns damit, obwohl das Libretto auch große Rätsel aufwirft.

Man kann sagen Rätsel; ist das nicht manchmal auch Schmarrn?

Dann könnten Sie auch vieles aus der katholischen oder protestantischen Kirche als Schmarrn bezeichnen. Wer glaubt denn bitte an die Jungfrauengeburt?

Es gibt Katholiken, die machen beim Glaubensbekenntnis an der entsprechenden Stelle eine kleine Pause.

Sehen Sie! Aber das wird eben mitgenommen, weil es letztlich aufs große Ganze ankommt.

Den Parsifal hatten Sie ja schon für Köln geplant, den mussten Sie eigentlich nur aus der Schublade ziehen.

Ich kann Ihnen hier mein Regiebuch zeigen, da sehen Sie, dass ich mit der Kölner Fassung gearbeitet, aber viel modifiziert habe. Die Grundlage ist geblieben. Ich sehe dieses Stück ja seit meiner Jugend, und natürlich habe ich einiges seit Jahrzehnten im Kopf.

Was für ein Typ ist der Parsifal?

Jemand mit sehr geringer Lebenserfahrung, weil ihn seine Mutter weggesperrt hat. Parsifal nimmt die Welt dann mit einem Schock wahr. Das ist für ihn aber ganz entscheidend, denn durch diesen Schock entsteht plötzlich Empathie, Mitgefühl für ein Leiden, das er nicht versteht, aber tief in sich selbst empfindet. Die Macht liegt in den richtigen Händen, wenn man sie den Menschen gibt, die sich weder verschließen, noch auf ihren Egoismus zurückziehen, sondern diese Empathiefähigkeit behalten – für jeden Mitmenschen, auch für jeden Schwan und jeden Hund, der umkommt. Das ist die große Utopie im „Parsifal“.

Und was ist für Sie der Gral?

Eine Form von Erleuchtung. Wie das passiert, darauf gibt es keine Antwort. Aber wir haben ein Bedürfnis nach Erleuchtung und Erlösung, ein Gefühl für etwas Höheres, für etwas Beglückendes in uns, das man auch als Liebe bezeichnen könnte, das aber noch darüber hinausgeht.

Die Gralsritter bilden eine kuriose Gesellschaft.

Es gibt den sehr schönen Film „Von Menschen und Göttern“ über eine wahre Geschichte. Im Mittelpunkt stehen Mönche, die in Algerien geblieben sind, obwohl es hieß, dass Islamisten kommen und sie entführen, um Lösegeld zu erpressen. Die Mönche blieben, um der islamischen Bevölkerung zu helfen – medizinisch und mit Lebensmitteln. Dieses ganz schlichte „Helfenwollen“ ist die Hauptmotivation der Gralsritter. Deshalb tue ich mich immer schwer damit, wenn sie als verknöcherte Idioten gezeigt werden. Der Hilfsgestus ist eines der schönsten Momente im Christentum, was ja auch wieder mit Papst Franziskus deutlich wird. Dass die Ritter des Grals bedürfen, um die Kraft für diese dauernde Hilfestellung zu erlangen, ist natürlich das Problem.

Ist das letztlich auch ein Bekenntnis, dass ich einen Glauben brauche – an was auch immer –, um ein bestimmtes, sagen wir, ethisch korrektes Leben führen zu können?

Ich glaube, das hat Richard Wagner mit dem Werk ausdrücken wollen.

Mit Kundry gehen die Gralsritter aber nicht besonders freundlich um.

Die Gralsritter haben ein Problem mit Frauen. Das ist übrigens in allen monotheistischen Religionen so. Auch beim Judentum, das ja sehr auf der Mutter gründet, ist das Frauenbild nicht so simpel. Es gibt die Trennung in der Synagoge, die Frauen müssen durch Perücken ihre eigenen Haare verdecken. Bei den Katholiken ist das Frauenbild völlig durcheinander, und im Islam bekommen sie, salopp gesagt, einfach einen schwarzen Sack über den Kopf. Damit braucht man darüber nicht mehr zu reden. Die arme Kundry muss diese ganzen Frauenbilder verkörpern. Im zweiten Akt zerreißt das diese Figur. Wagner war besonders stolz, dass er als weibliches Pendant zum Tristan die Kundry gesetzt hat: in ihrer Zerrissenheit, in der Möglichkeit, eben nicht zu lieben, sondern sich permanent in neue Figuren aufzuspalten und damit den weiblichen Kreislauf als Fluch zu verstehen. In dieser verschwurbelten Figur ein Synonym für alle Frauen zu sehen, funktioniert nicht. Das ist ja auch ein Hauptproblem dieses Stücks.

Deshalb mögen Frauen den „Parsifal“ oft nicht besonders.

Kann ich gut verstehen. Es ist auch ein bisschen schade, weil in allen anderen Wagnerstücken die Frauen eigentlich Recht haben und am Ende auch Recht behalten. Wagner ist sehr oft auf der Seite der Frauen, ausgerechnet im Parsifal ist ihm das nur halb gelungen.

Viele Regisseure scheuen das Pathos, das bei Wagner ganz elementar ist.

Es gibt im Theater nichts ohne Pathos, außer es ist zynisches oder kaltes Theater. Und das interessiert mich nicht. Aber natürlich kann man sich als Pathetiker blamieren. Nietzsche hat Wagner ja als Schauspieler beschimpft, das ist doch ein Kompliment.

Was halten Sie eigentlich vom früheren andächtigen Schweigen nach dem ersten Aufzug?

Das ist ja ein großes Missverständnis, weil Wagner bei der Uraufführung erst keinen Applaus wollte. Dann war er aber so berührt von den Leistungen seiner Darsteller, dass er sich wieder anders entschieden hat. Doch die Sänger waren schon alle umgezogen und konnten sich nicht mehr verbeugen. Dieses Problem ist am Stück haften geblieben. Und weil der erste Akt mit der Abendmahlszene endet, hat man den Applaus auf später verschoben. Ich finde, das Publikum darf klatschen, wo es will. Es darf aber auch schweigen, wo es will.

Und Buhs?

Hält man als Regisseur aus. Wenn die Leute sich erregen, müssen sie sich halt erregen. Ich habe Buhs nie verstanden; wenn mir etwas nicht gefällt, gehe ich weg.

Rechnen Sie mit Buhs?

Ich weiß ja noch nicht, ob ich mich verbeuge.

Was, einfach nicht rauskommen?

Feige bin ich nicht. Vielleicht komm ich auch raus. Mal sehen.

Die Bayreuther Festspiele beginnen am 25. Juli mit der Premiere des „Parsifal“.