Was Mädchenzöpfe bedeuten können

Der Streit um eine Kita-Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung geht vor Gericht. Von Alexander Riebel

Erzieher sollen in der Kita darauf achten, ob die Mädchen Zöpfe tragen oder die Jungs ganze Kerle sein wollen.
Erzieher sollen in der Kita darauf achten, ob die Mädchen Zöpfe tragen oder die Jungs ganze Kerle sein wollen. Nach Auffassung der Amadeu Antonio Stiftung könnte das auf Eltern aus völkischen Kreisen schließen lassen. Foto: Stiftung

Die Amadeu Antonio Stiftung hatte im Herbst die Broschüre „Ene, mene muh – und raus bist Du“ herausgegeben, die Rechtsextremismus in deutschen Kitas sieht und thematisiert. Der Berliner CDU-Politiker und Jugenddezernent von Neukölln, Falko Liecke, hat daraufhin im November in einer Pressemeldung davon abgeraten, die Broschüre zu nutzen; es sei nicht die Aufgabe von Pädagogen, die politische Gesinnung von Eltern herauszufinden, was die Broschüre aber ausdrücklich nahelegt. Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Nadine Schön, nannte im Bundestag die Broschüre „quasi eine staatliche Handlungsanweisung zur Elternspionage und Elternerziehung“. Staatlich deswegen, weil Familienministerin Franziska Giffey (SPD) das Vorwort verfasst hat und die Broschüre mit Steuergeldern gefördert wird. Auch die Stiftung wird staatlich gefördert, nach Angaben der „Neuen Zürcher Zeitung“ mit 6,2 Millionen Euro in den Jahren von 2010 bis 2018.

Im Februar will die Stiftung, die nach eigenen Angaben seit 20 Jahren im Bereich Demokratiebildung mit Kitas, im Gemeinwesen und mit Schulen arbeitet, gegen das Bezirksamt Berlin-Neukölln vor Gericht gehen, um zu erreichen, dass Falko Liecke seine ablehnende Haltung gegenüber der Broschüre nicht mehr öffentlich wiederholt. Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst erklärte Stiftungssprecherin Simone Rafael, eine staatliche Institution dürfe keine entsprechende Empfehlung aussprechen. Aber die Ablehnung der Forderungen der Broschüre war eindeutig. Die bereits zitierte Nadine Schön (CDU) sagte im Bundestag: „Bitte sofort einstampfen.“

Worum aber geht es in der Broschüre? Im Geleitwort der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey, heißt es, wir erlebten „ein neues Ausmaß an menschenverachtendem Verhalten und einen deutlichen Anstieg rechtspopulistischer Bewegungen. Diese Entwicklung macht auch vor Kindertagesstätten nicht Halt... Über das Bundesprogramm ,Demokratie leben!‘ fördern wir aktuell 17 Träger und Maßnahmen, die einen ausdrücklichen Schwerpunkt auf Demokratiebildung und vorurteilsbewusste Bildung für die Jüngsten der Gesellschaft sowie auf Antidiskriminierung und Frühprävention im Vorschulalter legen.“ Mitarbeiter der „Fachstelle Gender, GMF (Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit; Anm. d. Red.) und Rechtsextremismus“ sind für den Inhalt der Broschüre verantwortlich. Sie sehen in der Verbreitung des Rechtspopulismus „mit rassistischen Debatten um Flucht und Asyl sowie weit verbreiteten Feindseligkeiten gegenüber geflüchteten Menschen neue, drängende Herausforderungen für das Arbeitsfeld Kita“. Es werden auch Beispiele für Rechtsextremismus in Kitas genannt, wie eine frühere Unterstützerin der Terrorgruppe NSU, die zu zehn Jahren Haft verurteilt und als Kitabetreuerin gekündigt wurde. Aus Spiegel-Online wird zitiert: „Die 31-Jährige galt als qualifizierte Betreuerin, von den Eltern geschätzt und bei den Kindern beliebt.“ Sie hat gegen die Kündigung geklagt und sich mit ihrem Arbeitgeber geeinigt. Auch sei es gemäß der Broschüre abzulehnen, dass die AfD sich gegen die „,Fremdbetreuung‘ durch Kitas“ ausspreche, etwa indem Asylanten eingestellt werden. Ebenso wird Thema, dass die „islamfeindliche Bewegung Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ in Berlin-Neukölln gegen die Neugestaltung eines Spielplatzes als „Orientalische Burg mit Basar“ nach einem „Motiv aus der Märchensammlung ,Tausendundeine Nacht‘“ mobil gemacht habe. Auch Geschlechtervielfalt ist der Stiftung ein Anliegen. Die AfD habe das als „Sex-Broschüre“ bezeichnet, was die Stiftung als Handreichung für Fachkräfte und Teams frühkindlicher Erziehung mit dem Titel „Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“ herausgegeben hat. Als rechtspopulistisch, Neurechts, religiös-fundamentalistisch bezeichnet die Broschüre Wörter wie „Genderismus“, „Genderwahn“ oder „Frühsexualisierung“, die dem Erziehungsauftrag entgegenstünden, „Kindern Geschlechtergerechtigkeit und die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und Lebensweisen zu vermitteln“. Klassische Geschlechterrollen seien besonders bei „Kindern aus völkischen Elternhäusern“ zu beobachten, wo Mädchen Kleider und Zöpfe tragen, Jungs hingegen körperlich gedrillt werden. Mit sogenannten Versteckspielen zu Symbolen oder Codes von Rechtsextremen könnten solche Elternhäuser aufgedeckt und die Eltern dann zu Gesprächen in die Kita eingeladen werden.

Eltern sollen auch einbestellt werden, wenn sich der Verdacht regt, sie könnten gegen Frühsexualisierung sein oder die Verteidigung von Genderpositionen für Unsinn halten. Immer wieder wird das Kindeswohl in der Broschüre in den Vordergrund gestellt – das Kindeswohl, das nur durch sexuelle Vielfalt erreicht werden könne. Hierzu sei einmal Nadine Schön zitiert: „Wenn Erzieherinnen und Erzieher zu Überwachern und zum Korrektiv der elterlichen Gesinnung werden sollen, überschreitet das Grenzen.“ Die Broschüre wolle Vorurteile bekämpfen, vermittle diese aber selbst. CDU-Jugendstadtrat Liecke hatte Einseitigkeit der Broschüre von Anfang an hervorgehoben: „In Neukölln sehen wir eher ein Problem mit religiösem Extremismus, wenn Kinder beispielsweise zum Tragen des Kopftuches genötigt oder Zwangsehen schon im Kindesalter arrangiert werden. Auch die Indoktrination durch Linksextremisten ist eine Gefahr.“