Wahrheit als Spiegel in der Hand Gottes

Vor ihrem 65. Geburtstag: Sibylle Lewitscharoff erörtert mit Najem Wali zentrale Figuren in Bibel und Koran. Von Felix Dirsch

Hüte dich vor falschen Freunden! Diesen Rat gab vor einigen Jahren die österreichische Literaturkritikerin Sigrid Löffler der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Sie sei in Gefahr, so die Antipodin des verstorbenen Marcel Reich-Ranicki, vom „parakatholischen Eleganz-Phänomen“ (Peter Sloterdijk) vereinnahmt zu werden. Wer sich mit der protestantisch erzogenen Lewitscharoff, die am 16. April ihren 65. Geburtstag feiert, ausführlicher beschäftigt, weiß, dass solche gut gemeinten Ratschläge überflüssig sind. Ihre Bücher enthalten christliche Inhalte in genuin-dosierter Form. Über das belletristisch interessierte Publikum hinaus wurde die Verfasserin einiger viel beachteter Romane erst mit ihrer Dresdner Rede 2014 bekannt. Mit drastischen Worten geißelte sie Erscheinungsformen künstlicher Befruchtung, die sogar zu „Halbwesen“ führen könnten. Mag man solche Formulierungen auch für zugespitzt halten, so arbeitete sie in ihrer Ansprache doch die quintessenzielle Gefahr menschlichen Schöpfungsgemurkses heraus: Das, was Menschen traditionell entlastet, weil sie für die Genese des Lebens keine letzte Verantwortung tragen müssen, belastet sie umso mehr, wenn sie über alle Einzelheiten menschlicher Existenz entscheiden müssen.

Überblickt man Lewitscharoffs OEuvre auch nur oberflächlich, so ergeben sich etliche Berührungspunkte mit Facetten des christlichen Glaubens und der christlichen Ethik. So werden Lebensanfang und -ende auch in ihren Romanen gelegentlich aufgegriffen. Das Totenreich und die es besiedelnden Völker werden teilweise ausführlich inspiziert. So auch in „Consummatus“. Der Titel spielt – in bewusster Doppeldeutigkeit – auf die letzten Worte Jesu am Kreuz an: Es ist vollbracht! Ein ehemaliger Lehrer namens Ralph blickt auf sein gescheitertes Leben zurück. Der Alkoholiker trauert um seine Eltern wie auch um seine Geliebte Joey, die er auf unglückliche Weise überfahren hat. Nun will er ständig zwischen dem Diesseits und Jenseits hin- und herwechseln. Sind die verstorbenen Angehörigen nah oder fern? Ist Gott wirksam oder unwirksam? Eindrucksvoll ist das Bild von der Schleuse, die die Toten ansaugt. Hinter ihr steht Jesus.

Ebenso entdeckt man in dem Roman „Apostoloff“ zahlreiche Anspielungen auf christliches wie kulturchristliches Gedankengut. Die Apostel folgen bekanntlich Christus, auf den der Name von Lewitscharoffs Vater („Kristo“) anspielt. Der Arzt, aus Bulgarien stammend, beging mit 43 Jahren Suizid und hinterließ die Familie mittellos. Dass eine Reise in sein Herkunftsland für die Erzählerin zur inneren Zerreißprobe wird, ist nicht erstaunlich. Ein Autokorso, finanziert von einem reichen Exil-Bulgaren, kehrt heim, im Gepäck einige Urnen, die in der Heimaterde bestattet werden sollen. Weiterhin hat die akademisch ausgebildete Religionswissenschaftlerin unlängst mit dem aus dem Irak stammenden islamischen Publizisten Najem Wali eine Studie auf den Markt gebracht, die Streifzüge durch Bibel und Koran präsentiert. Die Abhandlung erörtert die Bedeutung von Grenzgängern zwischen dem christlich-jüdischen und dem islamischen Grundbuch des Glaubens: Die Gestalten Eva, Abraham, Moses, Lot, Hiob, Jona, König Salomo, Maria und der Teufel werden ausführlich untersucht und in die jeweilige Glaubenstradition eingeordnet. Die Person Jesu wird hingegen eher peripher behandelt. Beim Leser kommt kein Zweifel auf, dass es sich bei beiden Autoren um liberale Vertreter ihrer Religion handelt.

Was beabsichtigt diese Publikation? Vordergründig einen neuen der zahlreichen Dialogversuche zwischen den beiden monotheistischen Weltreligionen. Das Wissen, das Lewitscharoff und Wali ausbreiten, ist beeindruckend. Die großen Glaubensfiguren sind in einer Fülle literarischer und künstlerischer Werke rezipiert und vielfach Teil mythischer Erzählungen. Das Spektrum an Verfremdungen und Variationen ist verblüffend. Lewitscharoff hält mit ihren erzählerischen Fähigkeiten nicht hinterm Berg. Einige Episoden werden (fast kaum bemerkbar) ausgeschmückt. Jeder kennt die Geschichte vom Opfer Abrahams. Lewitscharoffs manchmal ausschweifende Fabulierkunst wird deutlich, wenn sie die angebliche Sicht des Philosophen Sören Kierkegaard auf die Tat des biblischen Urvaters schildert: Der Däne verbringt angeblich in Berlin eine schlaflose Nacht, in der ihm eine göttliche Maus erscheint, um ihm Fragen rund um Barmherzigkeit näherzubringen.

Oder nehmen wir die weltgeschichtliche Strahlkraft einer Gestalt wie Hiob (Ayyub). Er ist möglicherweise der Prophet, mit dessen Geschichte der Islam sich am ausführlichsten beschäftigt, obwohl er in der jüdisch-christlichen Tradition gar nicht als Prophet auftritt. Gerade das 20. Jahrhundert kennt viele Hiob-Nachfolger. Zu den bemerkenswerten unter ihnen zählt der von Lewitscharoff angeführte jüdische Dichter Jizchak Katzenelson (1886–1944). Die Wucht der Empörung über das Erlittene und die Verzweiflung über das Absehbare sprechen aus jeder Zeile seines (übersetzten) Poems „Das Lied vom letzten Juden“. Der Glaube an Gott steht durch das Schweigen des Allerhöchsten in Frage. Die Anklage trifft die Christen als Kollektiv: „Denn schuldig ist der schlechteste und auch der beste Christ. Der schlechteste der Christen hilft den Deutschen morden, und der beste zwinkert, schläfrig, mit dem Augenlid …“

Lewitscharoff und Wali betrachten gemäß einer aus dem islamischen Kulturkreis überlieferten Weisheit die Wahrheit als Spiegel in der Hand Gottes, der herunterfiel und deshalb zerbrochen ist. Es ist für sie nun an der Zeit, die Scherben wieder zusammenzusetzen. Beiden ist es gelungen, ein Werk zu verfassen, das auf einem hohen inhaltlichen und stilistischen Niveau das Informationsbedürfnis vieler an dem Thema Interessierter befriedigt.

Sibylle Lewitscharoff/Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 309 Seiten, EUR 24,–