Von päpstlicher Heiterkeit

Die Feuerwerksspektakel

in der Ewigen Stadt waren legendär. Sogar Friedrich Engels schwärmte von ihnen

Von Ulrich Nersinger

Die Girandola wird Mitte des 19. Jahrhunderts über der Engelsburg abgebrannt. Foto: UN
Die Girandola wird Mitte des 19. Jahrhunderts über der Engelsburg abgebrannt. Foto: UN

Ein Jahreswechsel ohne traditionelle Böllerschüsse, rasende Sonnenräder und in die Höhe zischende und dann farbenprächtig explodierende Raketen ist kaum denkbar. So werden in der Nacht zum ersten Januar überall unzählige Feuerwerkskörper gezündet und funkensprühende Raketen in den dunklen Himmel geschossen. Auch in der Ewigen Stadt wurde und wird mit diesem Brauch das alte Jahr verabschiedet und das neue begrüßt. Für die Römer aber war in vergangenen Zeiten ein solches Spektakel nicht nur zu Silvester üblich; sie kamen mehrfach im Jahr in den Genuss eines Feuerwerks, das unsere Silvesterknallerei wie ein klägliches Unterfangen erscheinen lässt. Es handelte sich um die „Girandola“, das „eindrucksvollste, wunderbarste und zugleich furchterregendste römische Feuerwerksspektakel“ (Alice Villon-Lechner), ein unvergleichliches pyrotechnisches Schauspiel, das zunächst auf der Engelsburg, später dann auf dem Monte Pincio, dargeboten wurde.

Schon im Jahre 1242 hatte ein englischer Mönch, Robert Bacon, die Herstellung von Schießpulver beschrieben: „Vom Salpeter nehme sieben Teile, fünf von jungem Haselholz und fünf vom Schwefel, und du wirst Donner und Zerstörung hervorrufen, wenn du die Kunst kennst.“ Albertus Magnus erwähnte 1265 in seiner Schrift „Von den Sonderbarkeiten der Welt“ ebenfalls das Schießpulver – und schlug vor, es „in eine feste Hülle zu packen, um einen Knall zu erzeugen“. Der erste friedliche Gebrauch von Schwarzpulver und Feuerwerk fand in einem religiösen Rahmen statt, im Jahre 1379, in dem oberitalienischen Städtchen Vicenza. Zum Pfingstfest hatte man vor der dortigen Kathedrale ein Mysterienschauspiel veranstaltet. Als die „Apostel“ die Aussendung des Heiligen Geistes besangen, fuhr vom Turm des bischöflichen Palais mit großem Zischen und Knallen eine feurige Taube – vermutlich ein Schnurfeuerwerk – auf die Versammlung nieder. Nach der Landung der Taube ließ man Kanonenschläge und Schwärmer explodieren.

Das „Diario“ (Tagebuch) des Antonio di Pietro, eines Domherrn von St. Peter, berichtet für den 22. Mai 1410 von Feuerwerken in Rom, die nach Erhalt der Nachricht von der Wahl des [Gegen-]Papstes Johannes' XXIII. (1410–1415) in Bologna gezündet worden seien. Es sollten jedoch noch mehr als siebzig Jahre vergehen, bis man in Rom zu einem Spektakel fand, das alle bisherigen Dimensionen eines Feuerwerkes in den Schatten stellte: die „Girandola“ (Feuerrad) auf der Engelsburg. Vermutlich wurde sie erstmals im Jahre 1481 gezündet, zum Jahrestag der Thronbesteigung Sixtus' IV. (1471–1484). Zu dieser Zeit dürfte sie nach unseren Maßstäben noch bescheiden ausgefallen sein; für die damaligen Bewohner der Ewigen Stadt war sie jedoch schon eine bemerkenswerte Attraktion. Und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurde das Feuerwerk auf dem einstigen Mausoleum des Hadrian immer größer und prächtiger. Aus dem letzten Pontifikatsjahr Julius' III. (1550–1555), eines gebürtigen Römers, existiert eine Medaille, die ein Fass zeigt, aus dem Feuerwerkskörper emporsteigen; die Medaille trägt die ungewöhnliche Umschrift „Hilaritas Pontificia“ (Päpstliche Heiterkeit). Marcellus II. (1555) ließ eine ähnlich gestaltete Münze aus Anlass seiner Krönung schlagen und zur Gänze an die Bedürftigen der Ewigen Stadt verteilen. Und auf einer Pontifikatsmedaille Papst Pius' IV., der von 1559 bis 1565 regierte, ist dann die von der Girandola überstrahlte Engelsburg zu erblicken.

Man geht davon aus, dass die Girandola von Michelangelo Buonarroti (1475–1564) in ihr aus der Literatur bekanntes Konzept gebracht und von Gianlorenzo Bernini (1598–1680) in bemerkenswerter Weise perfektioniert wurde. Unter der Girandola verstand man ursprünglich nur den Strahlenkranz, der durch die Explosion sehr vieler, gleichzeitig abgefeuerter Raketen gebildet wurde. Der letzte Akt des Feuerwerks glich so einem gewaltigen Vulkanausbruch, „dem des Stromboli sehr ähnlich“ (Gianlorenzo Bernini). Durch ein hochkompliziertes Zündsystem wurden zeitgleich 4 500 Raketen – diese Zahl wurde stets beibehalten – in den römischen Himmel geschossen. Als der gestrenge Sixtus V. (1585–1590) den Stuhl Petri bestieg, sah er sich schon einer kaum mehr überschaubaren Zahl von Anlässen gegenüber, an denen man das Feuerwerk auf der Engelsburg zündete; mit der ihm eigenen Entschiedenheit reduzierte er die Anzahl der Girandole drastisch – wohl auch aus finanziellen Erwägungen heraus – und beschränkte den „spettacolo“ schließlich auf eine einzige Gelegenheit im Jahr. Doch diese von den Römern mit Murren aufgenommene Anordnung überdauerte den Tod des Papstes nicht. Der Überlieferung nach soll eine der ersten und wenigen Verfügungen seines Nachfolgers, des Römers Giambattista Castagna (Urban VII., 1590), gewesen sein, das entsprechende Dekret des Peretti-Papstes aufzuheben. Ein beachtlicher Umstand, wenn man bedenkt, dass dieser Papst der Kirche Gottes nur zwölf Tage vorstand!

Im 19. Jahrhundert war die Girandola weltberühmt

Noch im 19. Jahrhundert galt die römische Girandola als das wohl bekannteste Feuerwerk der Welt. Sogar an ungewohnter Stelle, in den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, findet das prächtige Spektakel Erwähnung. Friedrich Engels verglich die Bestrebungen seiner sozialistischen Gegner, ihre politischen Ansichten publikumswirksam zu präsentieren, mit „einer Girandola, wie man sie am Osterfest in Rom nicht glänzender sehen kann“. Die prominenten Romfahrer des 18. und 19. Jahrhunderts versuchten ihren Aufenthalt in der Ewigen Stadt so zu legen, dass sie Zeuge einer Girandola werden konnten. Auch Charles Dickens gehörte zu ihnen. Er hatte unter größten Schwierigkeiten und unter Aufbringung einer hohen Geldsumme ein Zimmer gegenüber dem Castel Sant'Angelo gemietet, einzig für das nicht einmal eine halbe Stunde dauernde Abbrennen der Girandola. Von seinem Fenster aus sah Dickens die ungeheuren Menschenmassen, die dem Spektakel beiwohnen wollten; er bestaunte die zahlreichen Tribünen, die man am Tiberufer errichtet hatte, und beobachtete mit Schrecken, wie die Brücke, die zur Engelsburg führte, derart belastet wurde, „dass sie in den reißenden Tiber zu sinken drohte“. In seinen „Pictures of Italy“ (Bilder aus Italien) schrieb der englische Poet: „Das Schauspiel begann mit einer donnernden Geschützsalve und dann war zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde lang die ganze Burg eine einzige Feuerfläche, ein Labyrinth von Feuerrädern von jeder Farbe, Größe und Schnelligkeit, während hoch in die Luft Raketen stiegen, nicht ein oder zwei oder zwanzig, sondern Hunderte auf einmal. Die Schlussszene – die Girandola – glich einer Explosion der ganzen großen Burg, allerdings ohne Rauch oder Staub.“

1851 wurde das eindrucksvolle Schauspiel von der Engelsburg zum Monte Pincio verlegt Die Verlegung der Girandola auf den Monte Pincio erklärt sich unter anderem durch den Ausbau der Pulvermagazine in der Engelsburg und der zeitweisen Stationierung französischer Schutztruppen in der päpstlichen Festung. Es verlor jedoch nichts von seiner Faszination. „Ehedem stieg die Girandola am Tage nach der Beleuchtung des Sankt Peter vom Mausoleum des Hadrian auf, jetzt aber vom Monte Pincio, über der Piazza del Popolo, gegen welche die Fassade dieses herrlichen Spazierganges gekehrt ist. Man sagt, dass sie auf dem hohen Kastell einen weit prächtigeren Anblick gewährt habe, und das ist wohl glaublich, weil sie von dort aus gleichsam über die Stadt selbst sich erhob. Indes macht die Girandola auch auf dem Monte Pincio eine über alles Vorstellen zauberische Wirkung. Sobald ein Schuss vom Kastell das Zeichen gibt, donnern die Kanonenschläge auf dem Pincio, und nachdem erst einige Raketen aufgestiegen sind, schießt rauschend und sausend, wie eine vulkanische Eruption, unvermutet und gewaltsam der Feuerstrom der Girandola hinter der Fassade des Pincio hervor. Eine Riesengarbe oder eine ungeheure Palmenkrone sprühenden Feuers fliegt, von der Erde gleichsam ausgestoßen, zischend und knallend auf, breitet sich fächerartig über den Himmel aus und scheint ihn halb bedecken zu wollen. Das geblendete Auge hat nicht Zeit, in diesem Strahlenphänomen das Spiel der Einzelheiten zu verfolgen, die ganze erhabene Erscheinung rauscht schon zu Häupten des Betrachtenden, der am Obelisk der Piazza del Popolo steht, und indem sie sich auflöst, scheint der Himmel Myriaden Sterne auf uns herabzuregnen. Es ist kaum ein Betrachten zu nennen, es ist eine urplötzliche Flammenvision, welche dahinfährt und in kürzester Zeit verschwindet; die Erinnerung hält sie nur wie die Magie einer Traumerscheinung fest. Die Girandola ist verschwunden – der Nachthimmel glänzt wieder tief und klar, und die weiße Dampfwolke wallt langsam über die Porta del Popolo“ (Ferdinand Gregorovius).

Mit dem Kirchenstaat endeten viele Vergnügungen

Mit dem Ende des alten Kirchenstaates im September des Jahres 1870 verschwanden viele „allegrezze“ (Vergnügungen) aus dem Leben der Ewigen Stadt. Die Girandola jedoch blieb – zumindest vorläufig. Sie wurde nun am Verfassungstag des neu entstandenen Königreiches Italien gezündet. „I regni passano, e la girandola e eterna – Die Reiche kommen und gehen, die Girandola bleibt auf ewig“, hoffte der römische Volksmund, leider vergeblich. Am 3. Juni 1888 erleuchtete ein letztes Mal eine traditionelle Girandola den römischen Himmel; auf einer bei der Piazza di Popolo eigens errichteten Tribüne wohnten zwei Monarchen, König Umberto I. und Kaiser Wilhelm II., dem Schauspiel bei.

Keines der späteren Feuerwerke der Urbs vermochte auch nur annähernd dem einstigen Glanz und Ruf gerecht zu werden. 1999 regte der Bürgermeister der Stadt Rom ein der alten Girandola nahekommendes Feuerwerk auf der Engelsburg zum Millenniumswechsel an. Die „Soprintendenza per i beni culturali“, die Aufsichtsbehörde für die staatlichen Kulturgüter, erhob Einspruch: die Bausubstanz des Kastells, die neueren Aufbauten, die modernen elektrischen und elektronischen Anlagen würden dies nicht unbeschädigt überstehen. Aber so ganz hat das zivile und kirchliche Rom in den vergangenen Jahren nicht auf prachtvolle Feuerwerke verzichten wollen; so erhellten zur 500-Jahr-Feier der Päpstlichen Schweizergarde 2006 Hunderte von Raketen den nächtlichen Himmel über der Ewigen Stadt.