Würzburg

Von ganz rechts nach ganz links

Vor 60 Jahren starb der Wiener Schriftsteller Arnolt Bronnen - Eine zufällige Entdeckung.

Arnolt Bronnen als Fähnrich
Zweiter von links: Arnolt Bronnen als Fähnrich. Foto: Archiv

Der Wiener Schriftsteller Arnolt Bronnen (1895-1959) ist heutzutage nur noch wenigen Spezialisten bekannt. Zu sperrig sind seine expressionistischen Dramen wie „Die Geburt der Jugend“, „Vatermord“, „Die Exzesse“, „Anarchie in Sillian“, und zu wirr seine Identitätsprobleme als Sohn eines in Auschwitz geborenen antisemitischen Juden, der später seine Mutter sogar dazu zwingt, ihn eidesstattlich als Produkt eines Fehltritts mit einem evangelischen Pfarrers zu erklären. Ebenso ungerade ist seine politische Haltung: Aus gutbürgerlichem Haus schwenkt er in den 20er und 30er Jahren nach ganz rechts, um dann nach dem Zweiten Weltkrieg ins andere Extrem zu wechseln und sein Lebensende in der DDR und als Freund Bertolt Brechts und Johannes R. Bechers zu beschließen.

Warum soll also heute an ihn erinnert werden? Ein kleiner Vermerk bei Wikipedia machte neugierig: Bronnen – damals noch als Arnold Bronner – diente als Kriegsfreiwilliger in der österreichischen Armee. Erst im berühmten Rainerregiment aus Salzburg, dann ab 1916 bei den 3. Kaiserjägern. Diese kämpften erbittert in den Alpen gegen die Italiener. Dazu schrieb er in seiner Autobiografie: „Ich wurde transferiert: zum 3. Tiroler Kaiserjäger Regiment (...) und kam (...) in das schönste Gebiet der ganzen Südfront, nach Gomagoi am Stilfser Joch. Hier im Ortlergebiet, wo die Frontlinie kaum unter 3 000 Meter Höhe verlief, gab es eigentlich nur einen Krieg: den gegen Schnee und Lawinen.“

Wenig später wurde das Regiment verlegt, südöstlich von Rovereto in das Pasubio-Gebiet. Bataillonskommandeur war Major Viktor Ritter von Kurovsky – Namensvetter von Ernest Hemingways großer Liebe Agnes, die zwei Jahre später auf der anderen Seite der Front als amerikanische Krankenschwester Dienst tat. Dies machte mich neugierig, forsche ich doch seit langem nach meinen Vorfahren und ihren Hinterlassenschaften. So auch der Halbbruder meiner Großmutter, Erwin Bock, nur ein Jahr älter als Bronnen, geboren in Bielitz, Österreichisch-Schlesien, als Sohn des dortigen evangelischen Kantors Gustav Bock. Der hochbegabte junge Mann, der nebenher komponierte und dichtete, meldete sich nach nur zwei Semestern an der Universität Wien als Freiwilliger bei den Kaiserjägern, wie so viele empört über den Bündnisbruch Italiens. Dort kam er in die 14. Kompanie des 3. Regimentes der Tiroler Kaiserjäger.

Soweit die Familienüberlieferung. Interessant nun die Funde der letzten Wochen – in der Regimentschronik wird er namentlich erwähnt: „Den stärksten Ansturm musste die Besatzung der Sektion 3 und 4 in der Nacht auf den 12. Juli abweisen. Er kostete ihr 43 Mann Verluste (13 tot, 30 verwundet). Kadettaspirant Bock erlitt hiebei den Heldentod. Aber auch die Italiener hatten erhebliche Verluste. Vor den Stellungen lagen etwa 30 Gefallene.“ Eine Mine hatte ihm die Beine abgerissen, im Schock glaubte er nur, er sei gestolpert und rief seine Kameraden um Hilfe. Leider konnten diese ihn nicht mehr vor dem Verbluten retten, er starb an seinen Verletzungen und wurde ein halbes Jahr später posthum mit der Silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.

Bronnen hingegen erlitt zwei Monate später eine Schussverletzung am Kehlkopf, weshalb er zeitlebens eine heisere Stimme zurückbehielt, und geriet in italienische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1919 entlassen wurde. Er zog nach Berlin, und begann seine Karriere als Schriftsteller von skandalumtobten Theaterstücken mit vatermordenden, homosexuellen und nationalistischem Inhalt, 1930 heiratete er eine Schauspielerin, die gleichzeitig für den NKWD arbeitete und mit der er zusammen, gemeinsam mit Joseph Goebbels, eine Menage a trois führte. Nach 1933 wurde er Programmleiter der literarischen Abteilung der Funk-Stunde und unterzeichnete das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler. Als „Halbjude“ war seine Situation bedroht, weshalb er darum seine Mutter nötigte, seine „arische Abkunft“ zu beeiden.

1935 nahm sich seine Frau Olga – die Geheimagentin – das Leben und er heiratete ein Jahr später Hildegard von Lossow. Sie brachte 1938 Tochter Barbara zur Welt, die ebenfalls Schriftstellerin wurde und heute in München lebt, sie verfasste aus diesem abenteuerlichen Stoff das Buch „Meine Väter“. Carl Zuckmayer beschrieb den Kollegen in seinem „Geheimreport“ 1944: Bronnen hätte „bei den Nazis kein Glück“ gehabt: „Er hatte früher – als dafür noch ein Markt war – zu viel Brunst geschrieben. Zu viel Mutterbeschlafung – zu viel Excesse. Die Nazis konnten einen Mann mit solch entarteter Vergangenheit ihrem Spießbürgerpublikum nicht zumuten … als Autor ist er vergessen.“

Trotz seiner Nähe zum NS-Regime wurde er nach dem Krieg von den Amerikanern zum Bürgermeister von Bad Goisern ernannt, während in der Sowjetischen Besatzungszone einige seiner Stücke auf die „Liste der auszusondernden Literatur“ gesetzt wurden. 1954 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel „arnolt bronnen gibt zu protokoll“, 1955 übersiedelte er – nach Rücksprache mit Johannes R. Becher, den er aus den 20er Jahren kannte – nach Ost-Berlin und arbeitete am Berliner Ensemble bei seinem alten Freund Bertolt Brecht. Am 12. Oktober 1959 verstarb er an einer Herzkrankheit und liegt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begraben.

Erwin Bock hat leider kein großes Werk hinterlassen: Einige spätromantische Kompositionen, die der Aufführung harren, ein studentisches Liederbuch, ein paar Einträge im Archiv der Universität Wien, zwei Zeitungsartikel im Bestand der österreichischen Nationalbibliothek anlässlich seines Todes und der späteren Ehrung, und vier Fotos, welche Flucht und Vertreibung der Familie überstanden und die bisher noch nie veröffentlicht wurden. Früher unbeachtet, ist nun klar: Rechts von Erwin Bock, mit den Distinktionsabzeichen eines Einjährig-Freiwilligen/Kadett steht Arnolt Bronnen als Fähnrich.