Von der Kunst, zu konturieren, ohne den Holzschnitt einzusetzen

Aus der Biologie kein Schicksal ableiten: Lorenz Jäger fragt nach der politischen Theologie jüdischer Intellektueller. Von Urs Buhlmann

Hebräische Buchhandlung im Berlin der zwanziger Jahre. Foto: IN
Hebräische Buchhandlung im Berlin der zwanziger Jahre. Foto: IN

Lorenz Jäger hat ein schneidiges Buch geschrieben, manche würden sagen, ein zweischneidiges. Der Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist in der deutlich nach links gerückten und mit den Idealen des französischen Laizismus liebäugelnden Redaktion seiner Zeitung der letzte, der gegen den Strom zu denken und zu schreiben wagt, ohne dass er sich freilich ohne Abstriche als konservativ bezeichnen würde. Er ist einer der interessantesten Köpfe der ehemals führenden deutschen Zeitung, der Themen aufgreift, die andere nicht behandeln wollen oder deren Relevanz sie gar nicht erkennen. Zu Adorno hat er alles gesagt, was zu sagen war („Adorno, Eine politische Biographie“, 2003) und sein Buch über die Freimaurerei französisch-romanischer Prägung („Hinter dem großen Orient“, 2009) ist ein Kabinettstück kundigen Hinterfragens und erhellender Analyse.

In seinem neuen, wieder im gleichfalls unangepassten Wiener Karolinger-Verlag erschienenen Buch widmet sich der studierte Soziologe und Germanist der „politischen Theologie jüdischer Intellektueller“. Wieder wird Jäger auf reichlich Widerspruch stoßen, doch wieder lohnt sich die Lektüre unbedingt. Manche werden überrascht sein zu hören, dass die Grundstimmung im politischen Denken des modernen Judentums als eine revolutionäre zu beschreiben ist – jedenfalls, wenn man Jägers Gewährsmännern Max Weber und Jacob Taubes folgt. Aus der Sicht Webers tun sich freilich Parallelen zum Christentum auf, denn es gehe um die Wiederherstellung eines eigentlich gottgewollten Zustandes. „Das ganze Verhalten der antiken Juden zum Leben wurde durch diese Vorstellung einer künftigen gottgeleiteten politischen und Sozialrevolution bestimmt“, schrieb Weber 1918. Taubes spitzt das 1947 noch zu, wenn er als geschichtlichen Ort der revolutionären Apokalyptik Israel bezeichnet: „Weil sich die transzendent-politische Idee Israels so zwangsläufig auf das Weltleben umschaltet, ist Israel in der revolutionären Bewegung führend.“ Von daher ist es nur ein Schritt zu der Erkenntnis, dass ein beträchtlicher Teil der politisch engagierten Intellektuellen der jüngeren Vergangenheit jüdischer Abkunft war. Vor Verallgemeinerungen allerdings hütet sich Jäger und warnt auch davor. Wenn aber Rassismusforscher Peter Glanninger allein schon den Gedanken einer „vermeintlich talmudischen Geheimlehre“ für eines der vielen christlich-antijüdischen Vorurteile hält, betreibt er selber Verallgemeinerung. Was umso seltsamer ist, als in der neueren Judaistik, aber auch schon bei Gershom Sholem die Kabbala ohne weiteres als talmudische Geheimlehre gedeutet wird. Das ist natürlich ein heißes Eisen, denn es „scheint das Paradox schlechthin zu sein, dass Magie und strikter Monotheismus für Jahrhunderte in einer Glaubensgemeinschaft koexistierten, ja einander durchdringen konnten“ (Jäger). Zur Trennung beider Bereiche schlägt unser Autor vor: „Was im Namen Gottes vollzogen wird, gehört zum Bereich der Religion. Was aber mittels des Gottesnamens für endliche, ganz diesseitige Zwecke erreicht werden soll, geht in Richtung der Magie.“

So wie es aus dem christlichen Lager immer wieder Polemik gegen das Judentum gegeben hat und weiter geben wird, so gibt es umgekehrt Gegenreaktionen. Das ist insoweit nicht überraschend. Faszinierend aber, wie Jäger den Gnostizismus des wichtigen amerikanischen Literaturwissenschaftlers Harold Bloom herausarbeitet, der von Christus nur einen Lichtleib übrig lässt, weil er natürlich mit dem Kreuzesopfer nichts anfangen kann, und der mit Hingabe die christlichen Autoren Cervantes und Dante zerpflückt. Ähnlich erbarmungslos, sagt Jäger, sei Canetti mit dem tiefgläubigen Autor Tolstoi umgegangen. Dessen letztlich glaubensfrohe Haltung habe den ungläubigen Juden Canetti regelrecht wütend gemacht, wenn er schreibt: „Solange es den Tod gibt, ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut. Die Versuche, sich mit ihm abzufinden, und was sind Religionen sonst, sind gescheitert.“ Ein weiterer Beitrag Jägers in der ursprünglich als Artikelfolge für seine Zeitung erschienenen Sammlung untersucht den Einfluss des in der Gender-Bewegung führenden US-amerikanischen Endokrinologen Norman Spack. Dessen Rabbi habe ihm gesagt, dass der Allerhöchste auch „Transgender“-Menschen „in the image of God“ geschaffen habe. Es geht also um Menschen, die sich dauerhaft in ihrem eigenen Geschlecht nicht wohlfühlen und sich berechtigt fühlen, dies zu ändern. Spack seinerseits meint im Recht zu sein, wenn er bereits Zehnjährigen pupertätsblockierende Medikamente verabreicht und überhaupt dafür plädiert, die weitergehende Verabreichung von Hormonpräparaten oder gar finale Operationen so früh wie möglich vorzunehmen. Die atemberaubende Begründung: Wenn etwa ein Mädchen bei den ersten Anzeichen des Wachstums der Brust mit Tendenzen der Selbstverletzung zu kämpfen habe, dann sei das Kind wahrscheinlich „transgendered“. Das ist natürlich vollendeter Schwachsinn – mit schwersten Folgen für die Opfer von Dr. Spacks Manipulationen, denn sie sind in jedem Fall zeugungsunfähig oder unfruchtbar – aber ist es auch „typisch jüdisch“? Gelegentlich kann man Lorenz Jäger nicht ganz folgen, wenn er auf der Suche nach dem System hinter allem ist. Wohl ist es aufschlussreich, wenn der von ihm zitierte amerikanische Vizepräsident Biden rühmend hervorhebt, dass ohne die jüdische Präsenz in den Medien die Zustimmung zur „Eheschließung“ von Homosexuellen nicht zu erreichen gewesen wäre.

Sicher zu Recht würdigt Jäger die Bedeutung der in den Vereinigten Staaten hoch populären Schriftstellerin und Denkerin Ayn Rand, geborene Alissa Rosenbaum aus St. Petersburg, die einen radikal-egoistischen Kapitalismus predigt, der Gemeinschaften und auch Regierungen verachtet und an der Wiege der sogenannten Tea Party-Bewegung in den Staaten steht. Auch die Beobachtungen Jägers zu den obskuren Allianzen zwischen amerikanischen Neokonservativen – Neocons klingt viel griffiger – und Gegnern der These vom Klimawandel sind nicht an den Haaren herbeigezogen und haben als gemeinsame Wurzel einen rabiaten Fortschrittsglauben, für den der Autor in vielen Fällen einen jüdischen Hintergrund festmachen kann. Dass härteste Islamistenkritik und unbedingtes Eintreten für das Existenzrecht Israels häufig zusammengehen, ist wiederum nicht verwunderlich. Alan Dershowitz, einer der bekanntesten amerikanischen Anwälte und Spross einer orthodox-jüdischen Familie, gehört „zu den entschiedenen, um nicht zu sagen militanten Fürsprechern Israels“, für den jegliche Anklage gegen die jüdische Heimstatt aus Vorurteilen gespeist ist. Er bringt es fertig, eine Art Recht auf legales Foltern zu fordern, für das er ein „rechtsstaatliches“ Verfahren vorschlägt. Ein Richter müsse das anordnen dürfen, solle es aber auch, wenn die Schwere der zu verhütenden Tat es nahelege. Natürlich dürfe die Folter keine tödlichen Folgen haben. Tatsächlich, dafür kann Lorenz Jäger verlässliche Zeugen anführen, gäbe es in Israel eine Art staatliches Manual für „rechtsstaatliche Folter“, das etwa gegenüber palästinensischen Gefangenen zur Anwendung komme. Dershowitz habe es sich zum Ziel gesetzt, „das internationale Recht der israelischen Praxis anzugleichen und diese damit gleichsam rückwirkend akzeptabel zu machen“. Das liest man mit Beklommenheit, aber, wiederum, es handelt sich dabei nicht um die Mehrheitsmeinung jüdischer Intellektueller.

Am Ende seines Sammelbandes verblüfft Lorenz Jäger seinen Leser, denn nun folgt Apologetik: „Kein heutiger Intellektueller, und sei er noch so reaktionär, wird je vergessen wollen, welche Einsichten er jüdischen Denkern verdankt.“ Der Autor nennt zunächst Karl Kraus, dessen Antrieb „der Widerstand gegen den unkontrollierten Machtanspruch der Gegenwart“ gewesen sei. Jäger: „Noch die geringste Glosse lebt von der Einsicht, dass das Bessere und Würdigere nicht zusammenfällt mit dem Neuen, das dem Zeitgeist assimilierbar ist; anders gesagt, dass der Zusammenhang von Humanität und Fortschritt sich löst.“ Jäger erinnert auch an den deutsch-israelischen Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Werner Kraft (1896–1991), der wie kein anderer den Zusammenhang von Humanität und Sprache empfunden habe, die ebenso wenig zu trennen seien wie der öffentliche Geist und die politische Vernunft.

An- und Aufregendes präsentiert Lorenz Jäger in seinen Beobachtungen zur Geisteswelt jüdischer Intellektueller. Der Leser sollte nur immer die Sätze in Erinnerung behalten, mit denen Jäger den Band seiner Miniaturen beginnt: „Der Antisemitismus ist niedrig und verwerflich. Denn er spricht einer Gruppe von Menschen den freien Willen ab. Der Rassismus ist ein Szientismus. Aus der Biologie will er ein unausweichliches und totales Schicksal ableiten.“

Lorenz Jäger: Unterschied. Widerspruch. Krieg – Zur politischen Theologie jüdischer Intellektueller. Karolinger Verlag, Wien/Leipzig, 2013, 148 Seiten, ISBN 978-3-85418-152-1, EUR 22,–