Von der Esskultur zur Weltanschauung

Was zulässig und was verboten ist: Wie Speisevorschriften aus dem Koran deutsche Nahrungsgewohnheiten verändern. Von Katrin Krips-Schmidt

Für Hohn und Häme sorgt aktuell der Appell nachdenklicher Volksvertreter in Schleswig-Holstein und Dänemark. Sie empfehlen, Schnitzel, Spanferkel und Schinken nicht von der Speisekarte der Kantinen ihrer Länder zu nehmen. Andererseits: Schweinefleisch genießt bei ernährungsbewussten Mitbürgern derzeit nicht gerade ein hohes Ansehen. Zu viel Fett, zu viele Antibiotika und sonstige der Gesundheit womöglich abträgliche Inhaltsstoffe haben das Schwein als Lebensmittel in Verruf gebracht.

Muslime schlachten in Richtung Mekka

Mit der steigenden Anzahl Asylsuchender aus einem muslimischen Kulturkreis drängt sich zugleich ein neuer Ernährungstrend in die öffentliche Wahrnehmung und auf die Tische von Kita, Mensa und Kantine. Der „Halal-Food-Trend“ wird von Zeitgeist- und Fitnessmagazinen als neuartige „gesunde“ Lebensform entdeckt und soll – als eine Art „arabisches Bio“ gepriesen – den Bundesbürgern nachgerade schmackhaft gemacht werden.

Doch was derzeit publikumswirksam unter der Schlagzeile „Schweinefleisch-Zwang“ in die Medien kommt und den Komikern der Republik offenbar allerhand Stoff liefert, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Zur Rettung der dänischen Esskultur und als Maßnahme gegen eine schleichende Islamisierung nahmen sogar die Liberalen den Vorschlag von Martin Henriksen aus der Dänischen Volkspartei im Stadtparlament von Randers in Jütland an, in öffentlichen Einrichtungen Schweinefleisch aus ihren Kantinen nicht zu verbannen, nachdem dieses mit Rücksicht auf muslimische Essgewohnheiten etwa in Kitas von den Speiseplänen gestrichen worden war.

Bevor jedoch Spötter die Kritiker einer sich in vorauseilendem Gehorsam verändernden Kultur der Fremdenfeindlichkeit und Deutschtümelei zeihen, sollten einige Fakten zur Kenntnis genommen werden.

Dazu genügt es, einen Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand zu werfen: so etwa nach Frankreich, wo die Halal-Debatte schon seit Jahrzehnten geführt wird – in den achtziger Jahren prominent angestoßen von keiner Geringeren als Brigitte Bardot. Der Filmstar protestierte damals gegen die betäubungslose Halal-Schlachtung von Tieren. Noch vor kurzem war der Begriff „Halal“ in der Bundesrepublik gänzlich unbekannt. Nur Muslime wussten, was damit gemeint war. Halal bezeichnet im Gegensatz zu „haram“ – der Ausdruck für „verboten“ – all das, was „erlaubt“, was „zulässig“ ist.

Da im Islam das Schwein als unreines Tier gilt, ist es Muslimen verboten, Schweinefleisch zu sich zu nehmen – und nicht nur das. Es ist zudem ein schweres Vergehen, auch nur in Kontakt mit allem zu geraten, was mit Schweinen zu tun hat. Die Muslime folgen bei ihren Reinheitsvorschriften den Anweisungen aus dem Koran. In Sure 5, Vers 3 heißt es: „Verboten ist euch (der Genuss von) Fleisch von verendeten Tieren, Blut, Schweinefleisch und (von) Fleisch, worüber (beim Schlachten) ein anderes Wesen als Allah angerufen worden ist, und was erstickt, (zu Tod) geschlagen, (zu Tod) gestürzt oder (von einem anderen Tier zu Tod) gestoßen ist, und was ein wildes Tier angefressen hat – es sei denn, ihr schächtet es.“ Gläubige Muslime essen daher kein Fleisch von verendeten Tieren, sondern nur von nach dieser Richtlinie getöteten Tieren. Das heißt in der Praxis: Ein muslimischer Fleischer richtet das Schlachttier gen Mekka aus und ruft bei der Durchtrennung der Halsschlagader die im Islam heiligen Worte aus: „Im Namen Allahs, Allah ist der Größte“.

Damit Fleisch „Halal“ ist, muss das Tier geschächtet, das heißt, es muss ihm ohne vorherige Betäubung mit einem langen Schnitt die Kehle durchgeschnitten werden. Vor allem Tierschützer kritisieren diese rituelle Form der Schlachtung im Islam, aber auch das koschere Schächten im Judentum. Nicht ohne Grund ist das Schlachten von Tieren ohne vorherige Betäubung in Deutschland jedoch verboten, allerdings ließ das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 23. November 2006 von muslimischen beziehungsweise jüdischen Metzgern zu beantragende Ausnahmeregelungen für religiös motivierte Schächtungen zu. Als Reaktion auf diese Entscheidung des obersten deutschen Gerichts bezeichnete der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Muslime islamkonformes Fleisch als eine für Muslime „existenzielle Notwendigkeit“: „Wenn wir schon ein Mitgeschöpf töten müssen, ist das Schächten die humanste Art und Weise.“ Offenbar sieht man das mit dem vermeintlich humanen Töten, bei dem sich die rituell geschlachteten Tiere bis zu mehreren Minuten lang röchelnd in qualvoller Agonie ins Jenseits kämpfen, in Norwegen, Schweden, Dänemark, Island, Liechtenstein, Polen und in der Schweiz ganz anders. In all diesen Ländern ist Schlachten ohne vorherige Betäubung aus Tierschutzgründen gesetzlich verboten.

Doch selbst wenn die Halal-Schlachtung in Deutschland normalerweise mit einer elektrischen Kurzzeitbetäubung vor sich geht, weil es hier muslimische Gesetzesausleger gibt, die dieses mit dem Koran für vereinbar halten: Sicher sein kann man sich dessen nicht in jedem Fall. Das Auge des Gesetzes wacht schließlich nicht ständig mit einem Veterinär über jeden kleinsten Schlachtbetrieb.

In Frankreich, wo das betäubungslose Schlachten erlaubt ist und im ganzen Land praktiziert wird, sind die Bürger heute mit weitaus größeren Problemen konfrontiert.

Dort erschütterten 2005 Infektionen mit einer tödlichen Form des Bakteriums Escherichia Coli die französische Bevölkerung. Ursache waren kontaminierte Hamburger. Veterinäre und andere Wissenschaftler machen die Halal-Schlachtung dafür verantwortlich, bei der es durch die Durchtrennung von Luft- und Speiseröhre bei der Schlachtung zum Austritt von Magen- und Darminhalt (der E. Coli-Bakterien enthält) und damit zur Kontaminierung des Schlachtkörpers kommen kann – eine Folge, die beim konventionellen Schlachten nicht eintritt, da die Speiseröhre laut EU-Vorschrift zwingend abgebunden werden muss.

Brüssel gewährt bei Halal eine Ausnahme

Das sonst so regelungsbemühte Brüssel macht für rituelle Schlachtungen eine Ausnahme: Die Verordnung (EG) Nr. 853/2004 des Europäischen Parlamentes und des Rates legt in Anhang III, Abschnitt I, Kapitel IV, Paragraf 7, unter a) fest: „Die Luft- und die Speiseröhre dürfen beim Entbluten nicht verletzt werden, ausgenommen bei der Schlachtung nach religiösen Gebräuchen“. Jährlich sterben in Frankreich etwa hundert Kinder an den Folgen einer E. Coli-Infektion. Eine Parlamentarische Anfrage im Europäischen Parlament zu einer Studie zur Kennzeichnung sogenannter Halal-Schlachtungen verlief bisher ergebnislos.

Der Markt mit Hahal-Fleisch boomt weltweit

Unter anderem wurde am 1. April 2014 dabei die Frage gestellt: „Erkennt die Kommission einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer gesteigerten Anzahl von Neuinfektionen mit E. Coli unter Kindern und Heranwachsenden (insbesondere in Frankreich) und der im Betrachtungszeitraum gestiegenen Zahl von Schlachtungen, die ,Halal‘-konform durchgeführt wurden?“

Zwei Monate später gab die Kommission bekannt, dass ihr keine Studien für einen Nachweis eines Zusammenhanges vorlägen. Von der in Auftrag gegebenen Analyse, deren Ergebnisse für Dezember 2014 angekündigt wurden, ist indes offenbar noch immer nichts bekannt geworden.

Für die Franzosen das größte Problem ist, dass sie nicht wissen, ob sie Fleisch aus konventioneller oder aus islamkonformer Schlachtung verzehren. Bislang gibt es bei ihnen – wie auch in Deutschland – keine Deklarationspflicht für Halal-Produkte. So schlachten alle fünf Schlachthöfe im Großraum Paris ausschließlich Halal – ein Pariser Schlächter, der konventionell geschlachtetes Fleisch kaufen möchte, muss seine Ware aus einem mehr als 300 Kilometer entfernten Betrieb beziehen. Etwa 50 Prozent der in Frankreich geschlachteten Tiere werden Halal-konform geschlachtet, bei den Lämmern sind es sogar 95 Prozent – und das bei einer muslimischen Bevölkerung von nur neun Prozent.

Die Gründe für dieses Missverhältnis sind ökonomischer Art: Ein Schlachtbetrieb wird wegen der fehlenden Kennzeichnungspflicht seine Halal-Ware in jedem Fall auch auf dem konventionellen Markt los, seine konventionell geschlachteten Tiere jedoch auf keinen Fall bei muslimischen Fleischern und Endabnehmern. Darüber hinaus wird die bekannte französische Fastfoodkette „Quick“ demnächst von dem amerikanischen Unternehmen „Burger King“ übernommen – zehn Prozent der Filialen, das sind etwa 40 Restaurants –, werden weiter unter dem ursprünglichen französischen Firmenlogo firmieren, ihren Kunden dann allerdings ausschließlich Halal-Fleisch anbieten.

Was sich in Frankreich bereits Ende des letzten Jahrhunderts von Jahr zu Jahr verstärkte, ist eine Tendenz, die sich nun auch hierzulande immer mehr beobachten lässt: der Ruf nach der „Halalisierung“ der deutschen Esskultur. So ist der Islam etwa in der geflügelverarbeitenden Industrie Deutschlands längst angekommen. Die Hähnchen der Firma „Wiesenhof“ entsprechen den rituellen Ansprüchen ihrer muslimischen Kunden und sollen – laut Eigenaussage des Unternehmens – aber auch den Tierschutzanforderungen gerecht werden, mit anderen Worten: vor der Schlachtung mehr oder weniger betäubt sein, was von strengen Muslimen nicht als wirklich Halal angesehen wird. Doch ein Etikett bestätigt den Halal-konformen Schlachtvorgang, bei dem die Schlachtlinie gen Mekka ausgerichtet ist, und nur muslimische Fleischer für diesen speziellen Tätigkeitsbereich angestellt sind, die zudem regelmäßige DNA-Stichproben auf Spuren von Alkohol und Schwein über sich ergehen lassen müssen. Denn eine Verunreinigung mit diesen Substanzen gilt im Islam ebenfalls als haram.

Auf der ganzen Welt ist der Markt mit Halal-Lebensmitteln ein Bombengeschäft. Weltweit wird mit islamkonformen Lebensmitteln ein geschätzter Umsatz von mehr als einer Billion Dollar erreicht, in Europa bietet der Markt mit mindestens 70 Milliarden US-Dollar weiteres Ausbaupotenzial, auch in Deutschland soll er mit stark anziehender Tendenz derzeit vier bis fünf Milliarden Euro betragen – nicht zuletzt angesichts eines steigenden Bevölkerungszuwachses infolge des Zustroms an Flüchtlingen, die zum großen Teil muslimischen Glaubens sind.

Gerade in Zeiten, in denen wir uns mit der Kultur der in Deutschland neu ankommenden Menschen vertraut machen sollten, wäre es ein wichtiges Anliegen, auch über fremde Esskulturen Bescheid zu wissen – zumal, wenn man sich anschickt, Regionales zunehmend zu ersetzen.