Von Vorbildern und Idolen

Die Jugendlichen von heute orientieren sich vor allem an Sport- und Medienstars. Auf die Dauer genügt das aber nicht. Dann sind wieder die echten Vorbilder gefragt. Von Klaus Kelle

Wenn Teenie-Träume wahr werden: Heidi Klum und Lovelyn, Siegerin von „Germany's Next Topmodel“ 2013. Foto: dpa
Wenn Teenie-Träume wahr werden: Heidi Klum und Lovelyn, Siegerin von „Germany's Next Topmodel“ 2013. Foto: dpa

Vom heiligen Augustinus heißt es, er habe den Satz geprägt: „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“ Eine überaus kluge Beobachtung, mit der die Bedeutung des Vorbilds durch die eigenen Eltern prägnant zusammengefasst wird. Die ersten Idole eines Kindes sind die Menschen, die sie gezeugt haben, und die sie bei den frühen Schritten ins Leben begleiten. Das war immer so, das ist so, und wahrscheinlich wird es auch so bleiben. Doch was kommt dann? Nicht wenige Eltern wenden sich mit Grausen ab, wenn sie die ihnen folgenden nächsten Vorbilder des eigenen Nachwuchses betrachten. Menschen, die objektiv Großes geleistet haben oder gar herausragende religiöse Gestalten, sind in den seltensten Fällen dabei. Woran liegt das?

Zugegeben, in Deutschland tut man sich nach den geschichtlichen Erfahrungen schwer mit Vorbildern. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich sagte dazu in einem Interview: „Es ist in demokratischen Zeiten nicht so leicht, ein von allen anerkanntes Vorbild zu sein, wie zu Zeiten, als noch König, Kaiser und Papst bestimmten, was vorbildlich ist.“ Tatsächlich schlägt das Pendel heute extrem zur anderen Seite aus. Autoritäten und mögliche Vorbilder werden oftmals ohne Nachdenken der Respektlosigkeit preisgegeben. Politiker haben keine Chance mehr, zu einem Vorbild für breite Bevölkerungsschichten zu werden. Nicht zuletzt die sogenannten „Comedians“ tragen dazu bei, die auf der Plattform elektronischer Medien, also Fernsehen und Radio, ungehindert Hohn und Spott über unsere politischen Repräsentanten ausgießen dürfen – oftmals auf beängstigend dünnem Niveau und von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Bei religiösen Autoritäten ist es ähnlich. Einen Papst als senilen inkontinenten Greis auf der Titelseite einer sogenannten Satirezeitschrift abzubilden, eine Entscheidung, die vor Jahrzehnten völlig zu Recht Empörung hervorgerufen hätte, wird heutzutage von breiten Bevölkerungsschichten als eine Art kultureller Beitrag angesehen.

Nicht verschwiegen werden soll dabei, dass sich manche Person unseres öffentlichen Lebens, die als Vorbild dienen könnte, größte Mühe dabei gibt, sich selbst vom Sockel zu stoßen. Man denke nur an Frau Käßmann, einst höchste Repräsentantin der evangelischen Kirche in Deutschland, die von der Polizei erwischt wurde, als sie im angetrunkenen Zustand durch Hannover brauste – nach Weingenuss während der Fastenzeit. Wenigstens ihr Rücktritt war konsequent. Man denke an Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg und andere, deren Doktorarbeiten offenbar zumindest in Teilen Plagiate waren. Oder man denke an den Literaten Günther Grass, jahrzehntelang für viele Deutsche eine moralische Instanz erster Güte, Nobelpreisträger, der sich 2006 dazu bekannte, ab dem Jahr 1944 der Waffen-SS angehört zu haben. Mehr als befremdlich, dass ausgerechnet er sich vor diesem Hintergrund bis heute lautstark mit fragwürdigen Texten und Argumenten als harscher Kritiker Israels hervortut.

Doch: Warum brauchen wir, warum brauchen Kinder überhaupt Vorbilder? Der wesentliche Punkt ist zweifellos, dass offenbar jeder Mensch eine Orientierungshilfe sucht, um den eigenen Platz im Leben zu finden. Was ist richtig, was ist falsch? Für was lohnt sich ein Engagement? Wie möchte man selbst werden? Fragen, die im ersten Schritt von den Eltern beantworten werden müssen. Doch schon im Alter von elf oder zwölf Jahren empfinden viele Kinder die eigenen Eltern als „uncool“. Was dann kommt, kann manchmal prägender sein als die ersten behüteten Jahre am familiären Abendbrottisch. Dabei sollte sich niemand der Illusion hingeben, es sei möglich, den Kindern das nächste Idol quasi vorzugeben. In Einzelfällen mag das funktionieren, in der Regel nicht.

Das Magazin „Spiegel“ lässt immer mal wieder Jugendliche nach ihren Vorbildern befragen. Über die vergangenen 15 Jahre lässt sich dabei feststellen, dass es immer mehr die sogenannten Stars sind, denen unsere Kinder nacheifern wollen. Bundesligafußballer stehen bei den Jungs am höchsten im Kurs, aber auch TV-Helden wie Stefan Raab. Bei den Mädchen geht es eher um „Superstars“ und „Top-Models“. Glaubt man dem „Spiegel“, ist Heidi Klum heute bei den Mädchen zwischen 10 und 19 Jahren in Deutschland das Vorbild Nummer 1. Was sie dazu macht? Ihr gutes Aussehen, ihr Erfolg, ihr Geld? Wahrscheinlich die Mischung aus allem.

Doch wo sind Albert Schweitzer und Mutter Teresa von Kalkutta? Wo sind Gandhi, Bonhoeffer oder Forscher wie Sir Alexander Fleming, der 1945 den Nobelpreis für die Entdeckung des Penicillins erhielt? Fehlanzeige! Gegen Lady Gaga haben diese herausragenden Menschen bei Deutschlands Jugend derzeit keine Chance. Über die Gründe kann trefflich gestritten werden. Die Rolle der elektronischen Massenmedien und des Internets dürften entscheidend sein. Sie pushen bestimmte Figuren in den Vordergrund, während echte Persönlichkeiten ins Hintertreffen geraten.

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, denn nach den Teenager-Jahren erinnern sich viele Menschen zurück an ihre Ursprünge und insbesondere die eigene Mutter rückt dann häufig wieder auf den Spitzenplatz bei der Frage nach dem Vorbild schlechthin. Überhaupt, Untersuchungen zeigen zwei wichtige Entwicklungen. Zum einen haben fast alle Jugendlichen, die nach ihrem Platz im Leben suchen, Vorbilder. In der Erwachsenen-Welt glauben viele, darauf verzichten zu können. Doch diejenigen, die als schon ausgereifte Menschen Idole haben, wählen diese eher aus dem Alltag, aus der eigenen real erfahrbaren Welt. Da kommen die eigenen Eltern wieder ins Spiel, da wird ein besonders engagierter Arzt im Viertel oder eine Nachbarin, die ihre behinderte Mutter aufopferungsvoll pflegt, plötzlich zum Vorbild.

Es gibt keine gerade Linie in der Entwicklung von Vorbildern, doch im Wesentlichen folgt der Bewunderung der Kinder für ihre Eltern – sie können lesen und schreiben, schwimmen und Auto fahren – das Schwärmen für Idole aus der bunten Welt der Medieninszenierungen, dem Showbusiness, wie man es nennt. Darauf folgt dann wieder der Blick auf das reale Leben. Traurig ist allerdings: Religiöse Leitfiguren haben im Laufe der Jahre in unserem Teil der Welt spürbar an Bedeutung verloren. Mutter Teresa und Dietrich Bonhoeffer sind vielen Menschen noch geläufig, Päpste werden zwiespältig gesehen – irgendwie kluge und beeindruckende Männer, die aber klare Regeln aufstellen und etwas einfordern. Das ist in der seltsamen Leichtigkeit des Seins in einer Wohlstandsgesellschaft nicht mehr sonderlich populär. Dann lieber der Dalai Lama. Zum einen ist Tibet weit weg, zum anderen sagt er Sachen wie „Lebe ein gutes, ehrbares Leben! Wenn Du älter bist und zurückdenkst, wirst Du es noch einmal genießen können.“ Das klingt schön, wer wollte dagegen etwas sagen?

Nein, die christlichen Vorbilder, die Märtyrer, die Heiligen sind nicht so leicht zu konsumieren. Der Lutheraner Dietrich Bonhoeffer, der vier Wochen vor Kriegsende im KZ auf ausdrücklichen Befehl Hitlers hingerichtet wurde. Oder der Franziskaner Maximilian Kolbe, der im KZ Ausschwitz freiwillig in den sogenannten „Hungerbunker“ ging, um einen Mithäftling vor dieser grausamen Bestrafung zu bewahren. Auch Kolbe wurde später hingerichtet und wird heute in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Beide waren Menschen, die für die Nachgeborenen das Potential besitzen, Vorbilder in Extremsituationen sein zu können.

Womit wir bei der Frage sind, ob Vorbilder letztlich etwas im Leben der Menschen, die sich an ihnen orientieren, bewirken? Nun, die politischen Helden vergangener Zeiten eher nicht. Zwar sieht man immer noch „Che Guevara“-T-Shirts im Alltagbild unserer Großstädte, aber die Zahl der tatsächlichen Revolutionäre ist hierzulande erfreulich gering. Genauer hinschauen muss man schon bei den aktuellen Teenie-Idolen. Für die vergangene Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ des Quoten-Marktführers RTL bewarben sich mehr als 30 000 Jungen und Mädchen. Mehr als 13 000 wollten bei ProSieben mit Heidi Klum zu „Germany’s next Topmodell“ avancieren. Foto-Sessions statt Bäckerlehre, Jugend musiziert mit Dieter Bohlen, statt Freiwilliges Soziales Jahr. Beeindruckende, manche meinen beängstigende Zahlen sind das. Doch wer von all diesen jungen Menschen wird letztlich „Superstar“ oder „Top-Modell“? Höchstwahrscheinlich niemand, ein paar schaffen es vielleicht für eine begrenzte Zeit in der dritten Reihe und bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Auftritten in Diskotheken und bei Möbelhaus-Eröffnungen. Irgendwann ist der Traum vom Roten Teppich, der durchs eigene Leben führt, vorbei. Und dann tritt wieder Phase 3 in den Vordergrund: der Alltag und das Leben an sich.

Für Eltern, die sich aufgrund der Medienidolatrie ihrer Kinder am Rande des Nervenzusammenbruchs befinden, ist es vielleicht tröstlich, an den griechischen Philosophen Sokrates zu erinnern, der einst sagte: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Das sagte er etwa 400 Jahre vor Christi Geburt, und es klingt, als sei er ein Zeitzeuge von heute. Es geht dennoch immer weiter und bisweilen gar nicht schlecht.

Wer sich heute mit den großen wissenschaftlichen Untersuchungen wie der Shell-Studie beschäftigt, stellt fest, dass die Jugendlichen in Deutschland – und übrigens auch in ganz Europa – stark zu den alten Werten und Traditionen neigen. Sie wollen heiraten und Kinder haben – fast 80 Prozent. Sie wollen einen Beruf haben, der ihnen Freude macht und ein angenehmes Leben führen, vielleicht sogar ein Eigenheim bauen. Nicht umsonst setzen neuerdings Bausparkassen und Baumärkte auf den Werbewert der Bezeichnung „Spießer“. Das Wort, so scheint es, hat für die Meisten jeden Schrecken verloren. Gerade weil so viele ihr Elternhaus in überwiegend positiver Erinnerung haben, weil das kleine alltägliche Glück und die Geborgenheit der Kindertage eben überwiegend als großartig empfunden wurden, will man das in der Zukunft für sich und eigene Kindern noch einmal schaffen. Wenn die Erfahrungen in der Kindheit und das Rüstzeug durch die Eltern positiv und intensiv waren, besteht kein echter Grund zur Sorge, wenn die Kinder mal eine Zeit lang für einen Fußballer oder Heidi Klum schwärmen. „Auch in einem Königshaus lernt man, wie die Affen lernen: Indem man die Eltern beobachtet“, so hat es der britische Dauer-Thronfolger Prinz Charles unnachahmlich beschrieben.

Auf das Elternhaus kommt es an, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Diese Erkenntnis birgt eine gewaltige Verantwortung für die Erziehungsberechtigten. Ob sie es wollen oder nicht: Das Vorbild, das die eigenen Eltern abgeben, prägt für das ganze spätere Leben – im Guten ebenso wie im Schlechten.

Genau deshalb ist es sehr gefährlich, wenn wir heutzutage einen ideologisch motivierten Angriff auf diese – im wahrsten Sinne des Wortes – Keimzelle unserer Gesellschaft wagen. Wird die traditionelle Familie zerstört oder zumindest banalisiert, hat dies schwerwiegende Konsequenzen für die Zukunft dieses Landes, weil es direkte Folgen für die Kinder hat. Ein gutes Vorbild der Eltern im Umgang untereinander und mit ihren Kindern, Verständnis, Ernsthaftigkeit und Vertrauen sind das sicherste Bollwerk gegen falsche Trends und Wege. Und dazu: Viel gemeinsame Zeit. Wer sich dieser Herausforderung stellt, ist ein wahres Vorbild unserer Tage.