Von Sex, Schuld und Schweigen

Psychiater analysieren den Missbrauch – Schönborn lobt Papst Benedikt und widerspricht ihm Von Stephan Baier

Kirche bei Thema Missbrauch gespalten
Der Missbrauch im Schatten des Kreuzes erregt die Gemüter stärker als andernorts. Foto: dpa

Warum fällt vielen bei „Sex & Crime“ so schnell die Kirche ein? Warum denken die meisten beim Stichwort „Missbrauch“ an Kleriker? Dass die Kirche hier am Pranger stehe, sei nicht primär darauf zurückzuführen, dass man ihr schaden wolle, meinte der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, am Samstag bei einer Fachtagung des „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP). Der „Missbrauch des Heiligsten“ sei jedoch besonders erschütternd. Der Kardinal erzählte von einem Priester, der gegenüber einem von ihm missbrauchten Mädchen die Wandlungsworte („Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“) zitierte. Oft stehe der spirituelle Missbrauch am Beginn des sexuellen Missbrauchs.

Schönborn zog Parallelen zwischen dem Fall seines Wiener Amtsvorgängers, Kardinal Hans Hermann Groer, und dem Fall des im Vorjahr in den Laienstand versetzten chilenischen Klerikers Fernando Karadima. Die Kirche in Österreich habe seit dem „Fall Groer“ 1995 einen „langen und schmerzlichen Lernprozess“ durchgemacht, wofür sie heute weltkirchlich als Vorbild gelte. „Kardinal Ratzinger war damals unsere Zuflucht“, erinnerte sich Schönborn. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation habe Papst Johannes Paul II. von der Einrichtung eines Gerichtshofs für die schwerwiegenden Fälle überzeugt. Mittlerweile habe der Bewusstseinswandel „die ganze Kirche erfasst“, es gebe „weltkirchliche Standards“ und seit dem Februar-Gipfel in Rom sogar einen gleichen Bewusstseinsstand.

Auch bei der österreichischen Regierung tat man sich offenbar schwer: Laut Kardinal Schönborn bat er 2010 die Bundesregierung, eine staatliche Kommission zur Untersuchung der Missbrauchsfälle einzurichten, doch der damalige Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) habe das nicht gewollt. Daraufhin rief die katholische Kirche selbst eine unabhängige Kommission ins Leben, aufgrund deren Empfehlungen bisher 27 Millionen Euro an freiwilligen Wiedergutmachungen und Therapiestunden bezahlt wurden.

Am belastendsten sei für ihn selbst die Erfahrung gewesen, „dass es Geistliche gibt, die jegliche Schuldeinsicht verweigern“, sagte Schönborn. Geradezu unglaublich seien die „Strategien der Schweigespirale von Tätern“. Umgekehrt müsse man Betroffene ermutigen, zu reden, denn die Schwelle zum Reden sei enorm hoch – wie auch die Leiden, die aus der Dynamik des Redens resultieren. Oft seien Erinnerungen wie unter einer Betondecke verschlossen, mitunter verbunden mit Selbstbeschuldigungen des Missbrauchsopfers. Dann könne das Hervortreten des jahrelang Verdrängten zum leidvollen Wiedererleben führen, ja zum sekundären Trauma.

Anders als der emeritierte Papst Benedikt XVI. sieht Kardinal Schönborn keinen kausalen Zusammenhang zwischen der 68er Bewegung und dem sexuellen Missbrauch: 60 Prozent der in Österreich erfassten Fälle hätten vor 1969 stattgefunden; dagegen nur 0,9 Prozent aller Fälle nach dem Jahr 2000. Schönborn sieht in der einstigen kirchlichen Fixierung auf das sechste Gebot, gepaart mit einer „Geschlossenheit des Systems“, das eigentliche Problem. „Geschlossene Systeme begünstigen Missbrauch“, so sein Fazit, auch mit Verweis auf Internate.

Auf eine Frage aus dem Publikum meinte Schönborn, die eigene Lebensform verteidigend: „Wenn der Zölibat das große Problem wäre, dürfte es in den Familien keinen Missbrauch geben.“ Der Psychiater, Gerichtsgutachter und Bestsellerautor Reinhard Haller verwies in einem Statement zu Kardinal Schönborns Ausführungen darauf, dass 99,7 Prozent aller Missbrauchstäter nicht im kirchlichen Bereich tätig seien. Haller wusste auch von einer enormen Verunsicherung bei Priestern und Ordensleuten zu berichten, und davon, dass rund ein Drittel aller Anzeigen Fehlanzeigen seien.

Die dunkle Seite der Sexualität

In seinem eigenen Vortrag ging Haller auf die dunkle Seite der Sexualität ein, auf Perversionen und die vielfältigen Verbindungen von „sexuell abweichendem Verhalten und Kriminalität“. Zwar fehlten hier verlässliche Daten, doch lasse das Internet auf eine hohe Dunkelziffer schließen, etwa bei Voyeuren, Exhibitionisten und Sadisten. Perversionen seien Abwehrmechanismen und hätten einen Angst reduzierenden Kompensationscharakter, so Haller.

Der Psychiater kritisierte, dass die Politik bei Pädophilen nach immer härteren Strafen rufe, jedoch ein therapeutischer Ansatz fehle. Perversionen hätten immer mit einer Persönlichkeitsstörung zu tun. „98 Prozent aller Priester und Ordensleute haben damit überhaupt nichts zu tun“, sagte Haller. Die hyper-sexualisierte Gesellschaft projiziere allerdings ihre eigene Missbräuchlichkeit auf die Kirche. Und die habe „alles getan, um die Pfeile auf sich zu ziehen“.

Haller wurde mit Gutachten zum Serienmörder Jack Unterweger und zum Briefbomben-Attentäter Franz Fuchs sowie mit Büchern wie „Die Seele des Verbrechers“ und „Das ganz normale Böse“ berühmt. Beim RPP-Kongress in Wien erklärte er die Motive sexuell aggressiven Verhaltens und unterschiedliche Typen von Vergewaltigern und Sexualmördern.

Warum der Flirt als „bewusstes oder unbewusstes Spiel mit dem Eros“ in Gefahr ist, zeigte der RPP-Gründer, der Wiener Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli. Einerseits nämlich, weil man heute zu schnell beim Sex landet. Andererseits durch Missbrauch (durch Macht und asymmetrische Beziehung) und Perversion (Belästigung, Schändung, Vergewaltigung). Bonelli erzählte den Fall eines Täters, der seine Stellung als Psychotherapeut nutzte, um sich eine Patientin sexuell gefügig zu machen. Gleichzeitig warnte er vor der Gefahr, dass der Flirt in manchen Ländern bereits mit sexueller Belästigung gleichgesetzt werde. Während die Sexualgesetze in den zurückliegenden Jahrzehnten immer liberaler geworden seien, werde derzeit alles immer strenger.

Raphael Bonelli warnte vor einer „Flirtophobie“, erinnerte aber auch daran, dass alle Hochkulturen den Sex in der Ehe verorten, weshalb der Flirt zunächst der Eheanbahnung diene. Im Gegensatz zum Balzverhalten der Tiere sei der menschliche Flirt jedoch nicht immer ehrlich, weil der Mensch nicht „dem Bauch“ (den Instinkten) folgen muss, sondern als vernunftbegabtes Wesen entscheiden kann.

Der deutsche Arzt, Neurowissenschaftler und Psychiater Joachim Bauer legte dar, dass bereits vor der Geburt Einflüsse auf den Fötus „Spuren von Resonanzen im Körpergedächtnis des Kindes“ hinterlassen. Mütterliche Zuwendung oder Stress habe Auswirkungen auf das spätere Empfinden, und auf das Sexualleben. Alles Erlebte hinterlasse unbewusst „einen tiefen Fingerabdruck“. Eine Vorherbestimmung durch die Gene bestritt Bauer ausdrücklich. Er warnte auch vor Richard Dawkins These vom egoistischen Gen: „Glauben Sie ihm nicht! Es gibt kein egoistisches Gen. Gene sind Kooperatoren und Kommunikatoren!“

Der Missbrauch hat traumatisierendes Potenzial

Die Ansicht, dass der Mensch als „Bio-Roboter“ auf ein angeborenes Programm determiniert sei, sei wissenschaftlich überholt. Dieses „biologistische Konzept“ erkläre jene für unnormal, die sich im falschen Körper fühlen, so Bauer. Er sprach in diesem Zusammenhang von „inhumanen Normativitätskonzepten“. Umgekehrt finde alles, was wir erleben, Eingang in die menschliche Biologie. Sexuelle Gefühle und Einstellungen seien eine Mitgift frühkindlicher Erfahrungen, die jedoch von späteren Erfahrungen „überschrieben“ werden könnten. Die Signale von Bezugspersonen prägten die Selbstsicht auf den eigenen Körper.

Kinder zu jung zu sexualisieren oder gar sexuell zu stimulieren, könne schwere Störungen zur Folge haben. Sexuelle Gewalt und Missbrauch hätten ein traumatisierendes, zerstörerisches Potenzial. Wichtig sei dagegen, wie Eltern miteinander und mit ihrer eigenen Körperlichkeit umgehen.

Die Gynäkologin Doris Gruber erläuterte in Wien, warum die „Trias aus Fortpflanzung, Bindung und Trieben“ nicht ohne Probleme auseinandergerissen werden kann. Jeder Sexualkontakt hinterlasse „molekularbiologische Spuren“, so Gruber, die vor zu frühen Beziehungen warnte. „Die Frau braucht eine tiefe Liebesbeziehung, und darin eingebettet Sexualität.“

Der Grazer Psychiater und Neurologe Peter Hofmann schilderte die Ursachen von Persönlichkeitsstörungen, warnte aber auch vor der Illusion, alles Böse sei durch Verhaltenstherapie und Pharmakologie behandelbar. Risikofaktoren für die Entwicklung bösen Verhaltens seien eine lieblose Erziehung und emotionale Verwahrlosung. Es gebe aber auch genetische Faktoren und organische Wesensänderungen etwa durch Drogen- und Alkoholmissbrauch.