Von Schuld und Vergebung

Der Wille, den Glauben angemessen zu leben – Religiöse Themen auf der Berlinale. Von Max-Peter Heyne und Gabriele Leidloff

Erinnert an die Geschichte von Hiob: Szene aus dem Spielfilm „Menashe“ des amerikanischen Regisseurs Joshua Z. Weinstein. Foto: Sundance Inst.
Erinnert an die Geschichte von Hiob: Szene aus dem Spielfilm „Menashe“ des amerikanischen Regisseurs Joshua Z. Weinstein... Foto: Sundance Inst.

Ein untersetzter, korpulenter Mann kniet vor dem Bett und spricht das Vaterunser. Dann macht er sich durch die Kölner Dunkelheit auf den Weg zu seiner Nachtschicht als Wärter in einem Warenlager. Dieser Mann, der sich einfach nur Becker nennt, ist ehemaliges Mitglied einer Rockerbande und Ex-Häftling, der für Morde und andere Verbrechen lange gesessen hat und nun erfolgreich die ersten Schritte in ein bürgerliches Leben wagt. Der neu gewonnene Glaube stabilisiert ihn und aus Verbundenheit besucht er sogar den Gefängnispfarrer, der ihm im Knast einen Weg zu Gott gezeigt hat. Die verbrecherischen Taten der Vergangenheit holen Becker wieder ein – doch nicht in Persona seiner Exkumpane, sondern des Mannes, der durch Beckers Schuld seine Familie verloren hat. Der kann und will nicht vergeben, verfolgt und bedroht Becker und dessen neue Freundin. Auf diesen Hass weiß Becker keine adäquate Antwort. Sein Opfer von früher drängt ihn in die Kriminalität zurück, wohlwissend dass dies für beide schreckliche Folgen haben wird.

Der Psychothriller „Zwischen den Jahren“ des Kölner Regisseurs Lars Henning (Jahrgang 1976) in der Berlinale-Reihe mit neuen deutschen Filmen gehört sicherlich zu den bedrückendsten, aber auch faszinierendsten Beiträgen. Das stilsichere, in düsteren Bildern gedrehte Drama wirkt, so merkwürdig das angesichts des fatalen Verlaufs der Handlung klingen mag, nicht vollkommen hoffnungslos oder abgründig. Ein Grund dafür ist die kraftvolle, nuancenreiche Verkörperung der Hauptfigur durch den Theater- und Filmschauspieler Peter Kurth, der als bärig-kantiger Typ trotz aller Verfehlungen und charakterlicher Mängel Sympathien beim Zuschauer weckt. Außerdem erzählt „Zwischen den Jahren“ von einer misslungenen Vergebung, die aber gleichwohl als Alternative im Raum steht. Regisseur und Drehbuchautor Henning verweist allerdings darauf, dass Gewalttaten lebenslange Spuren hinterlassen und bisweilen unverzeihlich sind. Der dramaturgische Kniff besteht darin, dass das Opfer die Kraft zur Versöhnung, die der Täter anbietet, nicht aufbringen kann – und so nicht nur den Täter, sondern auch die Zuschauer zum Nachdenken über die Folgen und den Kreislauf von Gewalt zwingt.

Weniger fatal als kriminelle Energie wirkt pure Tolpatschigkeit. Aber für den sympathischen Anti-Helden Menashe Lustig im Spielfilm „Menashe“ des US-Regisseurs Joshua Z. Weinstein, haben seine mangelnde Souveränität und Lebensfestigkeit auch gravierende Folgen: Sein Umfeld, die chassidisch-orthodoxe Gemeinde in New York, möchte den früh zum Witwer Gewordenen rasch wiederverheiraten, zumal sie kein Vertrauen in dessen Fähigkeiten als Alleinerziehender hat. Menashe trägt nicht einmal die Schläfenlocken sichtbar und kann die traditionelle Kartoffelkugel nicht richtig kochen. Da er zu wenig Geld verdient und seinen Haushalt kaum allein führen kann, beansprucht ein Onkel die Erziehung von Menashes Sohn. Die Story des Films erinnert an die Hiobsgeschichte.

Religiös begründetes, tief in den Alltag wirkendes Regelwerk kann bei strikter Auslegung eine sehr anspruchsvolle, anstrengende Aufgabe sein, zeigt Regisseur und Autor Weinstein an Menashes Figur. Er möchte die Orthodoxie gerne befolgen, kann aber qua Naturell und Temperament einen klar vorgezeichneten Lebensweg nicht gehen. Die religiösen Gesetze und diejenigen, die sie vertreten, sind stärker als Menashe. Ist das aber seine Schuld oder Schwäche oder die der Anderen, die Menashes Individualität nicht ausreichend berücksichtigen? Interessante Fragen, die der einfache, aber mit vielen Details präzise erzählte Film aufwirft, ohne nach einer Seite zu verurteilen oder gar zu diffamieren. „Menashe“ zählt zu den ganz wenigen Filmen, in denen überwiegend Jiddisch gesprochen wird. Denn offensichtlich wird in jüdisch-orthodoxen Kreisen in den Vereinigten Staaten auch nach einem Jahrhundert der Emigration das europäische Jiddisch gepflegt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben – ein Zeichen für das umfassende Traditionsbewusstsein innerhalb dieser Gemeinden. Der Film aus dem Forum der Berlinale hat leider noch keinen deutschen Kinostart.

Natürlich spielt auf dem diesjährigen Festival die globale Auseinandersetzung mit dem radikalen, dogmatischen Islam eine Rolle, allerdings weniger, als man angesichts von rund 400 Filmen im Gesamtprogramm vermutet. Ein interessantes, aber nicht zufriedenstellendes Beispiel zeigt der Film „Investigating Paradise“ (Untersuchungen zum Paradies) des algerisch-französischen Regisseurs Merzak Allouache im Panorama. Die junge algerische Journalistin Nedjma stellt Recherchen zum Bild vom Paradies im Islam an. Besonders interessiert sie sich für die plastischen Schilderungen, die salafistische Prediger entwerfen, um junge Männer in Algerien für den Dschihad anzuwerben. Zusammen mit ihrem Kollegen Mustapha findet sie verstörend blumig ausgeschmückte Videopredigten und entscheidet sich, das Phänomen genauer zu untersuchen.

In Schwarz-Weiß gefilmt, schickt Regisseur Allouache seine Journalistin zu zahlreichen Interviews. Die jeweiligen Ansprechpartner verkünden bemerkenswert infantil eine sehr gegenständliche Vorstellung des Jenseits. Nur wenige von ihnen vermissen dabei Spiritualität und die Frage, wie es zur Prophezeiung für Selbstmordattentäter kommen konnte. Nach anstrengender Filmlänge von über zwei Stunden – bildkarg und wortlastig – gewinnt der Betrachter zumindest einen Einblick in die algerischen Gesellschaftsverhältnisse. Wie genau sich der Irrglaube eines gewalttätigen Märtyrertums verbreiten kann, bedürfte allerdings einer genaueren Auseinandersetzung.