Von Menschen und Glastieren

Mit nostalgischem Flair: Katharina Thalbach inszeniert „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams an der Berliner Komödie am Kurfürstendamm. Von Patrick Wagner

In mütterlicher Umarmung: Laura (Nellie Thalbach) und Amanda Wingfield (Anna Thalbach) als Mutter. Foto: Barbara Braun
In mütterlicher Umarmung: Laura (Nellie Thalbach) und Amanda Wingfield (Anna Thalbach) als Mutter. Foto: Barbara Braun

Zu den vielbeschworenen sozialen Phänomenen unserer Zeit gehören jene jungen Menschen, die bis ins frühe Erwachsenenalter die Füße unter den elterlichen Tisch stellen und keinerlei Anstalten machen, flügge zu werden. In Frankreich beispielsweise macht jene im Volksmund als „Nesthocker“ titulierte Gruppe bereits einen großen Teil der über Dreißigjährigen aus.

Doch das Phänomen ist keineswegs neu. Schon im vergangenen Jahrhundert existierte es und fand auch literarisch seinen Niederschlag. Kein Geringerer als der US-amerikanische Dramatiker Tennessee Williams lieferte schon im Jahr 1944 eine tiefschürfende Familienstudie, die ihr dramatisches Potenzial nicht zuletzt daraus schöpft, dass ein Mitglied der Wingfield-Familie dem Leben ängstlich gegenübersteht.

Im Drama „Die Glasmenagerie“, mit dem sich Williams seinen ersten großen Bühnenerfolg sichern konnte, ist es die gehbehinderte Tochter Laura, die sich ihrer Beinschiene schämt und sich daheim regelrecht vor der Welt versteckt. Nach beendeter Schule schwänzt sie die Berufsausbildung, trauert ihrem High-School-Schwarm nach und verbringt die Zeit am liebsten mit ihren Glastieren, allesamt ebenso fragile Wesen wie sie selbst. Bruder Tom, als verkannter Poet in seinem Beruf als Lagerarbeiter unzufrieden und als alter ego von Williams angelegt, blickt mit Skepsis auf den Plan von Mutter Amanda, die Tom bittet, einen seiner Kollegen zum Abendessen in ihre Wohnung einzuladen, um Laura mit ihm verkuppeln zu können und sie so abgesichert zu wissen. Als sich der geladene Jim auch noch als der bewusste Schwarm herausstellt, nimmt die Geschichte eine unheilvolle Entwicklung. Der dramatische Kniff von Williams ist es dabei, die Ereignisse aus der Rückschau von Tom erzählen zu lassen, der von Vorwürfen geplagt wird, durch seinen Fortgang seine Schwester Laura der endgültigen Vereinsamung im mütterlichen Heim preisgegeben zu haben.

Dieser erzählerische Rahmen gibt dem Drama einen Hang ins Sentimentale, ein Wesenszug, der Williams in seinen Werken niemals fremd war, hier jedoch stärker als in späteren Stücken hervortritt. Zur aktuellen Inszenierung in der Komödie am Kurfürstendamm liefert Ezio Toffolutti passenderweise ein Bühnenbild, das in Aufbau und Mobiliar die 1930er Jahre wiederauferstehen lässt, und kleidet alle vier Figuren ebenso stilecht ein. Dafür, dass der nostalgische Touch nicht überhand nimmt, sorgt Regisseurin Katharina Thalbach, die jede sich bietende Pointe herausarbeitet, und das Stück damit bei allem Ernst in die Sphäre des gehobenen Unterhaltungstheaters katapultiert. Dankenswerterweise verzichtet sie dabei auf jenen volkstheaterhaften, krachledernen Zugriff, mit dem sie in den letzten Jahren jedes Stück, das ihr in die Hände fiel, in eine einzige Schenkelklopfer-Revue verwandelte. Ganz im Gegenteil erweist sie sich hier im Umgang mit den Figuren genauso vorsichtig, ja zärtlich, wie Laura mit ihren Glastieren. Insbesondere in der Szene, als sich Laura und Jim näherkommen, ist ihre Schauspielerführung dermaßen präzise, dass die Spannung trotz der Länge des Dialogs niemals verloren geht.

Diese Präzision ist auch nötig, denn letztlich bezieht der gesamte Abend seine Publikumswirksamkeit eher aus den liebevoll gezeichneten Figuren als aus der recht dünn geratenen Handlung. Dabei ist es nicht zuletzt ihre verzweifelte Realitätsflucht, durch die sich die gesamte Familie Wingfield auszeichnet, mit der sie trotz aller teils heftig ausgetragener Konflikte die Sympathie des Publikums erntet. Während sich Laura in ihre Glasmenagerie zurückzieht, flieht Tom jeden Abend ins Kino, und Mutter Amanda träumt sich unablässig in ihre Jugendzeit zurück, als sie noch an jedem Finger einen Verehrer hatte. Mit Ausnahme von Tom, der als einziger eine Veränderung seines Lebens anstrebt, stecken alle in ihrer Lebensuntüchtigkeit fest. Die Gestaltung der weiblichen Charaktere gerät dabei zur Familiensache, und zwar im doppelten Sinne: Katharina Thalbachs Tochter Anna spielt Amanda Wingfield und legt sie als überbehütendes Muttertier an, das zwar ehrlich um Lauras Zukunft fürchtet, aber in Wahrheit nicht bereit ist, sie aus dem mütterlichen Klammergriff zu entlassen. Sie hebt sich erfreulicherweise von älteren Interpretationen der Figur dadurch ab, dass sie Amanda nicht ins Enthobene abdriften lässt, sondern bei allen Launen immer die besorgte Mutter und verlassene Ehefrau zeigt, die mit beiden Beinen auf der Erde steht.

Enkelin Nellie Thalbach liefert als Laura eine leicht stotternde, verschüchterte Kindfrau ab, um die es einem von Anfang an leidtut. Wie die kaum theatererfahrene 21-Jährige hier auch in kleinen Gesten höchst präsent die Bühne füllt, kann wohl nur damit erklärt werden, dass das Thalbachsche Schauspieler-Gen auch in ihrer Generation durchschlägt. Jungschauspieler Leonard Scheicher siedelt Tom zwischen rebellischem Ausbruchswillen und emotionaler Gebundenheit an die Familie an. Er und Florian Donath als Jim, beide noch an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, treffen in ihren Figuren den richtigen Ton und runden das Quartett stimmig ab.

Nach zweieinhalb Stunden hat der Zuschauer begriffen, was die Mitglieder dieser Familie voneinander abstößt – aber eben auch, warum sie trotz des finalen Zerwürfnisses aneinander hängen. Ihre Flucht vor der Realität in innere Gedankenwelten wird ebenso plausibel wie ihre Unsicherheit, dem Leben zu begegnen. Damit gelingt es dieser für die Komödie am Kudamm eher untypischen Produktion, nicht nur glänzend zu unterhalten, sondern auch ein paar Fragen von zeitloser Gültigkeit aufzuwerfen.

Weitere Vorstellungen bis 17. April 2016, täglich um 20 Uhr, am 17.4. und 16 Uhr.