Von Engeln auf den Sinai getragen

Ein äußerst lesenswerter Roman über die heilige Katharina von Ägypten, die etwas andere Feministin. Von Christian Müller

Die heilige Katharina von Ägypten, wie Caravaggio sie sah. Foto: IN
Die heilige Katharina von Ägypten, wie Caravaggio sie sah. Foto: IN

Seit sieben Jahren geht Monsignore Peter von Steinitz jeden Donnerstag in der westfälischen Hauptstadt Münster in den Dom, um dort Beichte zu hören. Der Beichtstuhl befindet sich zu Füßen einer Figur der heiligen Katharina von Alexandria. Die gotische Skulptur dieser sehr schönen jungen Frau im Mittelgang des Domes beschäftigte den Pfarrer immer wieder – so sehr, dass er der dargestellten Heiligen schließlich gleich einen ganzen Roman widmete. Es ist – nach zwei Romanen, die sich in unterschiedlicher Weise mit dem heiligen Pantaleon beschäftigten („Pantaleon der Arzt“; „Leo – Allah Mahabbah“) – der dritte Roman des Geistlichen über eine heilige Person, welche die Kirche unter die 14 Nothelfer zählt. Gerade noch rechtzeitig kommt „Katharina von Ägypten“ in diesen Tagen nun frisch aus der Druckerpresse auf den weihnachtlichen Gabentisch.

In seinem neuen Buch versucht von Steinitz das wenige, das man über die Heilige weiß, in eine menschlich verständliche Handlung zu bringen. Dabei stützt er sich auf die Legenda aurea, das wichtigste Volksbuch mit Heiligenlegenden aus dem 13. Jahrhundert, bemüht sich aber auch, alles Unwahrscheinliche und Übertriebene, was die Legende der heiligen Katharina zuschreibt, zu vermeiden. Herausgekommen ist dabei ein überraschend spannender Roman, der das Lokalkolorit einer spätantiken Großstadt mit dem inneren Werdegang eines jungen Mädchens verbindet, das im Rahmen der damaligen Zeitumstände sich ziemlich frei und selbstbewusst durchs Leben bewegt. Von Steinitz gelingen einige überzeugende Darstellungen von älteren, aber vor allem jungen Menschen, die vor siebzehnhundert Jahren lebten, die aber den heutigen Menschen in vielen Dingen ähneln. Heute wie damals, findet von Steinitz, gibt es Menschen, auch junge, die in aller Freiheit nach Gott fragen und ihn suchen.

Katharina, die aus der Hauptstadt des oströmischen Reiches Nikomedia stammt, ist eine selbstbewusste, intelligente junge Frau, die es dank ihrer umfassenden Bildung mit großen Gelehrten aufnehmen kann. Der Legende nach ist Katharina die Tochter des Königs Kostus von Zypern und erleidet in Alexandria, der sagenumwobenen Hafenstadt an der Nilmündung, ihr Martyrium. Von Steinitz lässt seine Heldin zunächst mit dem Schiff von Nikomedia nach Zypern reisen, wo sie als Christin weniger der neu aufgeflammten Christenverfolgung ausgesetzt ist als im sonstigen östlichen Reichsteil; denn Zypern liegt zwar im Osten, wird aber vom römischen Senat verwaltet, bei dem, wie auch sonst in der westlichen Reichshälfte, die Verfolgung viel weniger heftig ist.

Köstlich die Schiffsreise vom Marmarameer nach Zypern, bei der ein Mitpassagier, der stets verliebte Dichter Hippolytos, ihr blumige Anträge macht und schöne Gedichte widmet. Je nach Standort des Schiffes sieht er in der schönen Jungfrau die Göttin Artemis – sie kommen an Ephesus vorbei – und schließlich sogar die Göttin Aphrodite, als sie sich Zypern nähern. Katharina, die sich ganz Christus geweiht hat, lässt ihn immer wieder abblitzen. Die dezidiert durchgehaltene Jungfräulichkeit umgibt sie wie ein eleganter Panzer. Sie ist zugleich liebenswürdig und distanziert.

Ganz anders als in der neuheidnischen Moderne war in der heidnischen Antike die Jungfräulichkeit ein anerkannter Wert. Die Römer waren von alters her der Auffassung, dass das Reich nur bestehen könne, solange die jungfräulichen Priesterinnen der Göttin Vesta ihren Dienst versehen. Eine Vestalin hatte sogar den Vortritt vor dem Kaiser. Katharina kommt ganz gut auch mit anderen Männern zurecht, die sie wie König Kostus II. von Zypern wohlwollend oder auch begehrlich wie der Präfekt Cornelius Niger betrachten. Ihre außergewöhnliche Intelligenz veranlasst diese und andere einflussreiche Männer dazu, ihr zu einer politischen Karriere zu verhelfen. Sie wird Botschafterin des Königreichs Zypern am Hof des Caesars von Alexandria und schafft es, den unbeholfenen Kaiser Galerius um den Finger zu wickeln, der sich sogar dazu bereit findet, ihr ein hohes politisches Amt in Ägypten anzubieten. In ihrem komfortablen Botschafterpalast im Prominentenviertel Lochias tritt ihr die Figur der sagenhaften Königin Kleopatra vor Augen. Soll sie eine ähnliche Karriere anstreben wie diese?

In dem fast fünfhundert Seiten starken Roman, der den Leser bis zum tragischen Ende fesselt, wechselt der Autor zwischen den verschiedenste Handlungsebenen, deren Spannung sich einerseits aus den Erlebnissen der Heldin, andererseits auch aus einer anschaulichen Schilderung der geistigen Situation der faszinierenden multikulturellen Stadt Alexandria ergibt. Außer Katharina sind es noch eine Reihe anderer meist jugendlicher Menschen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind.

Da ist der Jüngling Konstantinus, der nach der Weisheit sucht, zuerst bei den Gnostikern, dann bei den altägyptischen Mysterien. Sein Christenglaube ist ihm zunächst zu einfach, er sehnt sich nach tieferen Erkenntnissen. Später jedoch findet er zu seinem Kinderglauben an Christus zurück. Da ist der Bildhauer Epiphanios, der mit seinen Schülern Marmorbildnisse von Isis und Osiris anfertigt, und der in der Wüste eine Begegnung mit der Sophia hat. Und da ist die sympathische jüdische Familie, die mit ihren vielen reizenden Kindern einen Moment lang Katharina schwanken lässt, ob sie bei der Jungfräulichkeit bleiben soll. In der Wüste begegnet Katharina dem Einsiedler Joschua, der ihren Glauben stärkt. Er bezweifelt, ob es realistisch ist, Katharina zu einem hohen politischen Amt zu führen, aber er bestärkt sie dennoch in dem Versuch, weil sie so viel zugunsten ihrer verfolgten Glaubensgenossen würde tun können. Der Plan indes misslingt, nicht zuletzt, weil der leitende Kaiser Diokletian schon seine Wahl getroffen hat, und außerdem er und viele andere es sich nicht vorstellen können, dass eine Frau Caesarin werden könnte.

Dann aber wird Katharina in einer überraschenden Weise doch Königin von Ägypten. Sie wird von dem neuen Caesar Maximinus Daia heftig umworben. Der lasterhafte Mann begehrt sie und bietet ihr an, an seiner Seite zu herrschen. Dazu müsste sie aber ihrem Christenglauben abschwören. Als sie das wiederholt ablehnt, lässt er sie zusammen mit einer Menge Volk in den Kerker werfen. Dort ist sie das unbestrittene Oberhaupt: viel Volk, dem sie Gutes getan hat, viele Soldaten mit dem General Menas und dem Centurio Porphyrios, den Jungfrauen, der Kaiserin Iulia, die alle gläubig geworden sind, und vor allem den fünfzig Gelehrten des Museions, der Akademie der Wissenschaften, die sich zum christlichen Glauben bekehrt haben. Sie tröstet sie alle wie eine Mutter und stärkt ihren Glauben. In einer furiosen Schlussszene soll Katharina, da sie sich dem Kaiser beharrlich widersetzt, auf grausame Weise gerädert werden.

Aber es kommt anders. Ein plötzliches Gewitter zieht auf, das Rad wird vom Blitz zerstört. Der Kaiser fällt auf den Rücken, nachdem er den Befehl gegeben hat, Katharina zu enthaupten. Die brutalen Schergen wollen über Katharina herfallen. Und so münden auch die spannenden Verwicklungen des Romans in das bekannte legendäre Ende, nach dem der Leichnam der Märtyrerin plötzlich verschwindet. Nach der Überlieferung wird sie von Engeln auf den Sinai getragen und bestattet – dorthin, wo im sechsten Jahrhundert das berühmte Katharinenkloster entstand, das bis heute älteste ununterbrochen fortbestehende Kloster der Welt.

Wir wissen nicht, ob alles historisch so war wie im Storyplot dieses historischen Romans. Sicher gibt es jedoch keinen Grund zu bezweifeln, dass die Heilige überhaupt gelebt hat, wie es immer wieder bestritten wurde. Katharina war im Mittelalter neben der Muttergottes die am meisten verehrte Heilige. Mit Jean Vianney, dem heiligen Pfarrer von Ars, könnte man argumentieren, dass Gott nicht zulassen würde, dass so viele seiner Kinder Jahrhunderte lang eine Chimäre verehren, was Vianney seinerzeit dazu veranlasste, die Verehrung der angeblich nicht existenten heiligen Philomena besonders zu fördern. Bei Katharina ist außerdem auffallend, dass die beiden Gelegenheiten, bei denen man sie aus dem Heiligenkalender gestrichen hatte, sehr problematische Zeiten waren: das erste Mal im 16. Jahrhundert, als die Reformatoren die Heiligenverehrung bekämpften und das andere Mal im Jahre 1969, wo im Zuge der Liturgiereform zunächst gleich mehrere Kinder – neben Katharina auch Christophorus, Barbara und Margarete – buchstäblich mit dem Bade ausgeschüttet wurden; sie wurden jedoch alle im Jahre 2002 „rehabilitiert“.

Was Peter von Steinitz in seinem Roman schildert, liest sich allemal so spannend und hautnah, dass es gut so gewesen sein könnte. Mit „Katharina von Ägypten“ taucht der Leser tief in die Welt des beginnenden 4. Jahrhunderts ein – in jene Umstände, die eine frühe Feministin im Namen Christi hervorbrachten, die eine der bedeutendsten Märtyrerinnen in zwei Jahrtausenden Kirchengeschichte werden sollte. So wird auf überaus lebendige Weise deutlich, wie viel diese beeindruckende Frau der Antike mit ihrem Lebenszeugnis auch den Menschen im 21. Jahrhundert noch zu sagen hat.

Als Pfarrer von Steinitz zur gotischen Figur emporblickt, steht Katharina unerschütterlich da. Sie hat ein Buch in der Hand und das zerbrochene Rad zu ihren Füßen. Auf ihrem Gesicht, so kommt es ihm vor, ist ein Lächeln zu sehen.

Peter von Steinitz: Katharina von Ägypten. Fe-Medien-Verlag, Kisslegg, 496 Seiten, ISBN 978-3-86357-107-8,

EUR 14,90