Vom schmerzenden Verlust des volkskirchlichen Lebensgefühls

Katholisch von der Wiege bis zur Bahre – Orte der Volkskirche hat es gegeben. Und sie waren kulturell für Deutschland enorm produktiv, ob man die Volkskirche akzeptierte oder sich davon emanzipierte, ist gleichgültig. Es bräuchte wieder volkskirchliche Formen.

Ernst Bloch, der Marxist und Utopist, hat einmal Heimat als etwas definiert, „was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Das fasst den Verlust des volkskirchlichen Lebensgefühls in treffende Worte, den die Christen in der Bundesrepublik erlitten haben – und in heftigere Weise die Katholiken als die protestantischen Christen, und hier insbesondere die Katholiken traditionell-konservativer Herkunft.

Manche der über 30-jährigen, die Vielzahl der über 40-jährigen Katholiken wird dieses volkskirchliche Lebensgefühl der Kindheit kennen: Selbstverständlich getauft sein, der selbstverständliche Sonntagskirchgang, das selbstverständliche Feiern der kirchlichen Hochfeste samt der damit verbundenen Bräuche, der Kommunionunterricht, erste Beichte, Kommunion, Firmunterunterricht, Firmung, katholische Jugendgruppe, Pfarrfest, Pfarrfasching, Fastenzeit mit der Sparkasse für Bedürftige. Dazu das Erlebnis solcher sinnenfrohen Feste wie Fronleichnam oder Palmsonntag – mit Blumenteppichen an den Straßen, für die die Kinder Blüten sammelten, mit Prozessionen und Wallfahrten und dem St. Martinsritt mit echtem Pferd und Mantelteilen, mit Palmstecken, die selbst gebastelt wurden. Das Kirchenjahr wiederholt sich so von Jahr zu Jahr. Den Religionsunterricht hielt der Pfarrer. Er erzählte die klassischen biblischen Geschichte, die das erste Werte-Gerüst waren, an denen sich das Kind festhielt. Der barmherzige Samariter, der verlorene Sohn, die wunderbare Brotvermehrung. Schuld, Vergebung, Tod, Sünde, Erlösung – die großen Themen waren ihm so selbstverständlich wie die Fußballstutzen oder das Matchbox-Auto. Zu Hause waren neben Lokalzeitung auch die Bistumszeitung und andere kirchliche Zeitschriften abonniert. Die Eltern hatten eine Patenschaft für einen jungen Priesterseminaristen in Chile übernommen, der jedes viertel Jahr einen Luftpostbrief schrieb, und der dann beim Mittagstisch vorgelesen wurde. Chile, wie schön konnte Chile in den Ohren der Zuhörenden werden.

Das Allernormalste von der Welt, gut katholisch zu sein?

Die Caritas und der Elisabethenverein und tätige Ordensschwestern kümmerten sich um die Kinder im Kindergarten und um die Alten, die bettlägerig waren. Und wenn dann der Onkel, oder Oma und Opa starben, dann kamen sie in die Leichenhalle, abends wurde dort der Rosenkranz gebetet, die Kinder gingen mit am nächsten Tag bei der Beerdigung, und alle Verstorbenen wurden auf dem Friedhof der Kirche beerdigt – immer mit dem gleichen Ritual. Das Bistum finanzierte das alles – vom Organisten bis zur Sozialstation, von der Wiege bis zur Bahre. Jede Pfarrei hatte noch ihren eigenen Pfarrer, und es wurden neue Kirchen gebaut. Es kam auch der Bischof vorbei, der mit Abordnungen und Musikverein und Kirchenchor empfangen wurde, wenn er den neuen Altar oder die neue Kirche oder die neue Kreuzigungsgruppe weihte – der Lokalreporter knipste ein Bild und schrieb darüber.

Dass es das Allernormalste von der Welt ist, katholisch zu sein, das war das beherrschende Gefühl dieser Kindheit und Jugend, das Bergende, das Halt-Gebende, das Ordnende und das Faszinosum zugleich, und später auch das, an dem sich ein Heranwachsender tatsächlich reiben konnte. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade erkennt das Wesentliche, das diesem volkskirchlichen Lebensgefühl nahegekommen ist, wenn er vom religiösen Menschen überhaupt schreibt: „Überall entdeckt er ,Chiffren‘. Auch die gewöhnlichste Handlung vermag einen geistigen Akt zu bezeichnen. Jeder Weg kann ,Lebensweg‘ symbolisieren, jeder Gang Symbol für eine ,Wallfahrt‘, für eine Wanderung zum Zentrum der Welt sein.“ Jede Berührung mit, jede weitere Einführung in die überlieferten Chiffren dieses volkskirchlichen Lebensgefühls der Bundesrepublik – mag es aus heutiger, erwachsener Sicht noch so biedermeierlich oder nachträglich verklärt erscheinen, oder ebenso nachträglich aus der Kirche fernstehender Sicht als repressiv oder einengend interpretiert werden – führte den jungen Menschen zu Zentren der Welt, auf neue Wege, ließen ihn die Fähigkeit des Transzendierens lernen, ohne dass er dieses Wort kennen oder aussprechen können musste. Diese Volkskirchlichkeit machte den jungen Menschen nicht allein religiös musikalisch, sie bereitete ihn für das Geistige überhaupt vor.

Es gab diese Welt tatsächlich, nicht überall, aber es gab sie – zum Beispiel in dem überwiegend katholischen pfälzischen Schuhindustriedorf Hauenstein mit seinen rund 4 000 Einwohnern, das bei den letzten freien Reichstagswahlen 1933 zu über 90 Prozent für das Zentrum und damit gegen Adolf Hitler gestimmt hatte. Im gesamten Reich war das damals der höchste Wert für das Zentrum gewesen, worüber der Historiker Theo Schwarzmüller ein spannendes Buch geschrieben hat. Das Dorf hatte einen starken, strengen, konservativen Pfarrer, den Prälaten Georg Sommer, der das volkskirchliche Leben in seiner gesamten Breite und Tiefe von der Weimarer Republik über das sogenannte Tausendjährige Reich bis hinein in die fünfziger Jahre der Bundesrepublik repräsentierte – der einerseits die Menschen vor der nationalsozialistischen Ideologie bewahren konnte, andererseits sie mit seiner rigorosen Moral abschreckte.

Dort in diesem prototypisch volkskirchlichen Hauenstein wuchsen junge Menschen auf, die viele im geistigen Deutschland kennen – und die heute dieses geistige Deutschland mitprägen. Der Jesuit Pater Wolfgang Seibel etwa, Jahrgang 1927, aus gutem katholischen Haus, wie man so sagt, dessen Vater Landtagsabgeordneter war, der Konzilsbeobachter, der spätere Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“, der die Journalistenschule der Deutschen Bischofskonferenz aufgebaut hat, deren Absolventen gegenwärtig großteils den journalistischen Ton darüber angeben, wie von und über Kirche berichtet wird, und der bis heute einen liberalen, einen manches Mal dezidiert papstkritischen Katholizismus pflegt. Pater Wolfgang Seibel lebt in München.

Oder Markus Schächter, Jahrgang 1949, aus guter katholischer Familie mit großer katholischer Pfadfindertradition, heute Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), der als Mitarbeiter der CDU-Politikerin Hanna Renate Laurien seine Karriere begann, und der ebenfalls einen liberalen Katholizismus pflegt, den er im ZDF fördert. Markus Schächter lebt heute in Mainz.

Oder Michael Braun, Jahrgang 1958, auch aus guter katholischer Hauensteiner Familie, ein entfernter Verwandter von Markus Schächter, der einer der bekanntesten Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum („Die Zeit“, „Neue Zürcher Zeitung“, „Deutschlandfunk“ und so weiter) ist, ein gänzlich liberaler, ein säkularer, ein unabhängiger Geist, der in Heidelberg lebt und mit Kirche nicht mehr viel am Hut hat. Er ist einer derjenigen, die dafür sorgen, dass die Lyrik im deutschsprachigen Raum nicht ausstirbt, einer ihrer besten Anwälte – der das möglicherweise nicht geworden wäre, hätte ihn diese volkskirchliche Atmosphäre Hauensteins nicht dafür gestimmt, Geistiges empfinden zu können, in diesem Falle Poesie.

Drei Beispiele dafür, wie das volkskirchliche Klima Deutschlands seinen Einfluss nicht allein auf das kirchliche Leben, sondern auf die Kultur dieser Republik überhaupt ausübte – zuerst affirmativ, dann emanzipativ, indem es zum Widerspruch, zum Ausbruch daraus motivierte, so wie paradigmatisch bei Pater Seibel, Markus Schächter oder Michael Braun geschehen. Was auch bedeutet, dass zu den besten Zeiten der Volkskirche diese Volkskirche nicht ein Ort und eine Zeit war, die in ihrem Versprechen von Heimat endgültig eingelöst gewesen wäre, in der es sich dauerhaft hätte leben lassen. Wer über den Verlust des volkskirchlichen Lebensgefühls in Deutschland nachdenkt, darf den zweiten Teil des Satzes von Ernst Bloch nicht überlesen, wenn er Heimat als etwas definiert, „was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“.

Dass die katholische Volkskirche in Deutschland als Volkskirche nicht mehr existiert, dass sie nicht mehr dieses allgemein geteilte Lebensgefühl verbürgt und im Gegenteil Katholiken sich eher unter permanentem Rechtfertigungsdruck gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung fühlt, hat die unterschiedlichsten Gründe – zeitgeschichtliche, soziale, politische und auch selbst verursachte wie zuletzt die ans Tageslicht gekommenen Missbrauchsfälle in katholischen Bildungseinrichtungen. Man schämt sich dann, Katholik zu sein, und traut sich nicht mehr, sich dazu zu bekennen, dass man aus einem katholischen Lebensgefühl heraus leben will. Das alles ist bekannt. Auch wie eine Kirche nach der Zeit der Volkskirche aussehen soll, darüber wird unter unterschiedlichsten Stichworten von Strukturreform bis Neuevangelisierung und Entscheidungschristentum oder Ökumene von unten schon lange nachgedacht – von Theologen, Soziologen, Psychologen, Hauptamtlichen in der Kirche, engagierten Laien.

Was jedoch berührender und aufwühlender ist für den, der den Verlust des volkskirchlichen Lebensgefühls auch tatsächlich als Verlust empfindet, und nicht bloß als Sentimentalität, der aber auch weiß, dass sich Vergangenheit niemals in der Art der Vergangenheit wiederherstellen und konservieren lässt, sind Sätze, die der Autor der „Die Zeit“ und „zeit-online“, Matthias Stoltz, kurz Weihnachten geäußert hat. „Ich habe das komplette Programm mitgemacht“, schreibt Stoltz: „katholischer Kindergarten, Messdiener, Pfarrjugend, katholisches Gymnasium, ich war Betreuer in Jugendfreizeiten, habe Firmunterricht gegeben, eine Gruppenstunde betreut, war dreimal mit der Isomatte auf Kirchentagen und bestimmt fünfmal in Taizé. Heute habe ich mit der Kirche nichts mehr am Hut. Schon lange nicht mehr. Sie hat sich aus meinem Leben geschlichen, als ich erwachsen wurde. Ich bin, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, ohne bewussten Entschluss nicht mehr in die Kirche gegangen, so wie Vereinsfußballer oft ihren Sport aufgeben, wenn sie umziehen.“

Das ist die Herausforderung, vor der die Kirche heute steht. Der Verlust, hier besser: Überwindung des volkskirchlichen Lebensgefühls, wird in Zukunft nicht mehr personalisiert greifbar durch Namen wie Pater Wolfgang Seibel SJ, ZDF-Intendant Markus Schächter oder Literaturkritiker Michael Braun, die ihre volkskirchliche Sozialisation als Negativfolie benützt haben, um in bewusster Abgrenzung davon, jedoch in Auseinandersetzung damit eigenes Profil zu entwickeln, sondern durch einen lautlosen, protestlosen Abschied vom Katholischen wie bei dem Journalisten Matthias Stoltz. Die Frage ist, wie der weitverbreitete Typus, für den der Journalist Stoltz steht, heute wieder durch das Katholische existenziell so berührt werden kann, dass es ihm zum Bedürfnis wird, nach Formen zu suchen, mit denen das Katholische zu einem Lebensgefühl wird.

Charisma und „neue Spiritualität“ allein reichen nicht

Um bei Pater Wolfgang Seibel SJ, ZDF-Intendant Markus Schächter oder Literaturkritiker Michael Braun zu bleiben: Allein der vom Hergebrachten emanzipatorische, liberale Weg wird es nicht sein können, der auf diese Herausforderung antwortet, denn auch der liberale Katholizismus – oder der säkulare Weltbürger – können ähnlich wie frühere, vergangene Formen des volkskirchlichen Lebensgefühls in Formelhaftigkeit erstarren. Deshalb ist es ja auch so schade, dass das Gespräch in Deutschland über Religion und die volkskirchlichen, traditionellen Momente in ihr, und welche Bedeutung diese für die Zukunft des Glaubens haben könnten, das vor fünf Jahren nach dem Amtsantritt von Papst Benedikt XVI. eingesetzt hatte, heute wieder verstummt ist, weil in Deutschland die liberalen und säkularen Gesprächspartner in die alten Schützengräben zurückgesprungen sind. Das, was der Philosoph Jürgen Habermas im Gespräch mit Joseph Ratzinger begonnen hat, und woran zuletzt beispielsweise der Schriftsteller Martin Walser mit seiner Novelle „Mein Jenseits“ angeknüpft hat, braucht dringend Fortführung. Denn mit Charisma und „neuer Spiritualität“, siehe Margot Käßmann, mit ökumenischen Kirchentagen, aber auch mit der weiteren Fragmentierung der katholischen Lebenswelt, die aus dem traditionellen, konservativen volkskirchlichen Milieu stammen, in Klein- und Kleinstgruppen, oder mit noch so gut gemeinten kirchlichen Strukturreformen der Bistümer lässt sich die Herausforderung, das Katholische, das Christliche wieder zu einem Lebensgefühl zu machen, das Herz und Hirn berührt, nicht bestehen.