Vom Orgel- zum Orchesterklang

Ein Virtuose auf der Violine am Mannheimer Hof – Zum 300. Geburtstag von Johann Stamitz. Von Barbara Stühlmeyer

Johann Stamitz, dessen Geburtstag sich am 17. Juni zum 300. Mal jährt, wurde nur 39 Jahre alt und prägte doch Generationen von Musikern. Geboren ist der Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs, der den Thomaskantor um sieben Jahre überlebte, 1717 im ostböhmischen Deutschbrot als Sohn eines Kirchenmusikers und Stadtrates, bei dem er auch seinen ersten Instrumentalunterricht erhielt. Nach der schulischen Grundausbildung ging er als Elfjähriger an das Jesuitengymnasium in Iglau, wo er eine ausgezeichnete musikalische Förderung empfing, in der besonderer Wert auf die damals hochaktuelle italienische Musikpraxis gelegt wurde. Stamitz' erste Kompositionen erstellte er für den Gottesdienst und auch später entstanden Werke für die Liturgie wie beispielsweise seine Missa solemnis in D-Dur. 1734 ging Stamitz für ein Jahr an die Karl-Ferdinand-Universität in Prag, wo er Philosophie studierte und widmete sich danach für sechs Jahre – hier fehlen konkrete Aufzeichnungen in den Quellen – musikalischen Studien, worauf vor allem seine ausgezeichneten Kenntnisse der italienischen Musik und sein virtuoses Violinspiel hindeuten.

Ab 1741 stellte Stamitz sich als reisender Virtuose an verschiedenen Fürstenhöfen vor. Ziel solcher nicht nur von ihm geplanten und durchgeführten Konzertreisen war für gewöhnlich – und dies trifft auch auf Stamitz zu – eine feste Anstellung. Wo genau er gastierte, ist nicht belegt. In der Musikwissenschaft werden verschiedene Hypothesen diskutiert, wie es zur Verpflichtung von Stamitz in Mannheim, das für ihn zum Lebensmittelpunkt wurde, kam. Mögliche Orte für einen Vertragsabschluss mit Kurprinz Karl Theodor können sowohl die Doppelhochzeit, bei der der Kurprinz Elisabeth Augusta heiratete und Herzog Clemens von Bayern Maria Anna das Jawort gab, oder die Kaiserkrönung Karls VII. gewesen sein. Andere Forscher präferieren die angesichts der Tatsache, dass Stamitz Jesuitenschüler war, der Orden über ein ausgezeichnetes Netzwerk verfügte und sich um seine begabten Absolventen auch nach dem Schulabschluss kümmert, wahrscheinlichere Variante, dass er von einem befreundeten Jesuitenpater an den Mannheimer Hof empfohlen wurde, wo er 1741 oder 1742 zunächst eine Anstellung als Orchestermitglied erhielt.

Doch schon 1742 fungiert er, wie Vorverkaufskarten bezeugen, als Virtuose und erhielt mithin Soloaufträge, bei denen er sich für den nächsten Karriereschritt, den Posten des Kapellmeisters im Mannheimer Hoforchester, den er 1743 erhielt, qualifizieren konnte.

Sieben Jahre später ernannte Kurfürst Carl Theodor seinen Kapellmeister zum Hofinstrumentalmusikdirektor. Stamitz war nun für die Organisation und Durchführung der Mannheimer Hofmusik und damit nicht nur für die jeweilige Klangpräsentation des Orchesters, sondern auch für die Nachwuchsförderung zuständig. Johann Stamitz begann, was seinerzeit innovativ war, 1747 mit dem Aufbau einer Violinschule, in der junge Musiker, die er auch auf Konzertreisen rekrutierte, dafür ausgebildet wurden, ins Hoforchester aufgenommen zu werden. Vielleicht war er durch die Erfahrung einer auf Zufällen oder guten Verbindungen beruhenden Stellensuche auf die Idee gekommen, leichtere und effizientere Formen des Übergangs vom Musikstudium in den Beruf zu finden und gründete so jenes Institut, das unter dem Namen Mannheimer Schule in die Geschichte eingehen sollte.

Das Novum der von Stamitz ins Leben gerufenen Ausbildungsstätte war, dass in dem neuen, immer wieder durch begabte Musiker ergänzten Orchesterapparat nicht nur der Kapellmeister und der Konzertmeister als Tonsetzer tätig wurden, sondern alle Instrumentalisten auch als Komponisten agieren konnten, darunter auch Frauen wie die Koloratur-Sopranistin Franziska Lebrun.

Neben dem Instrumentalunterricht, der maßgeblich für die virtuosen Fähigkeiten der Mannheimer Violinisten war, entwickelte sich die Mannheimer Schule unter der Leitung von Johann Stamitz daher zunehmend auch zu einer Komponistenschule, die den innovativen Stil der sogenannten Neuen Empfindsamkeit im wahrsten Sinne des Wortes hoffähig machte.

Durch ihre Doppelqualifikation wurden die Mannheimer Musiker zu Wegbereitern der Konzert-Sinfonie, deren Erfolg auf der Aneinanderreihung kleiner, aber aussagekräftiger musikalischer Motive beruhte, mit deren Hilfe Kontrast, Abwechslung und Überraschung beim Hörer evoziert wurden. Neu in Mannheim war auch die Einbeziehung des Bläserapparates, der nun zunehmend auch melodisch geprägte Abschnitte übernahm, in das Orchester. Einige dieser effektvollen Motive wurden so bekannt, dass sie einen eigenen Namen, Mannheimer Manieren, erhielten. Ziel der Komponisten war es, mit den Tremoli, den gebrochenen Akkorden, dem sogenannten singenden Allegro, dem Mannheimer Seufzer oder der Bebung die Emotionen der Zuhörer anzusprechen. Neben den Effekten, die in musikalischen Akademien im Rahmen von Hofkonzerten eventartig präsentiert wurden, zählen auch musikalische Ausdrucksformen wie das Crescendo und das Decrescendo, also das stufenlose Steigern und Mindern der Lautstärke des Orchesters vom leisen Pianissimo bis zum machtvollen Fortissimo und wieder zurück zu den Neuerungen, die von der Mannheimer Schule ausgingen. Die stufenlose Dynamik ersetzte die zuvor in der Barockzeit und noch bei Johann Stamitz' Zeitgenossen Johann Sebastian Bach gebräuchliche Terrassendynamik, bei der die Lautstärkegrade der Musik in klar voneinander unterscheidbarer, stufenähnlicher Weise eingesetzt wurden. Die Terrassendynamik wurde in der Mannheimer Schule zur Kontrastdynamik transformiert. Das Orchester konfrontierte mit diesem neuen Element Forte- und Pianopassagen auf engstem Raum, um so nicht nur durch melodische Motive, sondern auch durch die Dynamik Effekte zu erzielen. Johann Stamitz ebnete mit seiner Neustrukturierung des Mannheimer Hoforchesters zu einer eigenen Schule den Weg für ein neues orchestrales Klangerleben.

Die Mannheimer verzichteten auf den Einsatz des Cembalo, das als Continuoinstrument zuvor fester Bestandteil aller Orchesterapparate gewesen war, und setzte stattdessen auch solistisch besetzte Bläser wie beispielsweise die damals neu entwickelte Klarinette, für die Johann Valentin Rathgeber erstmals ein Solokonzert komponiert hatte, ein, und schuf mit seinen Mannheimern so jenen Klang, den wir heute als den klassischer Sinfonieorchester kennen. Von Johann Stamitz sind zahlreiche konzertante Kompositionen, darunter ein ebenfalls sehr früh entstandenes Klarinettenkonzert sowie Flöten- und Violinkonzerte, 69 Sinfonien und zahlreiche Kammermusikwerke überliefert.