Virtuelles Gemüse und reale Papiertüten

Es zählt jeder Cent: Online-Spenden bei kirchlichen Hilfswerken nehmen nur langsam zu. Von Regina Maria Frey

Mit einem Kasten Bier konnte man vor einigen Jahren den Regenwald retten, mit virtuellem Gemüse gegen den Hunger in Japan kämpfen. Wenn es darum geht, Spenden zu sammeln, kennt die menschliche Kreativität kaum Grenzen. Und die Katastrophe in Japan hat gezeigt: Auch die Möglichkeit des Spendens geht mit der Zeit und damit online. Die kirchlichen Hilfswerke sind schon lange dabei, ihr Angebot im Internet auszubauen und Spenden nicht mehr nur im Klingelbeutel zu sammeln.

„Die Medienlandschaft wächst und verändert sich und da muss man sich natürlich auch verändern, um aktuell zu bleiben“, erklärt Roman Krupp, Onlineredakteur von Adveniat. Beinahe stellvertretend steht diese Aussage für alle großen kirchlichen Hilfswerke, die in Deutschland vertreten sind. Jedes Hilfswerk hat zwar seinen eigenen Schwerpunkt, doch in der Online-Arbeit gibt es viele Gemeinsamkeiten. Schon allein beim Aufrufen der Internetseiten wird dies deutlich: „Online spenden jetzt“ , „Hier online spenden“, „Helfen Sie jetzt mit ihrer Online-Spende“ – rote Banner, bunte Bilder und große Buchstaben stechen sofort ins Auge und begleiten den Nutzer durch alle Menüpunkte. Die Einladung zum Online-Spenden ist allgegenwärtig. Ein kurzer Text mit Bildern informiert über das jeweilige Projekt. „Einen großen Stellenwert nehmen die Online-Spenden immer bei Katastrophen ein“, sagt Marianne Pötter-Jansen, Referentin der Öffentlichkeitsarbeit von Misereor. Bei Haiti erreichten Misereor rund 20 Prozent aller Spenden übers Internet, normalerweise sind es etwa zwei bis drei Prozent. Bei Adveniat wachsen die Online-Spenden jährlich um einen zweistelligen Betrag, machen aber bislang auch nur einen kleinen Teil der Spenden aus. Und ähnlich ist es auch bei Renovabis, dem Hilfswerk für Mittel- und Osteuropa. Nur etwa ein Prozent aller Spenden erreicht Renovabis über das Internet. „So wie es die Möglichkeit gibt, seine Bankgeschäfte übers Internet zu regeln, kann man dort auch spenden“, sagt Pötter-Jansen. Verglichen mit der demographischen Verteilung der Internetnutzer sind das nicht nur Menschen unter 40 Jahren. Bedenken bei der Sicherheit des Spendenvorgangs muss man keine haben. Die kirchlichen Hilfswerke haben ihre Internetseiten abgesichert. „Beim Spenden wird eine echte 128-Bit-SSL-Verschlüsselung eingesetzt, das ist die derzeit stärkste handelsübliche SSL-Verschlüsselung. Die Eingaben werden ausschließlich verschlüsselt übertragen. Dies erkennt der Spender an dem Symbol eines Vorhängeschlosses im Browser und an der Veränderung des Anfangs der Internetadresse von http:// auf “, erklärt Daniela Schulz, Referentin für Internet und Öffentlichkeitsarbeit bei Renovabis. Vielen jedoch ist der persönliche Kontakt beim Spenden wichtig: „Unsere Förderer stehen meistens in einem direkten und persönlichen Kontakt mit uns, der uns sehr wichtig ist“, sagt der Leiter der Marketingabteilung bei missio, Thomas Schiffelmann.

Doch im weltweiten Internetwirrwarr ist diese Art von Betreuung und Privatsphäre nicht mehr haltbar. Dafür macht es das Internet möglich, schnelle und länderübergreifende Hilfe zu leisten. Während die Medien in Deutschland noch zögerten, zum Spenden aufzurufen, waren große Internetkonzerne ganz oben auf. Die Gutschein-Plattform Groupon zum Beispiel legte bei jeder Zwei-Euro-Spende der Nutzer nochmals zwei Euro dazu und sammelte innerhalb von drei Tagen in Deutschland etwa 260 000 Euro für das Japanische Rote Kreuz. Einen weltweiten Anstoß lieferte wohl das soziale Netzwerk Facebook und kooperierte mit dem Online-Spieleentwickler Zynga auf einem ungewöhnlichen Weg: Bei verschiedenen Online-Spielen konnten virtuelle Güter ersteigert werden, wie zum Beispiel japanischer Rettich. Mit dem Kauf spendeten die Spieler direkt in einen Japan-Hilfsfond – innerhalb von zwei Tagen kam so über eine Millionen Dollar zusammen. Zwar gingen auch bei den kirchlichen Hilfswerken die Online-Spenden rasant nach oben, doch das Konzept dieser Hilfswerke ist nicht das schnelle Sammeln von Geld, sondern die nachhaltige Finanzierung in konkrete Projekte. Bei den Online-Spenden der Hilfswerke hat man die Möglichkeit, sich über gezielte Hilfe zu informieren und die Spende an ein bestimmtes Projekt zu binden. Trotzdem spielen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter eine wichtige Rolle. Kooperationen mit den Netzwerken sind allerdings nicht geplant. „Wir nutzen die Netzwerke wirklich nur zur Kommunikation“, sagt Roman Krupp von Adveniat. Auf Facebook und Twitter informieren die Hilfswerke ungezwungen und aktuell über ihre eigenen Projekte, haben Links zu anderen kirchlichen Seiten. „Honduras gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in absoluter Armut“ – so etwa lauten die Twittermeldungen von Adveniat. Ähnliches plant auch missio demnächst, um mehr jüngere Menschen anzusprechen. Im Sommer soll ein Facebook-Profil zum Weltjugendtag in Madrid online gehen. „Dabei wird es eine virtuelle Online-Plattform geben, die anlässlich des International Youth Hearing den Dialog zwischen deutschen und afrikanischen Jugendlichen fördert und Projekte im Senegal finanziert“, erklärt Thomas Schiffelmann. Am vergangenen Misereor-Sonntag gab es sie aber doch wieder am Kirchenausgang: Die schon typische Papiertüte, die am nächsten Sonntag möglichst gefüllt in der Kirche wieder abgegeben werden kann. Und bares Geld, das später dann im Portemonnaie fehlt, hat für viele Spender einen viel höheren ideellen Wert, als nur ein Klick mit der Maus. Für die Hilfswerke jedoch zählt jeder Cent, egal ob im Opferkorb, der Papiertüte oder über Internet.