Viel Geplapper, wenig Worte

Der Dramatiker Rolf Hochhuth wird am Freitag achtzig Jahre alt. Von Stefan Meetschen

Rolf Hochhut, der Dramatiker. Foto: dpa
Rolf Hochhut, der Dramatiker. Foto: dpa

„Es sind immer die Moralisten, die das meiste Unheil anrichten.“ Vielleicht gibt es in der modernen deutschen Literaturgeschichte, wenn man von Günther Grass absieht, keinen Autor, auf den dieses Bonmot aus Max Frischs Homo-Faber-Roman besser passen würde, als auf den in Eschwege geborenen Dramatiker Rolf Hochhuth, der am 1. April seinen 80. Geburtstag feiert. Lang ist die Liste derjenigen im Theater-, Politik- und Medienbetrieb, die ein Lied davon singen können, mit welchen absurden, unfairen Äußerungen im Namen der Moral Rolf Hochhuth seit Jahrzehnten seine Sicht der Wirklichkeit präsentiert und verteidigt, während seine eigenen Handlungen nicht immer an die eigenen moralischen Ansprüche heranreichen. Mitunter sogar weit dahinter zurückfallen.

So bewertete der Dramatiker und damalige Intendant des Berliner Ensembles (BE), Heiner Müller, Anfang der 1990er Jahre verständlicherweise Hochhuths in typischer Besser-Wessi-Manier getätigten Erwerb des Grundstücks, auf dem sich das Theater am Schiffbauerdamm befindet, als „Intrige“ und „feindliche Übernahme“. Mit der Folge, dass sich auch der jetzige BE-Intendant Claus Peymann seit Jahren gezwungen sieht, im eigenen Haus Hochhuth-Stücke aufführen zu lassen. Wider Willen. Denn Hochhuth war zu keiner Zeit seiner Karriere ein dramatisches Naturtalent, ein tiefer historischer Seelenforscher wie der von ihm bewunderte Friedrich Schiller; vielmehr ließ der unbedingte Wille zur Schriftstellerei in Rolf Hochhuth einen hölzernen Drama-Monteur hervortreten, dessen Stücke, ein „Studienratstheater der penetranten Art“ (taz), kaum über den tiefen Horizont einer aggressiven Bürgerlichkeit im Angesicht der jeweiligen Weltlage hinausreichten. Viel Geplapper, wenig Worte. Allein der Anblick von Hochhuths Fahrrad auf dem BE-Grundstück, so hört man heute im Regie-Umfeld, löst bei Peymann inzwischen einen roten Kopf aus.

Rote Köpfe gibt es allerdings bis heute auch unter Gläubigen, wenn der Name Hochhuths fällt. Was weniger mit dem Fahrrad des Dramatikers zu tun hat, als mit seinem berühmtesten Drama „Der Stellvertreter“ von 1963, in welchem Hochhuth Papst Pius XII. als schweigende Karikatur im Angesicht des Holocaust darstellt. Eine negative Darstellung, die das Image dieses Papstes in der deutschen Gesellschaft lange Zeit erheblich beeinflusste. Gegenstimmen von Historikern wurden bundesdeutschen Diskurs nicht zugelassen. Erst im Zuge der Ausstellung zu Pius XII. in Berlin im Jahre 2009 ist deutlich geworden: Das Wissen der geschichtlichen Fakten hat mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein gesiegt über Hochhuths pseudo-wissenschaftliche Geschichts- und Persönlichkeitsverfälschung. Pius XII. hat, wie der Kirchenhistoriker Kardinal Walter Brandmüller unterstreicht, nicht geschwiegen. „Der Stellvertreter“ ist eine Fiktion ohne dokumentarische Gültigkeit.

Doch nicht nur in Kirchen- und Theaterkreisen hat der gelernte Buchhändler Hochhuth, der weder Abitur noch Führerschein besitzt, allerdings sukzessive vier Ehefrauen vorweisen konnte, mit Skeptikern zu kämpfen. Journalisten unterstellten ihm, in seinem Stück „McKinsey kommt“ (2005) einen Mordaufruf gegen den Deutsche Bank-Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann zu verwenden. Hochhuth dementierte halbherzig – mit sichtlichem Gefallen am medialen Rummel um die eigene Person.

Noch größeren, geradezu massiven Widerspruch erntete Hochhuth jedoch, indem er im gleichen Jahr den Holocaust-Leugner David Irving, mit dem Hochhuth seit Jahrzehnten befreundet ist, öffentlich verteidigte und als Historiker auf eine Stufe mit dem Hitler-Biographen Joachim Fest stellte. Worauf der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, Hochhuth öffentlich unterstellte, sich die Position Irvings zu eigen zu machen, was faktisch bedeute, so Spiegels schlüssige Folgerung, dass auch Hochhuth selbst den Holocaust leugne. Hochhuths späte und wahrscheinlich nur durch den massiven öffentlichen Druck ausgelöste Entschuldigung nannte Spiegel damals schlichtweg „unglaubwürdig“. Auch die mit der Entschuldigung einhergehende Distanzierung Hochhuths von der ihn zum Thema befragenden Zeitung „Junge Freiheit“ mit dem Argument der Zeitungs-Unkenntnis erwies sich schnell als falsch. Hochhuth wusste, mit wem er sprach und worüber.

War das Leben Rolf Hochhuths also ein publikumswirksamer, skandalträchtiger, aber bei Licht besehen äußerst tragischer Fall? Zu dem Eindruck kann man kommen, wenn man noch einmal das „Spiegel“-Interview von 1963 studiert, das unter dem Titel „Mein Pius ist keine Karikatur“ erschien. In diesem Gespräch gesteht Hochhut: „Als Protestant bin ich natürlich ein schlechter Advokat der katholischen Kirche. Es ist ohnehin ein Schönheitsfehler, dass ich nicht katholisch bin. Eigentlich kann man Pius XII. nur gerecht beurteilen aus der Sicht der katholischen Kirche.“ Um schließlich sogar zuzugeben, „dass gerade die Juden in Rom der Meinung sind, der Papst habe sehr viel für sie getan“. Eine bemerkenswerte Erkenntnis, aus welcher Hochhuth fatalerweise keine Konsequenzen zog. Nicht als Autor, nicht als Mensch.

Den tragischen Verdacht verstärkt aktuell Hochhuths jetzt bekannt gewordener Plan, den 80. Geburtstag ausgerechnet mit einer Lesung seines Textes „Soldaten“ im russischen Wolgograd, dem früheren Stalingrad zu zelebrieren, wo Hitlers Wehrmacht eine schwere Niederlage erlitt und nach einer erbitterten Kesselschlacht eine ganze Armee verloren ging. Wie weit entrückt von jeder Pietät, jedem europäischen Geschichtsbewusstsein muss man sein, um einen solchen Schmerzensort der russisch-deutschen Geschichte für eigene Feierlichkeiten vermarkten zu wollen? Um, dazu befragt, mit koketter Selbstgefälligkeit zu ergänzen: „In Russland wird sich kaum jemand an meinen Geburtstag erinnern, ich will auch nicht jeden Tag erfahren, dass ich 80 bin.“ Was Hochhut vergisst: Für die jungen Soldaten, die dort auf beiden Seiten der Schusslinie starben, wäre ein 80. Geburtstag kein so großes Übel gewesen.

Wolgograd, Stalingrad als passendes Geburtstags-Domizil für einen verzweifelt gegen das Alter ankämpfenden Publicity-Flüchtling, als letzter Besinnungsort angesichts der vielen, vielen zurückliegenden rhetorischen Eskapaden. Es sieht so aus, dass man dem Phänomen Rolf Hochhuth mit allzu viel Common-sense nicht gerecht werden kann. Ein solches Unternehmen ähnelt dem Versuch, mithilfe von Logik und Naturgesetzen ein Irrlicht einzufangen. Mag Hochhuths schriftstellerisches Schaffen nach eigenen Angaben auch noch so sehr von Karl Jaspers existenzialistischer Philosophie und der Bedrohung des individuellen Handelns inspiriert sein. Er selbst trug die Moral lediglich wie eine grelle Krawatte, farblich abgestimmt zum jeweiligen Scheinwerferlicht des Zeitgeistes.

Immerhin: Nicht nur das Grundstück und damit das Theater des Berliner Ensembles weiß Hochhuth sein eigen zu nennen. Inzwischen hat er auch vier Gräber auf dem Alten Sankt-Matthäi-Friedhof in Berlin-Schöneberg erworben. Eine Ehefrau hat er dort im Jahre 2004 bereits beerdigt. Drei seiner Gräber, in unmittelbarer Nähe zu den Gräbern der größten deutschen Märchenerzähler, den Brüdern Grimm, gelegen, sind noch frei. Ist dies nicht tatsächlich die geeignete irdische Abschiedsbühne für Rolf Hochhuth, für seinen letzten großen Auftritt in dieser Welt? Der größte dramatische Moral- und Märchenonkel lässt sich neben die bekanntesten Märchenerzähler deutscher Sprache betten.