Vertrauen in das Fleisch – und in die Vernunft

Warum das Kirchenverständnis des Konvertiten Erik Peterson zur Orientierung des jungen Theologen Ratzinger wurde – Ein Gespräch mit Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

„Denn die Vernunft ist eine Fähigkeit im Menschen, die keine Standesunterschiede, keine sozialen Klassen aufbaut. Sondern sie ist ein Vermögen, mit dem man die Welt durchdringt. An dieser Stelle sieht Ratzinger eine Gemeinsamkeit mit allen Nicht-Gläubigen“, sagt Frau Gerl-Falkovi... Foto: dpa
„Denn die Vernunft ist eine Fähigkeit im Menschen, die keine Standesunterschiede, keine sozialen Klassen aufbaut. Sonder... Foto: dpa

Ein Studientag der Päpstlichen Hochschule „Santa Croce“ in Rom hat sich Anfang Mai mit zwei katholischen Denkern befasst, von denen der eine, Erik Peterson (1890–1960), sehr befruchtend auf den anderen gewirkt hat: Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI. Zu den Referentinnen des Studientags gehörte auch die deutsche Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.

Im Gespräch mit der „Tagespost“ gab sie Auskunft über das Verbindende zwischen Peterson und Ratzinger, wobei sie den sogenannten „Vorhof der Heiden“ thematisierte. Dieser Vorhof des Jerusalemer Tempels stand einst auch den Heiden offen und der Ausdruck steht heute als Motto über einer Initiative des von Kardinal Gianfranco Ravasi geleiteten vatikanischen Kulturrats, das Gespräch mit Agnostikern und Atheisten zu suchen. Die Fragen stellte Guido Horst.

Der „Vorhof der Heiden“, also der Ort des Jerusalemer Tempels, den auch die Nicht-Juden betreten durften, gilt dem Vatikan heute als Motto für Gespräche mit Agnostikern und Atheisten. Eine Tagung in Rom hat jetzt zwei katholische deutsche Denker nebeneinander gestellt, die auf unterschiedlichen Wegen den Weg aus dem „Vorhof der Heiden“ hin zum christlichen Glauben durchdacht haben. Aber warum gerade Erik Peterson und Joseph Ratzinger? Gab es einen theologischen Dialog zwischen beiden?

Erik Peterson und Joseph Ratzinger gehören zwei unterschiedlichen Generationen an und haben sich auch persönlich nicht getroffen. Aber Ratzinger selber sagte, dass ihn die frühen und kurzen Schriften Petersons – es ist ja vom Umfang her ein schmales Oeuvre – außerordentlich angesprochen hätten, vor allem die Schriften über die Kirche. Man muss wissen, dass Peterson als Konvertit einen bemerkenswert kurzen, aber knackigen Schriftwechsel mit Adolf von Harnack hatte. Das ist bei Peterson immer so: Man trifft zwar auf schmale Aufsätze, aber im Kern geht er sofort in die Tiefe. Schon der junge Peterson hat dem verehrten und großen Harnack, dem Flaggschiff der liberalen deutschen protestantischen Theologie, einen Briefwechsel aufgezwungen, der Harnack peinlich war, nämlich zu der Frage, was das Wesen der Kirche sei. Harnack hat dabei die Frage, wo die Kontinuität zu den Aposteln liege, nicht klar beantwortet. Natürlich gebe es keine direkte Nachfolge der Apostel, aber andererseits, so Harnack, sei das wenig wichtig; im Protestantischen lege man letztlich Wert auf das Gewissen. Da zog Peterson die Konsequenz: Wenn es bei der Kirche nur um die Entscheidung des Einzelnen in seinem Gewissen geht, dann brauche man eigentlich gar keine Kirche mehr. An dieser Stelle hat auch der junge Ratzinger sein Kirchenverständnis aufgehängt, also bei der Frage, ob es noch eine Instanz gebe, die über die rein persönliche Sphäre hinausgeht und bis zum Auftrag Christi zurückreicht. Petersons Studien zur Frühkirche sind mehr als ein Ausflug in die ersten Jahrhunderte – daran hatte Ratzinger seine Freude.

Für seine geistige Durchdringung des „Vorhofs der Heiden“ war bei Peterson die Gnosis wichtig. Er vergleicht die Gnosis mit der Grundstimmung und den religiösen Suchbewegungen nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Was ist denn Gnosis?

Peterson gehört zu den Autoren, die die Gnosis in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts plötzlich wieder aktualisiert haben. Da gibt es noch den anderen großen Autor, Hans Jonas, der das über Heidegger von der philosophischen Seite her versucht. Die Gnosis ist der Schatten, der dem Christentum beständig folgt. Wir wissen ja, dass Augustinus zehn Jahre lang damit zu kämpfen hatte. Und zwar deswegen, weil die Gnosis etwas anbietet, was bestechend ist, nämlich keine zu komplizierten Welterklärungen, sondern ein Schwarz-Weiß-Bild, das man durch die eigene Erfahrung belegen kann. Es geht dabei um die Frage: Woher kommt das Hinfällige, das Zerbrechliche, das Verwesliche unserer Existenz? Man kann natürlich immer sagen, unser Dasein sei auch von Schönheit geprägt. Aber unleugbar gibt es das Hässliche und Widerliche, ja, es kann sogar überwiegen. Es ist eine klassische Frage: Wie kann der Schöpfer eine Welt schaffen, in der alles, das Schöne und das Widerliche, so kunterbunt durcheinandergeht? Die Gnosis hat darauf eine Antwort, die logisch klingt: Der Schöpfer hat in diesem Fall versagt. Man müsse einen Urgrund annehmen, der das eigentlich nicht wollte, sondern das Gute und Schöne anzielte. Aber der Schöpfer muss einen Handlanger gehabt haben, und zwar die göttliche Weisheit, die sich aber als Lehrling benommen und die große Aufgabe nicht gelöst hat. Diese „Schöpferin“ ist der Ursprung des Bösen. Daher kommen in der Gnosis ganz üble Sätze vor: Sophia, die Weisheit also, ist selbst das Böse. Das scheint insofern stimmig, als man damit ein Erklärungsmuster hat, in dem die unangenehmen Seiten nicht Gott angelastet werden, sondern einem göttlichen Versagen. Und dann kommt in der Gnosis der Punkt, der auch modern aktualisiert werden kann: Der Mensch – sagen wir es genau: der Mann – ist in der Lage, sich selbst zu erlösen.

Peterson sah den Gegensatz zu dieser Häresie der Gnosis in der Inkarnation, in der Fleischwerdung Gottes...

Was Peterson als theologischen Autor so packend macht: Für ihn greift das Christentum an dieser empfindlichsten Stelle zu, bei der Frage nach der Herkunft des Übels. Es würde erfahrungsmäßig eher überzeugen, wenn man sagen würde: Im Fleisch liegt das Problem, im Trieb, im Instinkt – wir kommen alle aus dem Zeitalter von Sigmund Freud und wissen genug vom Unbewussten. In diesem Punkt meldet das Christentum aber einen merkwürdigen Widerspruch an: Das Fleisch, der Instinkt, das Unbewusste sind zwar anfällig für das Böse, sind aber keineswegs mit dem Bösen identisch. Die Antwort, die wir zwar kennen, die aber immer als allgemeines Credo daherkommt, daher keinen wirklichen Biss enthält, das ist nun tatsächlich die Fleischwerdung Jesu. Wenn Jesus Fleisch annimmt, kann das Fleisch nicht die Quelle des Bösen sein. Von daher ordnet sich das ganze christliche Selbstbewusstsein neu. Und das ist die Revolution. Die Gnosis ist keine Revolution.

Hatte Peterson mit diesem Gedankengang ein gewisses Echo?

Es gibt eine eher kleine „Gemeinde“, die Peterson liest, obwohl er nicht schwierig schreibt. Aber er ist durch sein Exil in Rom und eingeschränkt durch andere berufliche Nachteile kein Autor gewesen für die große Öffentlichkeit. Ich nenne als Ausnahme die – heute neu zu entdeckende – Ida Friederike Görres, die ihn deutlich verehrt hat. Es gibt ein sprechendes Porträtfoto von ihr, da hat sie Petersons Buch „Zeuge der Wahrheit“ in der Hand, demonstrativ. Aber in den dreißiger Jahren, in der Zeit der Jugendbewegung, auch noch in der Nazi-Zeit, da wird das Schrifttum von Peterson gut gelesen. Es sind dieselben Leser, die zu Josef Pieper greifen und zu Romano Guardini. Es sind die anspruchsvollen Laien, die sich in die Theologie vertiefen.

Ratzinger zeigt einen anderen Weg auf, um im „Vorhof der Heiden“ mit den Nicht-Gläubigen ins Gespräch zu kommen. Wie sieht sein Ansatz aus?

Wenn Joseph Ratzinger über Aufklärung spricht, meint er nicht das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, sondern er spricht von der Aufklärung durch die klassische griechische Vernunft. Da zeigt er auf, dass das Christentum nicht die griechische Götterwelt übernommen hat, denn es hat nicht Zeus getauft und Athene, sondern es hat die griechische Vernunft einbezogen. Nicht nur Paulus, sondern auch andere „übersetzen“ sie ins Christentum. Denn die Vernunft ist eine Fähigkeit im Menschen, die keine Standesunterschiede, keine sozialen Klassen aufbaut. Sondern sie ist ein Vermögen, mit dem man die Welt durchdringt. An dieser Stelle sieht Ratzinger eine Gemeinsamkeit mit allen Nicht-Gläubigen, indem wir über die Vernunft Position beziehen, nämlich die Behauptung aufstellen, dass diese Welt lesbar, nicht irrsinnig und nicht undurchschaubar einem blinden Fatum unterworfen ist. Dafür haben wir zu viele Hinweise darauf, dass wir das Alphabet dieser Welt doch entziffern können. Deshalb plädiert er für ein Vertrauen in die Vernunft. In dem Gespräch mit Jürgen Habermas 2004 in München hat Habermas die Religion verteidigt und Kardinal Ratzinger die Vernunft. Man dachte, man sei im falschen Film. Ratzinger verteidigt damit etwas, was ja heute ein Teil der Philosophie aufzugeben bereit ist. Im Grunde schützt er die Philosophie selbst vor ihrem Niedergang in eine Art Irrationalismus.

Was bleibt beiden Wegen gemeinsam?

Was bei beiden überzeugt: Eine Welt, die sich überwiegend aus dem Negativen versteht, kann einfach keine Zukunft haben. Peterson sieht darin einen alt gewordenen Zynismus, eine Art aufgeklärten Typus von Verachtung dieser Welt, mit der nichts mehr anzufangen sei. Dagegen stellt er die Jugendlichkeit des Christentums. Das drückt sich auch bei Paulus aus: diese große Skepsis, die nichts mehr zustande bringt, beiseite zu legen und mit Christus neu durchzustarten. Weil Peterson das nicht pathetisch macht oder emotional, schwingt die sachlich unterlegte Empfindung mit, dass das Christentum alles überholen kann, was wir so dauernd an negativen Daseinslektüren haben. Die Anfangskraft des Christentums erscheint bei Peterson ungebrochen. Bei Ratzinger läuft es etwas anders ab. Bei ihm findet sich im „Vorhof der Heiden“ ganz deutlich der gemeinsame Boden der Vernunft. Er hat kein Misstrauen gegen dieses Vermögen. Es verbindet ihn in wesentlichen Dingen übrigens nicht nur mit Habermas, sondern auch mit Denkern anderer Schulen, die sagen, dass die Vernunft zwar auch ihre Gefährdungen hat, aber dass ohne Vernunft überhaupt nichts mehr anzufangen ist. Ich habe es bei der Versammlung in Assisi vor zwei Jahren als großartig empfunden, dass der Papst ausdrücklich Agnostiker eingeladen hatte, die auch gekommen sind. Da setzt er völlig richtig an. Aus dem Vorhof der Heiden kann man durchaus wieder verschwinden, aber es gibt ebenfalls eine Tür, die ins Innere des Tempels führt.