Würzburg

Vermählt mit dem Meer

Klima-Opfer Venedig? Warum das Hochwasser in einer Stadt, die nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser gebaut ist, keine überraschende Erscheinung ist.

Überschwemmungen in Venedig
Nicht nur in den Markusdom, auch in die San Moise-Kirche in Venedig drang das Hochwasser. Johannes Paul II. blieb aber trocken und ganz gelassen. Foto: dpa

Venedig ist mit dem Meer vermählt. Den Triumphzug der Serenissima bildete ein Schwarm aus Galeeren, der an Christi Himmelfahrt hinaus auf die Adria zog, angeführt vom blattgoldverzierten Bucintoro, dem Staatsschiff, auf dem der Doge die Prozession leitete. Bis zum Ende der Republik vollzog Venedig das Ritual: In Gegenwart von Ruderern und Arsenalarbeitern, von Ratsmitgliedern und Gesandten warf der Doge einen Ring ins Meer. Anschließend mündete die Prozession aus bunten Schiffen, Bannern, Musik, Gesängen und katholisch-venezianischem Pomp in einer Messe am Lido. Die Sensa, wie die Venezianer dieses Ereignis nannten, war nicht nur einer der großen Feiertage der Republik. Sie war ein Dreh- und Angelpunkt patriotischer Identität und zugleich Machtdemonstration. Die Republik des Heiligen Markus war nicht irgendein Staat. Sie war Herrscherin des Wassers. Dass der Löwe von San Marco mit den Vorderläufen auf trockenem Boden steht, die hinteren Tatzen dagegen im Wasser ruhen, bildet die Manifestation eigener Dominanz zu Lande und zu Wasser ab, die als Salut die Zeit überdauert hat: Par tera, par mar – San Marco!

Der zynische Beobachter mag die Verhältnisse in Venedig seit dem 12. November daher als veritable Ehekrise deuten. Allerorten stieg der Pegel an den historischen Fassaden bis zu jener schwarzen Linie, die sich vielen älteren Venezianern ins Gedächtnis gebrannt hat: Nur das Hochwasser vom 5. November 1966 übertrifft die jüngste Flut um sieben Zentimeter. Dabei ist es nicht der einmalige Wasserstand von 187 Zentimetern, der Sorge weckt, sondern der anhaltende Pegelstand. Acqua alta blieb für eine Woche ein Dauerphänomen. Zwischen dem 15. und dem 17. November sank das Wasser nicht unter 150 Zentimeter. 80 Prozent der Stadt waren überflutet. Nicht nur Läden und Restaurants haben die Wassermassen zerstört und bedrohen nun die finanzielle Existenz der Besitzer. In der Ca‘ Pesaro – ein Ausstellungsort Moderner Kunst – hat ein Kurzschluss ein Feuer ausgelöst, in der historischen Bibliothek Querini-Stampalia beklagt die gleichnamige Stiftung Buchverluste. Der Markusdom, Zentrum und Symbol der Stadt, versank ebenfalls in den Fluten. Tag und Nacht schrubbten die Männer über die jahrhundertealten Mosaikböden. Selbst in die Krypta drang das Wasser vor. Der heiligste Ort der Lagune, wo Monteverdi, Vivaldi und Gabrieli wirkten, und die polychromen Chöre von San Marco ihr cherubimwürdiges Lob gen Himmel riefen, ist ein Raub der Adria geworden. Die Gewalt des Meeres hat Venedigs Dominanz gebrochen und seinen Patron heimgesucht. Auf dessen Knochen, nicht auf Holzpfählen, ruht die Serenissima.

Venedigs Untergang wurde schon vor Jahrhunderten befürchtet

Venedig sei gemartert worden, Venedig sei in die Knie gegangen, Venedig liege am Boden – Politiker und Journalisten überwerfen sich mit der Einordnung der Katastrophe. Bürgermeister Luigi Brugnaro hat bereits den Klimawandel ins Spiel gebracht. Es entspricht dem Zeitgeist, das Phänomen als neuen, ultimativen Sündenbock darzustellen, nachdem der Heiland am Kreuz zur Vergebung der Sünden nicht mehr ausreicht. Dagegen spricht allerdings, dass Hochwasser in einer Stadt, die nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser gebaut ist, keine überraschende Erscheinung ist. Die historisch dokumentierten Hochwasserkatastrophen häuften sich im Übrigen nicht während einer Warmphase, sondern in der Übergangsphase zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit – also zu Beginn der Kleinen Eiszeit. Das dauernde Lamento, dass Venedig sowieso im Wasser versinken würde, war im Übrigen schon im 13. Jahrhundert wenig originell. Der Renaissance-Geschichtsschreiber Daniele Barbaro schildert in seinem Werk den Vorschlag des Dogen Pietro Ziani aus dem Jahr 1222, die Hauptstadt von Venedig nach Konstantinopel zu verlegen. Die Begründung klingt bekannt. Venedig sei langfristig verloren, weil es vom Hochwasser verschlungen würde. 800 Jahre später ist schon manch andere Weltstadt vernichtet worden – Venedig erhebt sich dagegen immer noch aus den Fluten.

„Wer heute nur das Hochwasser als Bedrohung
sieht, vergisst, dass eben dieses der
Ausgangspunkt venezianischer Geschichte ist“

Wer wie die Venezianer anderthalb Jahrtausende mit dem Meer ringt, der lernt, mit seiner Umwelt umzugehen. Die Launen der Lagunen sind das Fundament von Macht und Reichtum einer Stadt, wie das Abendland keine andere kennt. Wer heute nur das Hochwasser als Bedrohung sieht, vergisst, dass eben dieses der Ausgangspunkt venezianischer Geschichte ist. Venedigs Aufstieg beginnt in einer Zeit, als das Festland in Verwirrung fällt. Europa kuriert die Folgen der Völkerwanderung aus, da nisten in der Lagune die Flüchtlinge in Häusern wie Vögel in ihren Nestern – so beschrieb es schon der spätantike Historiker Cassiodor im 6. Jahrhundert. Sicher vor der Umwälzung und den Zerstörungen gedeihen hier Salzgewinnung und Handel. Weder Goten, noch Langobarden, noch Franken können die Inseln erobern – auch Friedrich Barbarossa erkennt, dass die Stadt ohne Flotte kaum zu nehmen ist.

Das Wasser ist jahrhundertelang Venedigs Schutz. Bereits im Mittelalter regulierten, erhielten und nutzten die Lagunenbewohner ihr Biotop nachhaltig. Das Wasserbett der Serenissima wäre sonst längst versandet wie die Häfen von Aquileia und Ravenna. Die Republik Venedig leitete nicht nur Flüsse um, sie organisierte mit dem Magistrato delle Acque sogar ein eigenes Gremium für Gewässerangelegenheiten. Die Bedeutung dieser Institution erkennt man daran, dass dem untergeordneten Collegio die mächtigsten Männer der Republik angehörten. Die Institution blieb bis zur napoleonischen Unterwerfung im Jahr 1797 bestehen.

Es gibt auch menschliche Fehler beim Schutz

Eine moderne Wasserschutzbehörde bekam Venedig erst wieder 1907. Aufgelöst wurde sie 2014 unter der Regierung von Matteo Renzi. Der Fall zeigt die eigentliche Verantwortung auf, die sich weniger im Klimawandel, als in historischen, wirtschaftlichen und politischen Problemen erschöpft. Denn das Ende der Behörde hing eng mit einem Korruptionsskandal beim MOSE-Projekt zusammen, das Venedig vor Hochwasser schützen sollte. Eine der zentralen Figuren war der damalige Bürgermeister Giorgio Orsoni. Bis heute ist die Rede von einem zweistelligen Millionenbetrag, der von den Verantwortlichen veruntreut wurde. Venedigs Schicksal wird zudem nicht vor Ort, sondern in Rom entschieden, da ein nationales Konsortium den Bau des Schleusenprojektes betreut. Es untersteht dem italienischen Innenministerium. In Cannaregio witzelten die Obstverkäufer schon vor mehr als einem Jahrzehnt, dass bei einem italienischen Projekt auch italienische Gepflogenheiten gälten. Den Schaden haben die Venezianer.

Aufgrund der verhängnisvollen Verbindung mit der Kommune Mestre spielen diese sowieso kaum eine Rolle. In der Altstadt leben nur noch rund 50 000 Menschen – in einer einstigen Weltmetropole der Frühen Neuzeit, die für das Vierfache gebaut worden war. Wenn die Entscheidungen nicht in Venedig fallen, dann in Mestre, wo die Mehrzahl der Einwohner lebt. Tintorettos Heimat hat für politische Kreise nur noch den Rang eines Disneylands, das es touristisch auszuschlachten gilt. Wahlen muss hier niemand gewinnen. Mehrfache Vorstöße, eigenständige Gemeinden für Venedig und Mestre einzuführen, scheiterten bisher. Der Würgegriff der Festlandinteressen ist jener, der Venedig in Wirklichkeit langsam und qualvoll sterben lässt.

„Wenn die Moderne demnach eine
menschengemachte Umweltkatastrophe kennt,
dann ist es der mögliche Untergang Venedigs“

Seinen Anfang hat diese Entwicklung mit der Industrialisierung genommen. Die Stärkung von Mestre und Porto Marghera als Großhäfen machte die Vertiefung der Laguneneinfahrten unvermeidlich. Seitdem sieht sich Venedig mit ahistorischen Fluten konfrontiert. Inseln, Sträucher und Schilfpflanzen, welche den Boden festigten und Wasser aufnahmen, sind verschwunden. Die Industrie entnimmt dem Boden Grundwasser und Methan, was wiederum zum Absinken des Erdreichs führt. Kreuzfahrtschiffe haben die Fundamente von Palästen über Jahrzehnte unterspült und beschädigt. Bereits eine Studie aus dem Jahr 1983 kommt zum Schluss, dass diese Veränderungen einen „irreversiblen“ und „katastrophalen“ Effekt auf die Wasserregulierung hätten. Selbst die 1846 erbaute Brücke zum Festland, die in den 1930ern und 1970ern erweitert wurde, könnte ungeahnte Folgen für die Lagune haben. Ob MOSE den erhofften Erfolg bringt, bleibt auch deswegen offen, weil es sich um einen weiteren massiven Eingriff in die natürliche Wasserkontrolle handelt, die im Voraus das Erdreich neuerlich umgegraben und verändert hat. So denn der Hochwasserschutz auch wirklich 2022 fertig wird, und nicht wieder Korruption, politische Dünkel und bürokratischer Zentralismus dazwischenfahren. Die Einweihung hätte 2014 stattfinden sollen.

Wenn die Moderne demnach eine menschengemachte Umweltkatastrophe kennt, dann ist es der mögliche Untergang Venedigs. Was bleibt, ist der alte Angelo Falier, der Pietro Ziani damals im Rat widerstanden hat, als man Venedig aufgeben wollte: Rom erschütterten immer wieder Erdbeben, verlassen habe es deshalb niemand. Aus einem Fischernest habe man die Königin der Meere geformt. Ein Ort, an welchem es Gott einem Volk so wohl habe gehen lassen, dürfe man nicht den Rücken zuwenden. Nach seiner Rede warf er sich vor dem Heiland nieder und betete zu Gott, dass dieser Venedig auf ewig beschützen möge.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.