Verantwortung haben die Eltern

Die sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß, über die Freigabe von Filmen für Jugendliche Von Alexander Riebel

Die Debatte über die Altersfreigabe von Filmen ab zwölf Jahren hat gezeigt, dass dieses Gütesiegel häufig gerade keine Freigabe für Kinder bedeutet, weil die Filme Sex und Gewalt enthalten. Halten Sie die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmindustrie) als Jugendschutz für Filme für ausreichend?

Das gemeinsame Verfahren der Länder zur Altersfreigabe von Filmen über das System der freiwilligen Selbstkontrolle durchzuführen, halte ich weiterhin für geeignet. Die öffentliche Diskussion sollte dazu genutzt werden, über den Auftrag und die Tätigkeit der Selbstkontrollen besser zu informieren. Ich gehe davon aus, dass die FSK die Berichterstattung der vergangenen Woche intensiv und sicher auch selbstkritisch auswerten wird. Das angekündigte Gespräch der Bundesfamilienministerin mit der FSK wird ebenfalls dazu beitragen. Aus meiner Sicht sollte alles dafür getan werden, das Vertrauen in die Selbstkontrolle zu erhalten. Es gilt klarzustellen, dass die Kennzeichen nach dem Jugendschutzgesetz eben kein „Gütesiegel“ im Sinne einer pädagogischen Empfehlung sind. Darauf wird im Vorspann der Filme ausdrücklich hingewiesen. Die Kennzeichnung soll lediglich sicherstellen, dass das körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern und Jugendlichen einer bestimmten Altersgruppe nicht beeinträchtigt wird.

Aber das steht ja gerade in Frage.

Die etwa 280 FSK-Prüferinnen und Prüfer sind unter anderem Jugendamtsleiter, Jugendbildungsreferenten, Lehrer, Kinderärzte, Psychologen und meist auch selbst Eltern. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und bieten einen Querschnitt unterschiedlicher Einschätzungen und Meinungen, die in eine Mehrheitsentscheidung münden. Gremienentscheidungen zu verteidigen, ist immer schwierig, sie sind aber letztlich ein demokratisches Instrument. Auch eine reine staatliche Prüfstelle müsste auf Gremienentscheidungen zurückgreifen, um gesellschaftlich akzeptiert und legitimiert zu sein.

Halten Sie eine größere Staffelung der Freigabe für sinnvoll, etwa mit den Alterstufen 12, 14 und 16?

Die Festlegung weiterer Altersstufen steht immer wieder zur Diskussion. Auch das Hans-Bredow-Institut hatte sich bei der Evaluation des Jugendmedienschutzsystems im Jahr 2007 mit dieser Frage befasst und aufgrund der Bekanntheit der bestehenden Stufen keine Änderung vorgeschlagen. Ich persönlich halte eine stärkere Differenzierung bei der Altersfreigabe durchaus für überlegenswert. Da die bisherigen Stufen inzwischen auch für die zukünftige Kennzeichnung von Telemedien, beispielsweise von Angeboten im Internet, festgelegt wurden, sollte aus meiner Sicht diese Systematisierung jedoch zunächst beibehalten werden.

Worauf führen Sie die vielen unzutreffenden Beurteilungen der FSK zurück, auf eine Verschiebung von Tabugrenzen in der Gesellschaft?

Ich würde die Altersfreigaben der FSK nicht als „unzutreffend“ bezeichnen. Eine solche Beurteilung würde der Arbeit des Gremiums nicht gerecht. Natürlich kann man zu den Einschätzungen der Prüfer unterschiedliche Auffassungen haben. Wichtig ist jedoch, dass Filme immer in ihrer Gesamtheit geprüft und beurteilt werden. Die Herausnahme einzelner Szenen oder das Zitieren weniger Dialoge ist für eine abschließende Beurteilung nicht geeignet, da auf diese Weise der Gesamtcharakter eines Filmes nicht wiedergegeben wird. Selbstverständlich dürfen auch Einzelszenen oder Dialoge das Auffassungsvermögen von zwölf- bis 13-jährigen Kindern nicht überschreiten bzw. sie in massiver Weise irritieren. Darauf haben die Prüferinnen und Prüfer zu achten. Wenn dennoch Zweifel an der Bewertung bestehen, haben die Länder die Möglichkeit, eine Entscheidung nochmals in einem Appellationsverfahren überprüfen zu lassen. Dies kommt auch vor. Nicht nur in der Bewertung von Filmen spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen wider. Auch in den Inhalten und Darstellungsformen von Filmen und anderen medialen Angeboten sowie bei Erziehungsfragen werden Veränderungen von Wertvorstellungen und Lebenseinstellungen deutlich. Das ist Teil der Lebenswirklichkeit. Die Werte des menschlichen Zusammenlebens im Spannungsfeld zwischen persönlicher Freiheit und Verantwortung für den Nächsten und die Gemeinschaft zu leben und mitzugestalten, bleibt eine Herausforderung an uns alle. Eine solche Aufgabe nehmen auch die Kennzeichnungen nicht ab.

Sind letztlich die Eltern in der Pflicht, sich um die Inhalte der Filme kümmern zu müssen, auch um dem unterschiedlichen Entwicklungsstand ihrer Kinder gerecht zu werden?

Auf jeden Fall – und zwar nicht letztlich, sondern zu allererst! Das beginnt bei der Verantwortung für das Fernsehprogramm, geht über die Nutzung von Computerspielen bis hin zu dem Besuch des Kindes im Kino. Stets gilt: Der Entwicklungsstand, die persönlichen Befindlichkeiten, Stimmungen und Einstellungen von Kindern und Jugendlichen sind sehr unterschiedlich. Selbst eine nicht kontrovers diskutierte Altersfreigabe kann Eltern deshalb nicht von ihrer Verantwortung entbinden einzuschätzen, was für ihr Kind förderlich ist oder was es eventuell emotional belasten würde. Dazu ist es notwendig, dass sich die Eltern mit den Inhalten auseinandersetzen, sie müssen sich selbst eine hinreichende Medienkompetenz aneignen. Ein Beispiel dafür ist in Sachsen die „ComputerSpielSchule Leipzig“. Sie ist ein Kooperationsprojekt der HTWK Leipzig und der Universität Leipzig mit Unterstützung der Leipziger Messe GmbH und der Stadt Leipzig. Hier können Eltern die Welt der Spiele und der Spieler erleben und sich selbst fit machen, um die Faszination der Spiele verstehen zu können. Mit fundiertem Wissen über die Inhalte verschiedener Computerspiele sind Eltern dann auch in der Lage, sich mit ihrem Kind darüber auszutauschen und ihm damit die Möglichkeit zu bieten, die Inhalte verstärkt reflektieren zu können und einen kompetenteren Umgang mit den Medien zu erlernen.

Eigentlich sind die Kriterien für die Filmbewertung für Jugendliche doch ganz einfach – sollten diese Kriterien nicht besser im vorhinein offengelegt werden?

Die FSK stellt seit kurzem eine Zusammenfassung ihrer Bewertungen auf ihrer Homepage zur Verfügung. Damit werden die Altersfreigaben für interessierte Eltern und Pädagogen nachvollziehbar und erleichtern die Entscheidung für oder auch gegen den Gang ins Kino. Ich kann nur hoffen, dass dieses Angebot nun auch genutzt wird.

Auch das Computerspiel „counterstrike“ war ursprünglich ab zwölf Jahren freigegeben – sehen Sie bei Computerspielen ähnliche Gefahren wie bei den Filmen?

Die Alterskennzeichnung von Computerspielen ist genauso wichtig wie bei den Filmen. Einzelne Freigaben wurden bereits sehr kritisch in den Medien, in der Wirkungsforschung und im politischen Raum diskutiert. Aber auch hier plädiere ich dafür, die Öffentlichkeit besser über die Arbeit der Selbstkontrolleinrichtung – für den Bereich der Spiele ist es die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) – zu informieren und dabei immer wieder auch mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und zu bleiben.