Venedig setzt auf die Genderideologie

Bei den Filmfestspielen hat ein Homosexuellendrama den Goldenen Löwen gewonnen – Die Konkurrenz war stark. Von Alexander Riebel

Der Schauspieler Alfredo Castro (links) und sein bezahlter Freund in einer Szene des Films „Desde allá“, der in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Foto: dpa
Der Schauspieler Alfredo Castro (links) und sein bezahlter Freund in einer Szene des Films „Desde allá“, der in Venedig ... Foto: dpa

Preisverleihungen bekommen immer weniger Bedeutung, weil sie zunehmend nur noch von gesellschaftlichen Kämpfen motiviert sind. So ist es auch im Fall des Goldenen Löwen in Venedig, den der 48-jährige Lorenzo Vigas aus Venezuela mit seinem Erstling „Desde allá“ (Von fern) gewann. Es geht, wie könnte es wohl anders sein, um Homosexualität. Also um ein Bekenntnis der Jury zur Genderfrage.

Man kann in deutschen Zeitungen lesen, dass es Südamerika mit der Durchsetzung von Gender noch nicht weit gebracht habe – aber gerade das ist ja der Punkt. Wo die Genderideologie zu schwach verbreitet ist, muss nachgeholfen werden. Die europäische Union hat das bereits 1995 für alle Mitgliedsstaaten beschlossen. Auch dass der Regisseur von „Desde allá“ den Film seinem Land widmen wolle, macht seinen Aufklärungsimpetus deutlich.

Worum geht es in dem Film? „Desde allá“ heißt „Von fern“, und so ist auch die homosexuelle Beziehung konzipiert. Der reiche Mittfünfziger Armando, gespielt von Alfredo Castro, bezahlt in Caracas Jugendliche dafür, mit in sein Haus zu kommen, um sie entkleidet zu betrachten – von fern also. Bei Elder, einem groben 18-Jährigen, der auf der Straße lebt, entsteht nach einem Verhältnis aus Geld und Gewalt so etwas wie Liebe zu dem Jüngeren. Der Film, der mit scheinbar unerfahrener Kameraführung gedreht ist und häufig durch Unschärfen auffällt, ist durch Härte und Brutalität gekennzeichnet. Die Erinnerung an reale Vorbilder dieser Stricherwelt wie der Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann oder der Filmregisseur Pierre Pasolini drängt sich dem Betrachter auf. Nur dass im Film Armando seinen bezahlten Liebhaber dadurch loszuwerden versucht, dass er ihn wegen einer Untat der Polizei ausliefert.

Dass sich dieses Thema gegenüber der starken Konkurrenz durchsetzen konnte, hat die Filmwelt überrascht. Man mag einwenden, dass im Film der Gegensatz zwischen Arm und Reich thematisiert wird und damit ein soziales Problem; aber der Streifen steht doch symbolisch für etwas, was sich in den Gesellschaften immer mehr abzeichnet: nämlich dass Heterosexuelle überhaupt in die Sphäre der Homosexualität hineingezogen werden, sei es nun wie der Jugendliche in die Welt Armandos hineingezogen wird, oder dass man in Alltag und Bildung gezwungen wird, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die tatsächlich politischen Filme gingen ohne Preise aus, so die chinesische Dokumentation über Minenarbeiter, „Beixi moshuo“, oder „Rabin, the Last Day“ über die Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Izchak Rabin. Dann gab es auch noch wichtige Preise wie den für den besten Jugenddarsteller, den Abraham Attah aus Ghana für seine Rolle als Kindersoldat in Cary Fukunaga „Beasts of No Nation“. Und der Spezialpreis ging an „Abluka“, der vom Bürgerkrieg in der Türkei handelt. Genug Gelegenheit also, drängende Themen aufzugreifen.