Vater Europas

Großes Reich, nachhaltige Wirkung. Eine realistische Würdigung zum 1 200. Todestag von Karl dem Großen. Von Herwig Wolfram

Politik mit Moral: Die Büste Karls des Großen in der Aachener Domschatzkammer. Foto: dpa
Politik mit Moral: Die Büste Karls des Großen in der Aachener Domschatzkammer. Foto: dpa

Am 28. Januar vor 1200 Jahren starb Karl, der das „Römische Reich regierende Kaiser und König der Franken und Langobarden“, den bereits die Zeitgenossen den Großen, den Vater Europas und den neuen Konstantin den Großen nannten. Sein Angedenken ist wirksam geblieben. So wurde seit 1950 der nach ihm benannte Aachener Karlspreis für Verdienste um die Einheit Europas verliehen. Oder er wurde, wenn auch erst vor etwa 200 Jahren, in den Salzburger Untersberg versetzt, woraus er mit seinen Kriegern kommen werde, um die Welt in ihrer höchsten Not zu retten. Umso mehr scheint die Frage berechtigt, was Karls Geschichte uns heute bedeutet. Die Antwort wäre, nicht gerade wenig, wenn man bedenkt, wie Europa vor ihm und wie es nach ihm ausgesehen hat.

Am Beginn des 8. Jahrhunderts hatten die nichtköniglichen Vorfahren Karls begonnen, das von den späten Merowingern verspielte Frankenreich wiederherzustellen. Die karolingische Basis bildeten die drei Kernreiche Neustrien (westliches Teilreich), Austrasien (östliches Teilreich) mit dem mainfränkischen Brückenkopf rechts des Rheins und Burgund. Dagegen zählte das von den spanischen Arabern bedrohte Aquitanien südlich der Loire, die Bretagne im Westen, deren Bewohner davon nichts wissen wollten, Friesland und Sachsen im Norden, obwohl noch keineswegs davon überzeugt, sowie Thüringen, Alemannien/Schwaben und Bayern bloß dem Namen nach zum Frankenreich. In Britannien gab es eine Vielzahl angelsächsischer Könige, die wie die noch zahlreicheren irischen Kleinkönige für die Franken keine Konkurrenz bildeten. Den Großteil Italiens beherrschten dagegen die Könige und Fürsten der Langobarden, die allesamt besserer Herkunft als die Karolinger waren und die deren Stellung als Hausmeier (dem Namen nach die Herren über die königlichen Güter) an Rang weit übertrafen. Östlich der thüringischen Saale und der niederösterreichischen Enns begann die Welt der heidnischen Slawen, die weitgehend von den Awaren beherrscht wurden. Allerdings hatten sich manche slawische Völker davon bereits befreit oder suchten sich noch zu befreien.

Das Zentrum des awarischen Reiches, das rund 250 Jahre lang Zentraleuropa beherrschte, lag im heutigen ungarischen Alföld, im Zwischenstromland zwischen Donau und Theiß. Dort befand sich der „Hring“, die ringförmige Residenz des Khagans, halbwegs zwischen Aachen, das Karl zu seiner Residenz machen sollte, und Konstantinopel, wo der griechische Basileus als Kaiser der Römer deren Reich in alle Ewigkeit fortzusetzen suchte. So war der Stand der Dinge, als Karl 768 nach dem Tod des Vaters Pippin I., der als erster Karolinger 751 König der Franken geworden war, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Karlmann II. zur Regierung kam und nach dessen Tod im Dezember 771 die Alleinherrschaft antrat. In den folgenden Jahrzehnten bis zum endgültigen Friedensschluss mit den Sachsen 803/04 gab es kaum einen Sommer, in dem die Frankenheere, die nach neueren Forschungen konkurrenzlos groß gewesen sein müssen, nicht zu Felde zogen.

Das Ergebnis war eine ständige Ausbreitung der tatsächlichen karolingischen Herrschaft, und zwar 774 über das langobardische Italien, 788 über das königgleiche Fürstentum der Bayern, 796 über das Reich der Awaren, 803/04 über die Sachsen nach einem 33-jährigen blutigen Krieg. Dazu kamen Gebietsgewinne in Böhmen und Mähren sowie südlich der Pyrenäen und eine stärkere fränkische Präsenz in der Bretagne sowie in Istrien und Dalmatien. Als Karl der Große 814 starb, reichte das Frankenreich im Südosten bis über Fünfkirchen/Pécs zur Donau und zur Fruška Gora, zum slawonischen Frankengebirge westlich von Belgrad. Die gängigen historischen Landkarten werden diesem Umfang kaum gerecht. Dagegen trifft sein Biograph Einhard (gestorben 840) viel eher den Punkt; in seinen Augen hatte Karl der Große das Gebiet des Frankenreichs fast verdoppelt.

Diese riesige Landmasse konnte auch von noch so riesigen Frankenheeren nicht wirklich erobert, jedenfalls mangels moderner Kommunikationsmittel nicht auf Dauer beherrscht werden. Es bedurfte daher der fränkischen und nichtfränkischen Großen, die sowohl regional wie überregional am Reichsregiment beteiligt wurden. Bereits vor 771/72 hatte Karl vertraglich die Elite der romanischen Churräter im heutigen Graubünden gewonnen und wandte danach die dabei gemachten Erfahrungen gegenüber slawischen Fürsten, gegenüber Venedig und noch 806 gegenüber Dalmatien an. Auch der langobardische Adel wurde 774 beim militärischen Untergang ihres Reiches nicht ausgeschaltet, sondern unterstellte sich vertraglich Karl dem Großen und anerkannte ihn als seinen König, der er zeitlebens auch als Kaiser blieb. Selbst die Sachsen bezahlten ihren zähen heidnischen Widerstand nicht mit einem Genozid. Vielmehr blieben sie trotz größter Verluste ein Volk, nachdem sie sich endlich unterworfen hatten und Christen geworden waren. Als solche haben sie Karl alle an ihnen begangenen Gräueltaten und Brutalitäten bald verziehen, ihn noch lange als ihren Gesetzesgeber gepriesen, ja ihn und sein Wirken mit den Aposteln und deren Bekehrungswerk unter den Völkern verglichen. Weniger brutal wurden die bekehrten slawischen Oberschichten integriert. Nur die besiegten Awaren konnten, wie der Frühgeschichtler Walter Pohl schreibt, als Christen nicht lange überleben, weil ihre Identität von der Existenz des heidnischen Khaganats abhing (Die Awaren, 2002).

Die Beteiligung der Großen an der Herrschaft erfolgte in einfacher, aber effektiver Weise. Zum einen war der König persönlich mit seinem Gefolge und dem Heer im gesamten Reich unterwegs und repräsentierte vor und mit dem regionalen Adel seine Herrschaft. Dieses Reisekönigtum hat Karl der Große zwar nicht erfunden, es aber bis zu seinem späten Sesshaftwerden in Aachen intensiv genutzt. Das gesamte Mittelalter bis an den Beginn der Neuzeit war der „königliche Weg durch die Reiche“ die übliche Regierungsform. Zum andern setzte Karl aus dem Adel genommene Grafen, Bischöfe und Äbte als seine regionalen Stellvertreter ein und ließ sie von ihnen gleichrangigen Königsboten aus anderen Gebieten kontrollieren. Diese Beauftragung erfolgte für gewöhnlich auf Zeit, konnte aber in besonderen Fällen, wie etwa an den Grenzen, auch von längerer Dauer, ja sogar unbefristet sein.

Zum dritten bestand das Frankenreich aus kleineren, überschaubaren Einheiten, aus regionalen Reichen, wie das der Aquitanier, der Bayern oder sehr bald auch der Sachsen, wo Karl entweder Unterkönige aus seiner Familie oder mächtige Großgrafen als seine Vertreter einsetzte. So war das karolingische Imperium ein gleichsam nach dem Baukastenprinzip aufgebautes wie weiter auszubauendes Gebilde, das unter Karl sehr flexibel gestaltet wurde und erfolgreich imperiale Großräumigkeit mit der Durchdringung des kleinen Raumes verband.

In diesem Rahmen entwickelte Karl der Große seine so wirksame Politik der Eindeutigkeit und Klarheit, wie Stefan Weinfurter in seiner Karlsbiographie „Karl der Große – Der heilige Barbar“ (München 2013) hervorhebt. Karl und seine Berater, die zumeist Theologen waren, knüpften vielfach an das antike Erbe an, suchten jedoch die Tradition zu verbessern und in einem christlichen Sinne moralisch zu sichern. Was landläufig als „Karolingische Renaissance“ gilt, sollte besser „Emendatio“ oder „Correctio“, eben Verbesserung heißen, zumal diese Begriffe in den zeitgenössischen Quellen vorkommen. Bis heute wirkt die karolingische Schriftreform nach, die als Times New Roman jedem Computer zur Verfügung steht. Wir verdanken den bei weitem größten Teil der erhaltenen antiken Überlieferung dem Umstand, dass diese Literatur unter Karl und seinen unmittelbaren Nachfolgern in tausende Handschriften übertragen wurde, sodass vieles vom antiken Erbe erhalten blieb. Die dabei verwendete karolingische Minuskel war so schön und gut lesbar, dass sie die Humanisten nachahmten, weil sie meinten, jene Handschriften stammten wie die Texte aus der Antike. Ebenfalls fast bis heute, nämlich in Großbritannien bis 1971, lebte das Erbe der karolingischen, auf dem Duodezimalsystem beruhenden Münzreform fort. Die unter Konstantin dem Großen am Beginn des 4. Jahrhunderts eingeführte Goldwährung, der Solidus, konnte nur mehr als Recheneinheit dienen, weil in der nachrömischen Zeit fast kein Gold mehr zur Verfügung stand. Karl führte 792/93 eine Silberwährung mit dem Pfund zu 240 Denaren (später Pfennigen) ein und brachte so wieder Geld in Umlauf. Obwohl Karl selbst kein einziges Kloster gegründet haben dürfte, versuchte er, die bis heute gültige Benediktusregel durchzusetzen. Ebenso war er um eine umfassende Kirchen- und Liturgiereform bemühte und stellte die Metropolitanverfassung wieder her, sodass auf späterem deutschen Boden die vier Erzbistümer Mainz, Köln, Trier und Salzburg entstanden. Die Vorstellung von einem durchorganisierten karolingischen Lehenswesen ist zwar überholt. Aber die Fortentwicklung des Lehenswesens kann wie der vermehrte Einsatz von Reiterkriegern nicht geleugnet werden.

Am Weihnachtstag 800 wurde Karl in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt. Ob die Zeremonie nun Karls Vorstellungen entsprach oder nicht, seine Erhebung zum Kaiser sollte das Projekt „Karolingerreich“ absichern. Als Karl in den 740-er Jahren geboren wurde, war sein Vater Pippin noch kein König. Erst 751 sollte er nach der Absetzung des letzten Merowingers, die der befragte Papst billigte, selbst König der Franken werden. Damit waren nicht alle Großen einverstanden; sie zogen daraus aber die Lehre, dass man einen Frankenkönig auch stürzen könne. Zur innerfränkischen kam die Opposition der Eliten der vielen nichtfränkischen Völker. Nur als Kaiser besaß Karl einen konkurrenzlosen Rang, an den kein anderer König oder königgleicher Fürst herankam.

Obwohl unsere leidvollen Erfahrungen mit den Versuchen, Europa unter Anwendung militärischer Gewalt zu einigen, dagegen sprechen, darf doch Kaiser Karl nicht bloß für seine Zeit als Vater Europas gelten. Tatsächlich umfasste das Karolingerreich vor 1 200 Jahren weite Gebiete Europas, die zukünftig zusammengehörten. Ein beträchtlicher Teil des einstigen Weströmischen Reiches samt allen seinen Hauptstädten bildeten unter Karl eine politisch-religiöse Einheit, die erstmals nach rund 350 Jahren wieder ein Kaiser beherrschte. Und diese politisch-religiöse Einheit war eine christliche, die im Himmel ihr Vorbild hatte: „Einer ist es, der da thront in der Halle des Äthers, der Donnerer; es ziemt sich, dass unter ihm auf Erden Einer nur herrscht, mit Recht allen Menschen ein Vorbild“, dichtete ein irischer Poet am Kaiserhof. Karls Lieblingslektüre soll Augustinus „De civitate Dei“ gewesen sein, und tatsächlich unternahm Karl den bemerkenswerten Versuch, Politik und Moral miteinander zu versöhnen. Diese Versöhnung war freilich nicht im Sinne von Augustinus, sondern irdisch-politisch gedacht. Karl verband „Gewalt und Glaube“ wie es Johannes Fried in der Biographie „Karl der Große. Gewalt und Glaube“ (München 2013) auf den Punkt bringt. Was ist daraus zu lernen? Vielleicht die Erkenntnis, dass selbst große christliche Persönlichkeiten der Vergangenheit Realpolitiker waren und sein mussten. Mit allen irdischen Begrenzungen, trotz guter Absichten und Riesenreich.

Der Autor ist Mediävist und Professor emeritus an der Universität Wien. 2011 wurde er mit dem Kardinal-Innitzer-Preis ausgezeichnet.