Unterhaltsame Rückkehr des maskierten Rächers

Trotz einiger Unstimmigkeiten bringt der Spielfilm „Lone Ranger“ ein vergessenes Filmgenre kurzweilig auf die Leinwand. Von José García

Der „Lone Ranger“ John Reid (Armie Hammer, rechts) macht sich zusammen mit dem Komantschen Tonto (Johnny Depp) auf die Suche nach einem Verbrecher. Foto: Disney
Der „Lone Ranger“ John Reid (Armie Hammer, rechts) macht sich zusammen mit dem Komantschen Tonto (Johnny Depp) auf die S... Foto: Disney

Mit der Filmreihe „Fluch der Karibik“ gelang es Jerry Bruckheimer als Produzent und Gore Verbinski als Regisseur, den lange Zeit vergessenen Piratenfilm wieder zu beleben. Mehr als dreieinhalb Milliarden Dollar bescherten weltweit die vier bislang gedrehten „Pirates of the Caribbean“-Filmen dem Filmstudio Disney. Ein Gutteil dieses Erfolges ist auf die Darstellung der Hauptfigur, des Captain Jack Sparrow, durch Johnny Depp zurückzuführen, der ihn mit rumgetränktem Blick und torkelndem Gang verkörpert. Nun fand sich das Trio Jerry Bruckheimer, Gore Verbinski und Johnny Depp erneut zusammen, um sich einem weiteren vergessenen Genre zuzuwenden. Denn trotz vereinzelter Erfolge – Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) und „Open Range – Weites Land“ (2003) sowie Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ (1992) –, schien der Western ebenfalls seit Jahrzehnten erschöpft zu sein. Als Sujet wählte das Trio eine Figur, die in den Vereinigten Staaten einen ähnlichen Bekanntheitsgrad besitzt wie in Deutschland Karl Mays „Old Shatterhand“, den „Lone Ranger“. Die Figur des „maskierten Rangers“ entstand in den 1930er Jahren. Durch die in einem Zeitraum von 21 Jahren ausgestrahlte Radiohörspielserie nahm sie einen festen Platz in der amerikanischen Kultur ein, der etwa Woody Allen in „Radio Days“ (1987) ein Denkmal setzte. Später gesellten sich eine Fernsehserie dazu, die in Deutschland unter dem Titel „Die Texas Rangers“ ausgestrahlt wurde, sowie Comics, Romane und Filme.

Der Film greift alle Klischees des klassischen Westerns auf

Das Drehbuch von Justin Haythe sowie Ted Elliott und Terry Rossio, die bereits die Skripte für die „Fluch der Karibik“-Filme verfasst hatten, beginnt mit einer 1933 in San Francisco angesiedelten Rahmenerzählung. In einer Jahrmarkt-Westernshow begegnet ein kleiner Junge mit Cowboyhut und Maske dem gealterten Komantschen Tonto (Johnny Depp), der in ausgedehnten Rückblenden von seinen zusammen mit dem Lone Ranger erlebten Abenteuern erzählt. So führt die Handlung ins Jahre 1869 nach Colby, Texas. In einem Zug begegnen sich Tonto und John Reid (Armie Hammer), der als junger Anwalt in den Wilden Westen zurückkehrte, um seinem Bruder, dem Texas Ranger Dan (James Badge Dale), zu helfen. Die beiden sitzen aneinandergekettet und bewacht in einem Viehtransportwaggon. Nachdem ihnen die Flucht gelungen und John Reid zum Hilfs-Ranger ernannt worden ist, macht er sich mit seinem Bruder und ein paar Männern auf die Suche nach dem berüchtigten und brutalen Verbrecher Butch Cavendish (William Fichtner). Dieser bereitet den Rangern jedoch einen Hinterhalt, bei dem alle bis auf John getötet werden. Tonto findet den jungen Anwalt halbtot. Nachdem sie ihn gesundgepflegt hat, begeben sich die beiden auf die Jagd nach Cavendish. Bei der Suche nach dem Outlaw begegnen Tonto und John Reid, der nun die berühmte Maske trägt, dem Eisenbahner Cole (Tom Wilkinson), dessen Rolle lange im Unklaren bleibt.

Bereits zu Beginn etabliert Regisseur Gore Verbinski John Reid als neuen „Zorro“: Der kultivierte Jurist mit feinen Manieren und deplatziert wirkender Kleidung verspürt keine Lust, Waffen zu tragen, bis sich eben seine zweite Persönlichkeit unter der Maske durchsetzt. „Lone Ranger“ dekliniert alle Klischees des klassischen Westerns, die sich um den Bau der Eisenbahnlinie ranken, die quer durch die Vereinigten Staaten Ost und West vereinigen soll. Als da sind die Indianer, deren Büffel-Jagdgründe dadurch zerstört werden, die Züge überfallenden Banditen, aber etwa auch der Prediger mit seiner Gemeinde oder auch die verwitwete Frau mit Kind in der Person von Johns Schwägerin (Ruth Wilson) oder die Bordell-Besitzerin mit gutem Herzen (Helena Bonham Carter). Klassisch nehmen sich insbesondere die Aufnahmen von Monument Valley aus, das Kameramann Bojan Bazelli wie in einem John Ford-Film fotografiert. Die Filmmusik von Hans Zimmer erinnert lediglich ab und zu an die „Fluch der Karibik“-Musik. Zu der typischen, an Ennio Morricone gemahnenden Western-Musik kommt beim furiosen Finale, als gleich zwei Züge ineinander rasen, Gioacchino Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre, die Titelmelodie der Radio- und Fernsehserie „Lone Ranger“, hinzu.

„Lone Star“ verfügt im Bösewicht Butch Cavendish über einen verrückten Mörder, dessen Brutalität den Film für Kinder ungeeignet macht. Dramaturgisch besteht aber das Problem von „Lone Ranger“ darin, dass die Hauptfigur gar nicht der maskierte Rächer, sondern der Komantsche Tonto ist. Diese wird nicht nur von dem weitaus bekannteren Schauspieler verkörpert, der mit seiner Körpersprache Assoziationen an seine berühmte Captain Sparrow-Rolle weckt. Darüber hinaus wird seine ihn mit Schuld beladende Vergangenheit beleuchtet. Diese ebenfalls in Rückblenden erzählte Episode ist bezeichnend für den Versuch, dem in unzähligen Western propagierten Zerrbild der Indianer als grausame, Weiße überfallende und tötende Rothäuter entgegenzuwirken. Die historisch korrekte Darstellung der Ausrottung der Indianer mit den Elementen des klassischen Westerns in Einklang zu bringen, gelingt „Lone Ranger“ nicht immer, ebenso wenig den richtigen Ton zwischen Klamauk und Tragödie zu finden. Dennoch ist Gore Verbinski ein trotz seiner Länge von zweieinhalb Stunden kurzweiliger Abenteuerfilm gelungen, der eine lange Zeit in Vergessenheit geratene Figur wieder zur Geltung bringt.