Ungläubiger Denkstoff für gottesgläubige Denker

Herbert Schnädelbach, Heiner Hastedt und Geert Keil wollen die Gegenwartskultur gegen den Vorwurf des ethischen Relativismus verteidigen

Wenn ein philosophisches Buch den Titel trägt „Was können wir wissen, was sollen wir tun? Zwölf philosophische Antworten“, dann läuten alle kantischen Alarmglocken. Denn diese beiden Fragen zählen in der Tat zu den drei von Immanuel Kant gestellten, mit denen er die Generalfrage „Was ist der Mensch?“ beantworten möchte, unterschlagen aber die dritte, die der Philosoph Kant für ebenso bedeutsam hält, nämlich was die Menschen hoffen dürfen, also die religiöse Frage.

Die zeitgenössischen Philosophen Herbert Schnädelbach, Heiner Hastedt und Geert Keil haben nun in ihrem Buch mit diesem Titel den kantischen anthropologischen Fragenkatalog um die religiöse gekürzt und dokumentieren damit zweierlei: Sie legen erstens nahe, dass religiöses Fragen und religiöses Wissen nicht mehr zwingend bedacht werden muss, wenn man den Menschen verstehen will – dazu reichen Erkenntnistheorie und Ethik hin, auch wenn die Herausgeber in ihrem Vorwort versichern, dass sie die religiöse Frage „nicht aus den Augen verlieren wollen“. Das tun sie in der Tat nicht, aber sie sprechen ihr gleichwohl jede binnenkulturelle Funktion und Autorität ab, zum Beispiel verbindliche Verhaltensnormen formulieren zu können.

Und sie wollen zweitens neben dieser negativen Funktion ihrer „Zwölf philosophischen Antworten“ eine positive herausheben: Dass nämlich in der gegenwärtigen Kultur eben nicht alles „Ansichtssache“ sei, so Schnädelbach, und dass eine säkulare, agnostische, bisweilen dezidiert atheistische Kultur aus sich heraus universal und für alle gültige Erkenntnisse und Verhaltensnormen entwickeln und begründen kann, also der Vorwurf des ethischen Relativismus, der unsere westlichen Gesellschaften orientierungslos mache – und wie ihn etwa Papst Benedikt XVI. ausgearbeitet hat –, die Sache nicht treffe. Die Gültigkeit von bedingtem Wissen und Maximen des Handelns muss nicht in einem unbedingtem Grund fundiert sein, lautet die These.

Die Lektüre macht auch mit den Schlüsselwörtern der heutigen säkularen Kultur wie zum Beispiel Fairness, Achtsamkeit oder Toleranz bekannt. Daran lässt sich das Anliegen der Autoren gut studieren. Heiner Hastedt definiert zum Beispiel Toleranz als „Teil der anspruchsvollen Haltung des universalistischen Pluralismus und einer Orientierung an Freiheit, die keineswegs mit einer relativistischen Akzeptanz von allem und jedem gleichzusetzen ist. Entsprechend ist das Gegenteil von Toleranz die Intoleranz und nicht die Indifferenz, die Ausdruck einer Egal-Haltung ist. Nicht Gleichgültigkeit wird propagiert, sondern eine handlungsbezogene Nichtsanktionierung des eigentlich Abgelehnten.“

Wie hier aus Substanzbegriffen, um mit dem Kulturphilosophen Ernst Cassirer zu sprechen, Funktionsbegriffe gemacht werden, und wie diese Strategie dann doch Auswirkungen auf die Gültigkeit von Inhalten und vergleichgültigende Folgen hat, ist etwa für naturrechtlich oder metaphysische denkende Leser eine höchst spannende Denkaufgabe. Dieses Buch sollte gerade von denjenigen, die sich theoretisch über die Gründe und Folgen des ethischen Relativismus Gedanken machen, gelesen werden, nicht weil sie mit dem dort Gesagten übereinstimmen, sondern weil sie daran ihr eigenes Argumentieren schulen und präzisieren können. So profitieren gerade die, die eben doch das Unbedingte, also Gott, für das moralische Wesen des Menschen als unabdingbar behaupten, von der Lektüre dieses Bandes.