Tyrannentötung

Die Tyrannentötung ist ein uraltes moralisches Problem – mit Osama bin Laden ist es neu ins Bewusstsein getreten. Geklärt ist auch immer noch nicht die Frage, ob ein geglücktes Attentat gegen den deutschen Tyrannen im Nationalsozialismus, Adolf Hitler, wirklich gerechtfertigt werden konnte. Und was passiert mit Muammar al-Gaddafi in Tripolis? Von Clemens Breuer

Die Frage nach der moralischen Rechtfertigung der Tyrannentötung ist so alt wie die Menschheit selbst, doch hat sie seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 eine jüngste Aktualität erhalten, zumal der damalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, damals verlautbarte, dass er den mutmaßlichen Drahtzieher des Anschlags, Osama bin Ladin, tot oder lebendig haben wolle.

Knapp zehn Jahre später nun hat Amerika Osama bin Laden in seinem Wohnhaus in Pakistan ausfindig machen und töten können. Der anfänglichen Pressemitteilung, dass Bin Laden sich gewehrt habe, da Waffen in dem Raum waren, in dem er sich aufhielt und mit denen er sich hätte verteidigen können, folgte alsbald die „Vermutung“, dass die amerikanischen Soldaten Bin Laden – statt zu töten – auch lebend hätten festnehmen können. Der moralisch korrektere Weg, einen unbewaffneten Verbrecher lebend festzunehmen und vor ein Kriegsverbrechertribunal zu stellen, musste vermutlich zugunsten politischer Überlegungen weichen. Was mit dem libyschen Machthaber Muammar al Gaddafi passieren wird – auch das steht noch in den Sternen.

Wenngleich die Thematik in der Literatur fast ausschließlich unter der Bezeichnung „Tyrannenmord“ abgehandelt wird, soll nachfolgend die Bezeichnung „Tyrannentötung“ verwendet werden. Eine Verharmlosung der Thematik – in Richtung einer moralischen Unbedenklichkeitserklärung – soll damit in keiner Weise Vorschub geleistet werden. Vielmehr soll damit ausgedrückt werden, dass die moralische Problematik primär nicht im „Morden“ liegt. Ein „Mord“ kann niemals ein moralisch legitimes Mittel sein. Der „Mord“ bezeichnet definitionsgemäß die Tötung eines oder mehrerer Menschen aus niedrigen Beweggründen (ein bestialischer, feiger, grausamer, heimtückischer, politischer Mord), wobei die niedrigen Beweggründe dann vorliegen, wenn diese nach allgemeiner sittlicher Anschauung verachtenswert sind und auf der tiefsten Stufe, wie etwa krasser Eigensucht, stehen. Zum einen läge ein „Mord“ immer dann vor, wenn die Ermordung eines Herrschers durch einen privaten Einzelnen auf eigene Verantwortung oder auf Veranlassung einer parteipolitischen Minderheit hin erfolgen würde. Zum anderen läge ein „Mord“ ebenfalls vor, wenn es sich um die Tötung eines nicht durch Gewaltmissbrauchs zum Usurpator gewordenen legitimen Herrschers handelt, sowie um einen Usurpator, dessen Gewalt Rechtsgewalt geworden ist und nicht missbraucht wird.

Die moralische Problematik des „Umbringens“ eines Tyrannen liegt in erster Linie in der „Tötung“ eines Menschen (Totschlag) im umfassenden Sinne, für die das Gericht im Unterschied zum Mord keine niedrigen Beweggründe geltend macht und eine – im Vergleich zum Mord – mildere Strafe vorsieht. Eine Deckungsgleichheit in moralischer Hinsicht von „Morden“ und „Töten“ bestände nur, wenn das „Umbringen“ eines Tyrannen in jedem Fall immer eine moralisch verwerfliche Tat darstellen würde. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass das „Umbringen“ eines Tyrannen differenzierter zu betrachten ist, da es keineswegs zwangsläufig den klassischen Kriterien eines Mordes entspricht.

Wenn wir die Geschichte – bis in die Gegenwart hinein – bezüglich Verschwörungen im Allgemeinen und Tyrannentötung im Speziellen betrachten, so ergibt sich ein schillerndes Bild, das von Tyrannenstürzen zur Rettung der Freiheit bis zu Staatsstreichen zur Errichtung willkürlicher Herrschaft reicht. Gleichwohl hat die Geschichte ein ehrenvolles Gedächtnis Menschen bewahrt, deren Taten auf die Tötung eines Tyrannen zielten und die ihre Niederlage, wie die ihrer Idee der Freiheit, mit dem eigenen Tod bezahlt haben.

Anhand der Aufzählung positiver Wirkungen der Tyrannentötung wird deutlich, dass die moralische Beurteilung damit noch keineswegs geklärt ist, da jeder einzelne Fall sehr facettenreich erscheint und sich einer leichtfertigen Entscheidung in der einen oder anderen Richtung entzieht.

In der außerchristlichen Antike ist die Tyrannentötung häufig verübt und moralisch für rechtmäßig erklärt worden. In der griechischen Antike ließ man zeitweise die Bürger einen Eid auf die Demokratie schwören, der beinhaltete, dass man einen Tyrannen, der die Demokratie vernichten will, umbringen soll. Bei Aristoteles ist die moralische Unbedenklichkeit der Tyrannentötung eindeutig ausgesprochen und bei Cicero gleicht der Tyrann abgestorbenen Gliedern, die früher oder später dem ganzen Volkskörper zum Verhängnis werden, weswegen die Beseitigung der Ursache für das Volk lebensnotwendig erscheint.

In der christlichen Antike haben sich einzelne Kirchenväter mit einer gewissen Zurückhaltung die positive Bewertung der Tyrannentötung in der Antike zunutze gemacht, ohne für sich selbst eine solche „ultima ratio“ in Erwägung zu ziehen, oder anders ausgedrückt: Man scheut vor der letzten Konsequenz zurück, hält aber an der aus der Antike überkommenen Legitimität des Tyrannenmordes fest. Thomas von Aquin knüpft an die bereits in der Antike vorzufindende Unterscheidung eines legitimen Herrschers (Tyrann durch Ausübung) und eines Usurpators (Tyrann ohne Titel) an. Während gegen den legitimen Herrscher nur mit gesetzlichen Mitteln angegangen werden darf, ist es erlaubt, den Usurpator mit allen Mitteln zu bekämpfen und gegebenenfalls zu töten. Indem Thomas den Tyrannen dadurch charakterisiert, dass dieser von der Sorge um das Gemeinwohl abweicht und nur seinen persönlichen Vorteil sucht, mahnt er, einen Tyrannen, der nicht allzu streng ist, besser eine Zeit lang zu erdulden, als sich durch Unternehmungen gegen ihn in zahlreiche Gefahren zu verstricken: Bisweilen kommt es auch vor, dass – sobald das Volk mit jemandes Hilfe den Tyrannen vertrieben hat –, jener nach Erlangung der Macht sich selbst die Gewaltherrschaft anmaßt. Aus Furcht, von einem das zu erleiden, was er selbst einem anderen angetan hat, unterdrückt er die Untergebenen mit noch schlimmerer Knechtschaft. So pflegt es nämlich bei einer Tyrannis einzutreten, dass die folgende schlimmer wird als die vorherige.

Während der Tyrann von den vorangegangenen Bedrückungen nicht ablässt, denkt er sich selbst aus der Bosheit seines Herzens noch neue hinzu. Thomas weist jedoch nicht nur aufgrund der großen Wahrscheinlichkeit des Eintretens negativer Folgen die Tyrannentötung für sittlich nicht gerechtfertigt zurück, sondern er missbilligt diese auch im Grundsätzlichen.

In der Neuzeit setzte sich zunehmend die (rechtsphilosophische) Auffassung durch, dass es nicht erlaubt sei, einen Tyrannen zu töten. Indem Thomas Hobbes die staatliche Autorität auch in moralischer Hinsicht als Autorität schlechthin betrachtet, ist die Abschaffung der Tyrannis oder gar die Tyrannentötung unmöglich. „Tyrann“ ist für Hobbes nur eine Bezeichnung der Untertanen für einen missliebigen Herrscher. Die zu „Untertanen“ gewordenen Bürger haben passiv Gehorsam zu leisten, sofern nicht das natürliche Recht verletzt wird. In einem solchen Fall sind die Beherrschten gegebenenfalls zur Gehorsamsverweigerung, keinesfalls aber zu aktivem Widerstand befugt.

Adolf Hitler hat etwa vierzig Attentate überlebt. Rückblickend stellen wir fest, dass es unterschiedlichste Auffassungen zu den einzelnen Attentatsversuchen gegeben hat, die von einer Verdrängung und Verächtlichmachung in der privaten Erinnerung, bis zu einer Heroisierung in der öffentlichen Geschichtsschreibung reichen.

Das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, das er am 20. Juli 1944 unternommen hat, war keine kurzfristig geplante Aktion, sondern die Idee einer ganzen Gruppe von Persönlichkeiten, die sich im Gewissen verpflichtet sahen, der tyrannischen Herrschaft Hitlers ein Ende zu bereiten. Der 20. Juli 1944 stellt in gewisser Weise einen End- und Höhepunkt einer seit 1943 andauernden Folge von Attentatsversuchen dar.

Rückblickend wird erkennbar, dass es sich bei der Bewegung des 20. Juli um Verschwörer gehandelt hat, deren gemeinsame Gegnerschaft zum Nationalsozialismus Ansätze einer demokratischen Politikkonzeption und einer milieuübergreifenden politischen Bewegung heraufführte. Das Kriterium der „Aussicht auf Erfolg“ der Attentate konnte in der damaligen Situation kaum realistisch eingeschätzt werden. Der Widerstand wurde von den Verschwörern derart vorbereitet, dass sein „Erfolg“ (die Tötung des Tyrannen) vernünftigerweise hätte erwartet werden können. Mit Blick auf den 20. Juli ist sogar die Auffassung vertreten worden, dass in äußersten Ausnahmefällen der Widerstand auch dann rechtmäßig sein kann, wenn die Hoffnung auf äußeren Erfolg unsicher, ja gering ist; in äußerster Lage kann das bloße Aufrichten eines Fanals, eines weithin leuchtenden Zeichens dafür den Widerstand rechtfertigen, dass sich überhaupt noch Kräfte des Guten, des Mutes und der Selbstaufopferung gegen die Herrschaft des Unrechtes zu erheben wagen, und so die Ehre des eigenen Volkes retten. Grundsätzlich gilt somit, dass letztlich nicht der faktische Erfolg für die sittliche Beurteilung ausschlaggebend ist, sondern die verantwortungsbewusste Bereitung auf den Erfolg.

Zu der Ungewissheit des Eintretens der Tötung Hitlers kommt hinzu, dass damit keinesfalls garantiert gewesen wäre, dass die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten nach seinem Tod nicht fortgeführt worden wäre. Doch haben wir heute eine größere Gewissheit, dass nach dem Tod Osama bin Ladens wir dem Frieden ein Stück nähergekommen sind? Wohl kaum. Wir können lediglich versuchen, die Umstände sorgfältig abzuwägen. Es ist Lehre der katholischen Moraltheologie, dass jemand keine Sünde begeht, wenn er nach einer vernünftigerweise überhaupt möglichen und persönlich ehrlichen inneren Überzeugung handelt. Eine generelle Billigung der Tyrannentötung schließt sich insofern aus, da der Begriff „Tyrann“ nicht in jeder Hinsicht klar definiert werden kann. So wie bei jedem aktiven Widerstand zunächst alle verfassungsmäßigen Mittel zur Abwendung der Notlage ausgeschöpft werden müssen, umso mehr muss das in Erwägung ziehen der Tyrannentötung in einen gewissenhaften Abwägungsprozess integriert sein.

Letztes Motiv der Tyrannentötung kann nur Notwehr sein. Ein Volk, das auf Dauer von einem Tyrannen regiert wird, der unsägliches Leid über das eigene Volk oder/und über fremde Völker bringt, verwirkt seinen Auftrag der legitimen Regierung. Hitler ist zum Verräter am Gemeinwohl geworden und hat sich damit als nicht mehr des Hochverrats fähig erwiesen.

Wenngleich die Absicht der Männer vom 20. Juli sittlich verteidigt werden kann, ist damit nicht in jedem Fall von jedem zu verlangen, dass man mit den praktischen Wegen, die diese beschritten haben, unbedingt einverstanden sein müsste. Vielmehr kann man über objektive Fragen diskutieren, ohne gleichzeitig die subjektiv-persönliche und sittlich saubere Haltung der Widerstandskämpfer bezweifeln zu müssen. Die politische Wirklichkeit stellt sich häufig als sehr komplex dar und schwer durchschaubar heraus, wobei nicht selten rasche Entschlüsse gefordert werden, die eine Gewissensentscheidung notwendig machen.