Türkischen Medien fehlt ein differenziertes Bild von Europa

In Deutschland gibt es schon Spekulationen über eine Zusammenarbeit mit dem Medienmarkt in der Türkei

Sind es die – mitunter sehr emotional geführten – politischen Diskussionen über die Rolle und den Anspruch der Türkei als vollwertiges Mitglied der europäischen Wertegemeinschaft westlicher Provenienz, die oftmals den ungetrübten Blick auf die großen Chancen und vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten des Landes am Bosporus verstellen? „Man ist zuweilen nicht sehr gut informiert über das Potenzial der jeweiligen Länder“, stellt Holger Hey diplomatisch fest und fügt hinzu: „Es gibt mehrere Bereiche, in denen sich der deutsch-türkische Austausch enorm dynamisieren lässt.“ Dabei zielt der Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (TDIHK) mit dieser Bemerkung dieses Mal nicht auf die bekannten traditionellen Bereiche wie Textilgewerbe oder Maschinenbau, sondern auf die Medienwirtschaft. Das mag überraschen, und überraschend ist es selbst für viele Medienschaffende und -interessierte, zu erfahren, welch rasantes Wachstum die türkischen Medien in den vergangenen 20 Jahren geschafft haben – und wohl weiter schaffen werden, wie der Abend „Medienmarkt Türkei – Chancen und Perspektiven“ bei der Deutschen Welle (DW) in Bonn in Kooperation mit dem Arbeitskreis Medien der CDU Köln eindrücklich belegte.

Stichwort Hörfunk und Fernsehen: 1987 gab es in der Türkei jeweils eine Sendeanstalt. Gegenwärtig gibt es einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sowie über 420 private Sender, im Bereich Hörfunk sind es über 1 100. Stichwort Film: Nach einer langen Phase der Rezession werden seit 2000 wieder türkische Filme gedreht, gegenwärtig rund 2 000 im Jahr. In den Kinos des Landes wurden im vergangenen Jahr über 36 Millionen Besucher gezählt. Tendenz steigend. Stichwort Internet und Mobilfunk: 27 Millionen Türken sind online, fast 70 Millionen mit Mobiltelefonen ausgestattet.

Wie deutlich sich gerade im Bereich der elektronischen Medien immer mehr Synergien und Kooperationsansätze identifizieren lassen, zeigt sich dabei nicht nur in der wachsenden Bedeutung der Zusammenarbeit von deutschen Fernsehproduktionsfirmen mit türkischen Sendern und Produzenten. Auch in der alltäglichen Praxis gewinnen nach den Erfahrungen von Dirk Budach, Geschäftsführer der Kölner Medienproduktionsgesellschaft Apollo, die Kooperationen von deutschen und türkischen Medienmachern immer mehr an Bedeutung.

„Wir müssen gerade in der Medienarbeit Mut haben, neue Ansätze zu finden“, ergänzt Holger Hey in diesem Zusammenhang und kündigt für Dezember die Gründung eines Arbeitskreises Medienwirtschaft in der TDIHK an. Aufgabe der Kammer sei es ja auch, in der Türkei mehr über Deutschland zu informieren. Die Verantwortlichen für Medienpolitik in Nordrhein-Westfalen werden es mit Wohlgefallen goutieren. „Wir brauchen in der Medienwirtschaft einen viel globaleren Blickwinkel, um nachhaltig Synergien zu etablieren“, fordert der medienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Thomas Jarzombek. Eine Synergie hebt er besonders hervor: „Medienarbeit ist auch Integrationsarbeit.“ Es klingt fast wie eine brave politische Phrase, und doch gibt es zwei harte Faktoren, die dieser Aussage besonderes Gewicht verleihen. Zum einen will Deutschlands Medienland Nummer Eins natürlich vorne mit dabei sein, wenn sich im Zuge der wirtschaftlich ohnehin erfolgreichen bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei die Medienwirtschaft als erfolgreiche und gewinnbringende Branche etabliert. Dabei darf aber auch nicht die medienpolitische Verantwortung hinsichtlich ihrer vornehmen Aufgabe als Bindeglied und Katalysator für den interkulturellen Austausch außer Acht gelassen werden. Das türkische Programm der Deutschen Welle etwa produziert mit 13 Mitarbeitern drei Radioprogramme, die über türkische Partnersender ausgestrahlt werden, zudem wird ein türkisches Onlineprogramm angeboten. Zum anderen, und das ist der zweite Hintergrund für die Einordnungen des CDU-Politikers, gilt es, eine bemerkenswerte sozialdemographische Komponente im Auge zu behalten. Denn Bevölkerungsstatistiker prognostizieren für das Jahr 2015, dass jeder vierte Jugendliche in einer deutschen Großstadt zumindest einen türkischen Elternteil hat. Folgerichtig erkennt der CDU-Medienexperte Jarzombek gerade mit Blick auf die Branche Computerspiele „als ein Jugendliche immer stärker prägendes Medium“ hier vielversprechende Ansätze für nachhaltige und globale Kooperationen. Bei allem Optimismus darf jedoch nicht übersehen werden, dass der türkische Medienmarkt auch noch erhebliche Defizite aufweist. „Von der Vielfalt der Inhalte her ist er mit dem deutschen Markt vergleichbar, was aber fehlt, sind eine feste Medienordnung und Regulierung“, fasst der Leiter des Türkischen Programms der Deutschen Welle, Baha Güngör, zusammen. So gebe es im Bereich Hörfunk beispielsweise keine Frequenzenfestlegung und -ausschreibung. Ein Einfallstor für Unordnung in dieser Situation – aber auch eine Chance – sei auch die Möglichkeit für internationale Investoren, sich mit bis zu 25 Prozent an türkischen Fernsehsendern zu beteiligen. Zudem seien viele Medien das Anhängsel großer Unternehmen und Konzerne.

In diese Aufzählung gehört, gleichwohl an diesem Abend in Bonn unerwähnt, auch die Situation des türkischen Printmarkts. Die Gesamtauflage der vielen, weit ausdifferenzierten türkischen Druckerzeugnisse liegt unbestätigten Angaben zufolge unter fünf Millionen Exemplaren. Eine der auflagenstärksten Zeitungen des Landes, Hürriyet, verkauft in der Türkei dem Vernehmen nach gerade einmal 600 000 Exemplare, im westeuropäischen Ausland mit vier Millionen Türken sind es lediglich 60 000. So mögen die Kooperationsmöglichkeiten im Printbereich wohl eher nur im Sinne eines Crossover-Publishing-Konzepts, also unter der Einbeziehung von Online und elektronischen Medien, erfolgversprechend sein.

Auch wenn der türkische Medienmarkt insgesamt „noch nicht so europäisch und die Vielfalt der Programmqualität nicht immer gut ist“, so Programmchef Güngör, gebe es doch durchaus Ansätze zur Veränderung und Verbesserung. Insbesondere auch durch die verstärkte Zusammenarbeit mit deutschen Medien erhoffe er sich „mehr Wertevermittlung und ein differenzierteres Bild über Europa“. Was dafür allerdings außerdem zwingend erforderlich sei, so TDIHK-Geschäftsführer Hey, „ist dabei eine engere Vernetzung auf den politischen Ebenen“. Und noch ein Indiz für strukturelle Veränderungen auf dem türkischen Medienmarkt wurde angesprochen: die seit einiger Zeit bestehende Ethikkommission. Güngör: „Damit hätte Dieter Bohlen keine Chance im türkischen Fernsehen.“ Ob das türkische Fernsehen in diesem Fall nicht doch dem deutschen einen Schritt voraus ist?