Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft

Erschreckendes Unwissen der Jugend über die DDR – Kultusminister sind mitverantwortlich für die Verklärung der Diktatur

Neu war die Nachricht nicht, sie war als Vorabmeldung bereits zur Jahreswende 2007/2008 durch die Presse gegangen. Dennoch hat sie erneut erschüttert: Laut einer Studie des „Forschungsverbundes SED-Staat“ der Freien Universität Berlin (Titel „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?“; 760 Seiten; wissenschaftlicher Leiter: Professor Klaus Schroeder) ist das Wissen deutscher Schüler um die Zustände in der DDR höchst defizitär. Jedes einzelne Detailergebnis dieser Studie ist für sich skandalös und erschreckend. Zum Beispiel: Bayerische Schüler können die Verhältnisse in der DDR – auf niedrigem Niveau – noch am ehesten einschätzen; bayerische Hauptschüler wissen über die DDR sogar mehr als Brandenburgs Gymnasiasten. In Brandenburg und in Ost-Berlin dagegen findet in Sachen DDR geradezu eine Verklärung statt. Und auch sonst herrscht zeitgeschichtlicher Analphabetismus vor: Mehr als die Hälfte der Schüler kennt das Jahr des Mauerbaus nicht. Nur jeder Dritte weiß, dass die DDR die Mauer gebaut hat. Ebenfalls jeder dritte Schüler hält Konrad Adenauer und Willy Brandt für DDR-Politiker, und Honecker ist angeblich demokratisch legitimiert gewesen. Die Stasi sei im übrigen ein ganz normaler Geheimdienst gewesen.

Die DDR als „Ausland“

Schüler aus Ost-Berlin sehen die DDR mit einem Anteil von 48 Prozent nicht als eine Diktatur. 71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz hatte. Außerdem sei es den Rentnern dort besser als in der Bundesrepublik gegangen, und auch die Umwelt sei in der DDR sauberer gewesen als in der Bundesrepublik. So weit die erschreckendsten Ergebnisse der Studie, an der insgesamt 5 000 Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren aus Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern beteiligt waren.

Dieser Skandal hat eine Vorgeschichte, die dreißig Jahre zurückreicht. Rekapitulieren wir: Am 23. November 1978 hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) ihren Beschluss „Die Deutsche Frage im Unterricht“ gefasst. Dort hieß es: „Das Bewusstsein von der deutschen Einheit und der Wille zur Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit ist wachzuhalten und zu entwickeln ... Im Rahmen dieser umfassenden Aufgabe haben die Bildungseinrichtungen, vor allem die Schulen, einen besonderen Beitrag zu leisten.“ Dieser KMK-Beschluss ist seinerzeit aus einer bestimmten politischen Ecke heftigst kritisiert worden. Es war die Rede von „Deutschtümelei“ und Schlimmerem. Dabei hatte dieser Beschluss nur vollzogen, was das Gebot des Grundgesetzes war, nämlich – so die damalige Präambel – dass das gesamte Deutsche Volk aufgefordert bleibt, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“ Zehn Jahre später, 1988, galt es, erstmals Bilanz zu ziehen. Über das Ergebnis musste man bedrückt sein: überall ein Vakuum an deutschlandpolitischem Bewusstsein und an deutschlandpolitischen Kenntnissen unter Jugendlichen. Damaligen Untersuchungen zufolge war nur noch ein Viertel der Jugendlichen der Auffassung, dass beide Staaten in Deutschland eine Nation darstellten. Die Hälfte der Jugendlichen hielt die DDR gar für Ausland. 60 Prozent hatten keine Vorstellung vom Unterschied etwa zwischen einem Volkskammer- und einem Bundestagsabgeordneten. 70 Prozent konnten keine Aussage über den unterschiedlichen Umgang der Bundesrepublik und der DDR mit der Menschenwürde machen.

Damit rächte sich, dass der KMK-Beschluss von 1978 nur auf dem Papier existierte. Manchem damaligen SPD-Kultusminister war die unterrichtliche Behandlung der Zweistaatlichkeit und der Verletzungen der Menschenrechte in Südamerika oder in Südafrika wichtiger als die Einheit der Nation oder als Menschenrechtsverletzungen in der DDR. Hinzu kam: Nicht nur ein guter Teil der bundesdeutschen Medien, sondern auch viele Schulbücher zeichneten sich durch ein schöngefärbtes Bild der DDR aus. In manchen Schulbüchern SPD-regierter Länder wurde die DDR mit Glacéhandschuhen angefasst, zugleich wurde der demokratische Verfassungsstaat der Bundesrepublik unzureichend, ja gar höchst „systemkritisch“ dargestellt. Die Folge solcher Schulbuchproduktionen war, dass manch wache ostdeutsche Schule nach der Wende gerade in den Fächern Geschichte und Sozialkunde/Politik einen westdeutschen Schulbuch-Import nicht haben wollte und so manches gespendete Buch zurückschickte.

Ende September 1995, fünf Jahre nach der deutschen Einigung, hätten die Kultusminister oder die KMK erneut die Chance gehabt, sich als deutschlandpolitisch mündig zu erweisen. Die KMK konnte sich aber auf ihrer Sitzung vom 28./29. September 1995 in Halle/Saale nicht auf die Verabschiedung einer Empfehlung mit dem Titel „Darstellung Deutschlands im Unterricht“ verständigen. Der vierzehnseitige Entwurf dazu, der ein Jahr nach der Einigung im Oktober 1991 in Auftrag gegeben und danach ohnehin reichlich rundgeschliffen worden war, wurde von der KMK nur „zur Kenntnis genommen“. Flankiert war das Nicht-Zustandekommen eines KMK-Beschlusses unter anderem von Äußerungen Reinhard Höppners, des damaligen SPD- Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, dass die ehemalige DDR im KMK-Entwurf zu schlecht wegkomme und die KMK es versäumt habe, „das Recht der Ostdeutschen auf ihre Selbstdarstellung zu fördern.“ Ja mehr noch: Die PDS meinte gar verlauten lassen zu müssen, dass „eine Beschäftigung mit Diktaturen künftig kein Schwerpunkt im Geschichtsunterricht“ sein solle. Letztlich ist das KMK-Papier also am Widerstand der PDS-geduldeten Minderheitsregierung von Sachsen-Anhalt gescheitert. Der dort zu dieser Zeit amtierende Kultusminister, Heinz Reck (SPD), erklärte, die neuen Länder könnten sich in diesem Papier nicht wiederfinden. Es passte Reck nicht, dass in dem KMK-Entwurf ein Blick auf das Unrecht in der DDR, auf die Verfolgung in der DDR und auf die Massenflucht aus der DDR geworfen wurde. Das KMK-Papier, so Reck, erinnere ihn an „SED-Propaganda, nur mit veränderten Vorzeichen“, und er verwahrte sich dagegen, dass die DDR darin als „System politischer Unfreiheit“ bezeichnet werde.

Wenigstens waren einzelne Länder, wie Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen, bereit, die Empfehlung im Herbst 1996 in den eigenen Schulen umzusetzen. Alle anderen aber haben sich zum wiederholten Male als deutschlandpolitisch unmündig erwiesen und mit impliziten Etikettierungen des vorliegenden KMK-Entwurfes als „Propaganda“ oder als „verordnetes Geschichtsbild“ ein sehr fragwürdiges Verständnis von freiheitlichem Rechtsstaat erkennen lassen.

„Hang zur Eindeutigkeit“

Zurück zur aktuellen Studie der Freien Universität Berlin. Deren Ergebnis kann vor dem Hintergrund des dargestellten Versagens zahlreicher Kultusminister gar nicht überraschen. Überraschen kann da auch nicht, dass die Zahlen junger ostdeutscher Besucher im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen dramatisch rückläufig sind. Statt aber wenigstens jetzt Konsequenzen zu ziehen, ist sich Berlins Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) nicht zu schade, die Seriosität der Studie anzuzweifeln. Man vergegenwärtige sich: Berlin wird rot-rot regiert. Zöllner hat jedenfalls einen einschlägig fixierten Hamburger Geschichtsdidaktiker namens Bodo von Borries beauftragt, die Schroeder-Studie zu begutachten. Denn: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Tatsächlich ließ sich Herr von Borries bereits mit der Aussage vernehmen, die Schroeder-Studie sei „wahnsinnig selbstsicher“ wegen ihres „Hangs zur Eindeutigkeit“. Außerdem meint der Herr Professor aus Hamburg, eine zu intensive Behandlung der DDR-Geschichte würde Schüler eventuell „in Konflikte mit ihren Familien treiben.“ Da fehlt eigentlich nur noch, dass man Margot Honecker, die langjährige DDR-Bildungsministerin, zur Vortragsreise durch ostdeutsche Schulen einlädt. Nachdem die 81-Jährige jüngst in Nicaragua eine Ehrung für ihr Lebenswerk entgegengenommen hat, könnte sie diese Aufgabe – Arm in Arm mit SED-/PDS-Größen – nun sogar als hochdekorierte Pädagogin übernehmen.

Was bleibt? Es bleibt Marie von Ebner-Eschenbachs Warnung: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Will sagen: Wer über DDR nichts weiß, muss den Lafontaines und den Gysis alles glauben. Also könnte erneut die Gesinnung über die Urteilskraft obsiegen. Zudem bestätigt sich wieder einmal ein altes Wort Theodor Adornos: Halbwissen ist nicht die Vorstufe von Bildung, sondern ihr Todfeind. Da sollten sich all diejenigen hinter den Spiegel stecken, die quer durch die Republik dabei sind, gerade auch die Geschichtslehrpläne zu „entrümpeln“.