Trauriger Spaß

Am kommenden Wochenende begehen Katholiken Allerheiligen und Allerseelen, dann kommt Sankt Martin und bald darauf die Advents- und Weihnachtszeit. Für viele Deutsche haben diese christlichen Feiertage längst an Bedeutung verloren. Doch auf die freie Zeit und die Chance zur profanen Nutzung will man nicht verzichten. Was läuft da schief – und warum? Von Klaus Kelle

Diese Friedhofsfigur scheint zu wissen, wie respektlos und ignorant die Deutschen mit den christlichen Feiertagen umgehen. Foto: dpa
Diese Friedhofsfigur scheint zu wissen, wie respektlos und ignorant die Deutschen mit den christlichen Feiertagen umgehe... Foto: dpa

Wer am Heiligen Abend spät durch deutsche Großstädte fährt, entdeckt allerorten gut gefüllte Kneipen. Beim dritten Hefeweizen verblasst dort für viele die Erinnerung daran, das an diesem Abend rund um den Globus der Geburt Jesu gedacht wird, ein epochales Ereignis, das den Lauf der Welt verändert hat. Eine zunehmende Zahl von Menschen verweigert sich in Deutschland der Erinnerung an die eigenen Wurzeln, an christlich-abendländische Traditionen, auf denen unser gesamtes Werte- und Rechtsverständnis beruht. Nirgendwo wird das so deutlich wie bei der Profanisierung der christlichen Feiertage.

Wenn die Katholiken am kommenden Wochenende zunächst Allerheiligen und am nächsten Tag Allerseelen feiern, dann wird das der überwiegenden Mehrheit der Deutschen herzlich egal sein. Manche werden – in den fünf Bundesländern, in denen Allerheiligen gesetzlicher Feiertag ist – klagen, dass es nicht auf dem Freitag liegt, damit man einen zusätzlichen Tag faulenzen kann. Andere werden schimpfen, warum so viele kirchliche Feiertage in der kalten Jahreszeit liegen, wo man gar nicht richtig grillen kann. Politiker werden fordern, das Tanzverbot an derartigen Feiertagen – ebenso am Karfreitag – endlich abzuschaffen, weil es „nicht mehr zeitgemäß“ sei.

Und wer dennoch kurz darüber nachdenkt, um was es an diesen Tagen wohl gehen könnte, wird in großer Zahl zu dem Ergebnis kommen, dass es sicher mit dem sogenannten „Halloween“ zusammenhängt. Es ist ein Elend geworden mit den Deutschen und „ihren“ christlichen Feiertagen. Lediglich bei Weihnachten und Ostern kann eine Mehrheit der Menschen hierzulande überhaupt noch den Grund des Festes benennen. Bei Pfingsten ist inzwischen die Ahnungslosigkeit fast schon zum Standard geworden.

In einer Umfrage des Emnid-Instituts im Jahr 2006 unter 1 001 repräsentativ ausgewählten Personen zum Thema Pfingsten hatten 23 Prozent überhaupt keine Idee, um was es wohl gehen könnte. 31 Prozent antworteten falsch, etwa dass an Pfingsten Jesus auferstanden sei oder dass da die Kreuzigung Jesu stattfand. Immerhin 46 Prozent wussten, dass 50 Tage nach Ostern den Jüngern der Heilige Geist gesandt wurde, damit sie sich auf den Weg machen und das Evangelium überall auf der Welt verbreiten konnten. Die Zahlen sind seither sicher nicht besser geworden. Die Deutschen verlieren den Zugang zum christlichen Glauben, weil sie kaum noch zu den Messen und Gottesdiensten gehen und weil sie christliche Feiertage nur noch als zusätzliche Urlaubstage wahrnehmen, bei denen bloß niemand damit nerven soll, vom Glauben zu sprechen. Und sie verlieren den Zugang durch das Versagen vieler Elternhäuser, des schulischen Religionsunterrichts (so er denn überhaupt stattfindet) und auch wegen so mancher lustlos geführten Kirchengemeinde. Zusammen mit kirchenfeindlichen bis desinteressierten Medien, den vielfältigen Aktivitäten sogenannter progressiver Politiker und kleiner aber eifriger Atheisten-Zirkel ist diese Entwicklung geeignet, den christlichen Kirchen in unserem Land auf lange Sicht gewaltigen Schaden zuzufügen.

Natürlich nimmt jeder die Feiertage gern mit – keine Arbeit, keine Schule –, wunderbar. Und ab dem Spätsommer freut sich der Verbraucher (und mehr noch der Verkäufer) über Marzipankartoffeln und Spekulatius in den Supermarkt-Regalen. Oster- und Weihnachtsferien werden gern genommen, vom betrieblichen Weihnachtsgeld ganz zu schweigen. Aber schon wenn es darum geht, den Karfreitag „still“ zu begehen, also auf Party und Tanz zu verzichten, regt sich Widerstand. Während in den Kirchen des Leidens und der Kreuzigung von Gottes Sohn gedacht wird, wollen andere Leute zeitgleich Partys feiern. Bereits 2007 hatte eine Atheisten-Gruppe in München für den Karfreitag eine „Heidenspaß-Party“ beantragt, die von der Stadtverwaltung verboten wurde, was zwei Jahre später ein Gericht für rechtmäßig erklärte. Im April 2011 demonstrierten auf dem Frankfurter Römerberg mehr als 1 000 Personen gegen das Tanzverbot. Aus der Menge heraus wurde eine Karfreitagsprozession der kroatischen katholischen Gemeinde durch Sprechchöre und Pöbeleien gestört. Piratenpartei und Grüne Jugend wollen das Tanzverbot an stillen Feiertagen kippen, weil dieses „unvereinbar mit einem säkularen Staat“ sei.

Natürlich wollen sie nicht gleichzeitig auch die christlichen Feiertage als nicht vereinbar mit dem säkularen Staat mitkippen, denn wer will schon auf freie Tage verzichten? Im Grunde ist es eine bodenlose Heuchelei, die hier betrieben wird. Natürlich ist es legitim, dass die Politik darüber nachdenkt, ob christliche Bräuche mit allgemeinen Feiertagen für die Bevölkerung begangen werden müssen. Aber Weihnachtsgeld und zusätzlicher Urlaub ja, aber Stille und Beten nein – das ist zumindest dummdreist. Richtig spannend dürfte es noch werden, wenn Forderungen nach eigenen muslimischen Feiertagen in Deutschland ernsthaft geprüft werden. Sind die dann auch für alle Deutschen? Und brauchen nicht auch Juden und Hindus eigene Feiertage in Deutschland?

Die Politik ist das Eine, der mediale Betrieb die andere Seite. Wer etwa am Heiligen Abend einen Blick ins Fernsehprogramm wirft, bekommt das Grausen. Nun könnte man zu Recht einwenden, dass jeder am besten an diesem Abend auf die Glotze verzichten sollte. Doch dies ist ein freies Land, und wer nach Geschenketausch und Festessen die Kartoffelchips-Tüte öffnet und sich auf dem Sofa vor dem Fernsehgerät niederlassen will, hat natürlich das Recht dazu. Dort findet der Zuschauer dann allerdings den üblichen Alltagsschund statt Weihnachtlichem. Horrorstreifen und Alien-Filme inklusive, „Das Schweigen der Lämmer“ als Mittel auf dem Weg zur eigenen Besinnlichkeit. Die Liste deutscher Geschmacklosigkeiten am Heiligen Abend ließe sich mühelos über viele Seiten fortführen, angefangen schon bei den Advents- und Weihnachtsfeiern, die in staatlichen Kindergärten und Schulen zunehmend umbenannt und entchristlicht werden, weil man aus Gründen der Political Correctness auf die Gefühle anders- oder nichtgläubiger Mitbürger Rücksicht nehmen will.

Groteskerweise stört es diese übrigens meistens gar nicht, wenn ihre Kinder im Kindergarten neben einem kerzengeschmückten Weihnachtsbaum singen oder hinter dem Heiligen Martin hoch zu Ross mit selbstgebastelten Laternen durch die Straßen ziehen – wobei gerade linke Politiker in letzter Zeit lieber ein „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ feiern lassen würden, um durch die christliche Figur des Sankt Martin bloß niemand auszugrenzen oder – schlimmer noch – eventuell gar zu missionieren. Es setzt sich fort mit dem Umbenennen von Weihnachtsmärkten zu Winterfesten in Berlin-Kreuzberg, und es endet etwa am Heiligen Abend im Kulturbahnhof Bochum-Langendreer, wenn DJs zur Party unter dem Motto „Holy Shit“ einladen oder wenn in Solingen eine sogenannte „Erotikdiskothek“ zur Swinger-Party bittet. In all diesen Fällen ist unübersehbar, wie sehr die Veranstalter und Aktivisten die Christen und ihren Glauben verachten, während sie alles kaltschnäuzig mitnehmen, was sie an persönlichen Vorteilen für sich daraus ziehen können.

Die Kirchen, die ja zu Demut und Nächstenliebe verpflichtet sind, nehmen es hin. Viele Pfarrer freuen sich dann, wenn an den Hochfesten die Gotteshäuser gefüllt, oft sogar überfüllt sind. Denn wenn Ostern oder Heiliger Abend sind, dann kommen plötzlich all diejenigen, die sich im Alltag weder um die Lehre Christi noch um Kirchen und Glauben scheren, in Massen zu den Altären geströmt. Man will sich ja in Stimmung bringen. Kerzenglanz und Weihrauch, „Oh, Du fröhliche“ und „Stille Nacht“ als Horsd’oeuvre fürs Familienfest. Der Pfarrer soll aber bloß nicht so lange von Vergebung und Verheißung reden, schließlich ist zu Hause der Gabentisch bereitet und die Weihnachtsgans schmort bereits still vor sich hin. Die Tore der christlichen Kirchen stehen jedem offen, immer. Und natürlich ist es wunderbar, dass auch die getauften Nichtgläubigen den Kontakt nicht ganz abreißen lassen wollen. Vielleicht zündet sogar hin und wieder in einer dieser Familien bei einem der Kinder an so einem Abend plötzlich der Funke, und es versteht auf einmal, um was es wirklich geht.

Für die Gläubigen, die immer da sind, und die sich Tag für Tag bemühen, in ihrem Leben Platz für Gott zu schaffen, sind die Invasionen der Traditions-Touristen an den hohen Feiertagen allerdings oftmals eher Zumutung als Grund zur Zuversicht. Da wird während der Messe, sogar während der Eucharistie, gequatscht, was das Zeug hält. Sie kennen die Gebete nicht, sie kennen die Lieder nicht, und es interessiert sie nicht. Sie kommen nicht zu Gott, sondern weil man das eben jedes Jahr so macht. Selbst Jugendliche, die während der Festmesse auf ihren Smartphones spielen, sind keine Ausnahme mehr.

Es ist ein Elend, wie der weltumfassende Glaube, der hunderte Millionen Menschen auf allen Kontinenten tief bewegt und für den nicht wenige Christen schlimmste Verfolgungen erdulden, in unseren reichen Vollkaskogesellschaften an den Rand gedrängt wird. Die Profanisierung der religiösen Feiertage ist dabei ein für jeden sichtbarer Ausdruck dieser unerfreulichen Entwicklung. Dabei sollte man meinen, dass doch jeder Mensch spüren müsste, wie sich an diesen Tagen die Grundstimmung unserer hektischen Gesellschaft verändert. Und ist es wirklich zu viel verlangt, einige wenige Tage im Jahr das eigene Leben zu entschleunigen? Das eigene Leben ein Stück weit herunterzufahren, etwas zu lesen, die Zeit mit der Familie oder guten Freunden nicht nur zu verbringen, sondern zu nutzen – selbst wenn man denn schon religiös unmusikalisch ist, wie der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas sich selbst einmal beschrieb?

Ist es zu viel verlangt, den gläubigen Christen wenigstens an diesen paar Festtagen einmal respektvoll zu begegnen? Im Grunde können einem die Menschen leidtun, die das Besondere des Glaubens und seiner Feste aus ihrem Leben verbannen. Das Besondere eines Tages wie Weihnachten etwa. Eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1914 ist sogar verfilmt worden. Dort standen sich im Dezember in Flandern deutsche und britische Soldaten in erbitterten Kämpfen gegenüber. Ohne Genehmigung ihrer Armeeführung verständigten sich am 24. Dezember Soldaten und dann auch Offiziere auf einen Waffenstillstand. Soldaten beider Länder standen an der Front in Gruppen zusammen, rauchten, sprachen miteinander so weit möglich, zeigten sich Fotos ihrer Familien. Captain C. I. Stockwell von den „Royal Welsh Fusiliers“ notierte im Bataillonsbuch, dass plötzlich sächsische Soldaten mit zwei Fässern Bier erschienen und riefen: „Don't shoot. We don't want to fight today. We will send you some beer.” (Nicht schießen. Wir möchten heute nicht kämpfen. Wir werden Euch etwas Bier schicken.)

Da standen also Deutsche und Briten zusammen, wünschten sich frohe Weihnachten und gingen dann zurück hinter ihre Linien. Den Krieg beendete dieses ungewöhnliche Geschehen natürlich nicht, aber selbst im schlimmsten Kriegsgetümmel spürten die Männer, dass in dieser Nacht alles Unfriedliche deplatziert gewesen wäre. Bleibt zu hoffen, dass dies auch den Kneipengängern unserer Tage am Heiligen Abend nicht entgeht. Und während der stillen Tage, die im November anstehen.