Transzendentes in der Literatur

Zwischen Hölderlin und Hollywood – Das Deutsche Literaturarchiv Marbach veranstaltete eine Tagung über den Schriftsteller Patrick Roth

„Ins Tal der Schatten. Patrick Roths Schreiben zwischen Hölderlin und Hollywood“ – unter diesem Titel fand am vergangenen Wochenende eine wissenschaftliche Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach statt. Zehn Wissenschaftler aus den Bereichen Germanistik, Theologie, Philosophie, Tiefenpsychologie und Filmwissenschaft setzten sich mit dem Werk Patrick Roths auseinander. Jan Bürger, stellvertretender Leiter des Marbacher Archivs erläuterte in seiner Einführung, dass es sich bei dieser Tagung in mehrfacher Hinsicht um eine Novität unter den wissenschaftlichen Tagungen im Hause handle. Zum einen, weil das zu untersuchende Werk noch nicht abgeschlossen sei, zum zweiten sei es eine Besonderheit, da Roths Werk in zwei Genres einzuordnen sei, der Literatur und dem Medium Film. Als drittes „Paradox“ nannte Bürger die Tatsache, dass der zu analysierende Autor persönlich anwesend sei.

Unter diesen drei ungewöhnlichen Prämissen fand eine äußerst ergiebige Standortbestimmung eines – so kann man ohne weiteres sagen – Ausnahmeautors statt. An die jeweiligen Vorträge schlossen sich rege Diskussionen an, wobei sich nicht nur die Referenten untereinander austauschten, sondern auch zahlreiche Fragen und Denkansätze aus dem Publikum in die Erörterungen mit einflossen.

Dirk von Petersdorff eröffnete die Vortragsreihe unter dem Titel „,Als ich aufsah, stand der Engel im Zimmer‘. Religiöse Vorstellungsformen in der Gegenwartsliteratur“. Er führte aus, dass eine derartige Analyse heute – anders als noch vor 20 Jahren – nicht mehr auf Ablehnung innerhalb der Literaturwissenschaft stoße. Man akzeptiere heute, dass der Prozess der Säkularisierung in den letzten 200 Jahren große Bereiche vernachlässigt habe. Eine neue Positionierung lasse sich beobachten, etwa aktuell in der Vergabe des Büchnerpreises an Martin Mosebach mit seinem Blick auf die Entstellungen und Verbiegungen, die die Moderne dem Menschen abverlangt. Durch die Auseinandersetzung mit der religiösen Tradition innerhalb der Literatur und ihrer Rezeption – so von Petersdorff – finde eine Normalisierung statt. In Textbeispielen von Peter Handke und Hans Magnus Enzensberger und in der Diskussion machte der Referent deutlich, dass sich in der Literatur der Moderne Zeichen dafür finden lassen, dass es einen Bereich jenseits des Diesseitigen gebe, nämlich die Transzendenz. Die Literatur sei in besonderem Maße dafür disponiert, einer im Sinne von Novalis sich auf das Absolute, das Göttliche, zubewegenden, es niemals erreichen könnenden Sehnsucht Ausdruck zu verleihen.

Lothar van Laak stellte in seiner Analyse das Werk Patrick Roths in die literarische Tradition der Romantik. Mythos und Alchemie, zwei Begriffe, die Patrick Roth in seinen Poetikvorlesungen als Erklärungsmodelle für sein Schreiben heranzieht, sind konstitutiv romantische Elemente. Ebenso aber auch archetypische Strukturen, auf die Eva Wertenbach-Birkkäuser in ihrem Vortrag näher einging. „Man sucht beim Schreiben einen Halt, nach einem Bild, in welches am geheimnisvollsten schon alles eingegraben scheint. Nach einem Bild, das langsam auszugraben, zu verstehen und so ins Licht zu rücken wäre.“ (Patrick Roth)

Indem der Autor eigene psychische Erfahrungen und Träume in seine Arbeiten einfließen lässt, gewinnen sie übergeordneten Charakter. Patrick Roth knüpft seine Poetik unter anderem an den Mythos des Orpheus, den Gang in die Unterwelt, um ein Totes wieder zum Leben zu erwecken.

Ebenso unternimmt der Autor den Gang „Ins Tal der Schatten“, in die Tiefenschichten der Seele, um darin Vorhandenes durch Erinnern und damit Bewusstmachen, ans Licht, also ins Bewusstsein zu rücken. Schreibend erweckt er ein „Totes“ zum Leben. Der Dialog zum Unbewussten ist in Patrick Roths Werk überall zu finden. Über das Unbewusste geht freilich bei ihm der Weg hinaus zum Numinosen, dieser für ihn real erfahrenen, die Wirklichkeit transzendierenden Macht.

Diese Aspekte seines Schaffens wurden von Michael Braun und Michaela Kopp-Marx, die als Vertreterin des Germanistischen Seminars Heidelberg Mitinitiatorin der Tagung war, herausgearbeitet. Braun betonte, dass Patrick Roths Erzählungen darauf abzielen, Getrenntes zusammenzuführen, scheinbar nicht vereinbare Gegensätze zu vereinen und dadurch, wie beispielsweise in der Erzählung „Johnny Shines oder die Wiedererweckung der Toten“ ein Heilsgeschehen erst möglich zu machen. Roths Werke haben immer eine existenzielle Dimension. Die katholische Theologin Susanne Sandherr widmete ihre Überlegungen der Erzählung „Magdalena am Grab“ und arbeitete einen weiteren wichtigen Aspekt im Schreiben Patrick Roths heraus. In der Magdalenensekunde geschieht die Wandlung vom trauernden, in Angst befindlichen zum erkennenden und erkannten Menschen. „Das ist die Sekunde der Wiedererkennung: Mensch und Gott werden einander wieder bewusst. Rettend bewusst.“ (Roth).

Der Sinn gibt die Richtung an

Die wechselseitigen Beeinflussungen von Film und Literatur wurden in weiteren Referaten herausgearbeitet und mit der abendlichen Filmvorführung von „In My life – 12 Places I Remember“ – Roths Arbeitsextrakt seines Mainzer Stadtschreiberstipendiums – plastisch vor Augen geführt. In intensiven Erinnerungsbildern führt er an die Orte seiner Wahlheimat Los Angeles, wo er gewohnt und geschrieben hat, die für seine persönliche und künstlerische Laufbahn wichtig waren. Beim Sammeln und Reflektieren seiner amerikanischen Vergangenheit, dem Sich-Aussetzen einer ungeheuren Bilderflut, kommt Roth zu der Erkenntnis, dass eine Rettung aus dem Chaos, aus großen und kleinen Katastrophen nur durch Sinnsuche möglich ist. Der Film endet mit einer Szene während einer Lesung im Mainzer Dom, die in einer Vision abschließt: Die Zuhörer in den Bänken und auch er selbst als Vorlesender sind verschwunden. Ein Reiter reitet im Kirchenschiff altarwärts – die mensa des Altars wird in einer Überblendung ersetzt durch die mesa des Monument Valley, in dem Patrick Roth in der vorangegangenen Szene am Feuer gesessen hat. Dann löst sich auch der Reiter auf. Es bleibt ein Licht. Nach der dunkelsten Nacht, so reflektiert der Erzähler und Autor des Films, könnte etwas Neues stehen, ein neues Bewusstsein. Sunrise. Was durch das Chaos Richtung weist, ist Sinn.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Lesung des Autors aus seinem Roman „Corpus Christi“. Ein nachhaltiges Erlebnis.

Als Eindruck der Tagung bleibt ein neuer unverkrampfter Umgang mit religiösen Inhalten in der modernen Literatur, für die Öffnung gegenüber transzendenten Räumen, wie sie Patrick Roth in seinen Werken so meisterhaft bewerkstelligt. Thomas, der Zweifler, den Jan Bürger als Leitfigur für Schreibende apostrophierte, wird durch die Berührung des Auferstandenen zum Glaubenden. Wir, die Leser und Zuhörer, können einen solchen Weg ebenfalls beschreiten, wenn wir uns auf eine Literatur wie die Patrick Roths einlassen und mit ihm in seinen und durch seine Bücher von der Evidenz des Göttlichen erfasst werden. „Wenn du IHN nicht hörst, ist es, weil du dich von anderen Dingen ablenken lässt. Schalte alles aus und mach dich still, auch deine Gedanken, mach sie still. Dann wirst du IHN hören und verstehn“ (Johnny Shines).