Träume von der Seligkeit auf Erden

Auf der Suche nach der weltumfassenden Vernunftreligion – Heute vor hundert Jahren starb Leo Tolstoi. Von Ulrich Schmid

Der Schriftsteller Leo Nikolajewitsch Tolstoi. Foto: IN
Der Schriftsteller Leo Nikolajewitsch Tolstoi. Foto: IN

Viel ist über Tolstois religiöse Wende im Jahr 1878 geschrieben und vor allem gelästert worden. Immer wieder wurde der „geniale Künstler“ gegen den „flachen Denker“ ausgespielt. Nicht wenige Zeitgenossen glaubten sogar, der berühmte Romanautor sei verrückt geworden. Dieser Zweiteilung hat Tolstoi selbst am meisten Vorschub geleistet. Er wurde nicht müde, die eigene Bekehrung öffentlich zu machen, die Nutzlosigkeit seines früheren Lebens zu verdammen und die erreichte Erkenntnisstufe zu preisen. Gerade die Verve, mit der Tolstoi sein bisheriges Werk verriss, muss aber misstrauisch machen. Tolstoi versucht in seiner „Beichte“ von 1882 nicht in erster Linie sein Publikum davon zu überzeugen, dass er ein anderer geworden sei, sondern sich selbst. Letztlich stellt das religiöse Spätwerk nur eine Radikalisierung früherer Ansichten dar, die sich bereits in Tagebuchnotizen des 27-Jährigen finden. Damals hatte er von der Gründung einer weltumfassenden Vernunftreligion geträumt, die bereits auf Erden Seligkeit bringen sollte. Geändert hat sich nach der Veröffentlichung von „Anna Karenina“ in erster Linie der Kommunikationskanal zum Publikum.

Der späte Tolstoi hielt es für wichtiger, Berge von Korrespondenz mit Briefpartnern aus allen Ländern zu bewältigen als neue literarische Werke zu produzieren. Auf diese Weise wurde Tolstoi zu seinem eigenen Apostel: Er predigte seine neue Religion der Gewaltlosigkeit und der Vereinigung aller Konfessionen. Seine letzten Lebensjahre verwandte er auf die Zusammenstellung von Leseanthologien, in denen er Zitate aller Weisen, Philosophen und Religionslehrer dieser Welt zu Syllogismen ordnete. Diese Unterweisungsbücher wiesen einen genauen Lektüreplan auf, der für jeden Tag ein bestimmtes Pensum vorsah. Tolstoi wollte nachweisen, dass Jesus, Mohammed, Konfuzius, Kant, Nietzsche, Schopenhauer, Emerson und natürlich er selbst im Grunde genommen dasselbe sagen: Gott ist das Leben und alle Menschen sollen sich lieben. Bei der Verbreitung dieses Programms setzte er modernste Technologien ein: Seine Stimme erklang auf Schallplatten, sein Porträt zirkulierte auf Chromolithographien, seine Traktate wurden in billigen Massenausgaben auf den Markt geworfen. Tolstoi verfehlte mit diesem publizistischen Großprojekt seine Wirkung nicht: Mahatma Gandhi und Ludwig Wittgenstein gehörten zu seinen prominentesten Bewunderern.

Umso schärfer fiel allerdings die Kritik der orthodoxen Kirche aus. Die satirische Schilderung eines Gottesdienstes in Tolstois letztem Roman „Auferstehung“ (1899) brachte das Fass zum Überlaufen. Bereits zuvor hatte Tolstoi in zahlreichen Traktaten vom Leder gezogen und die Priester als Betrüger und Lügner beschimpft, die den Menschen Wundergeschichten und Märchen erzählten, um ihre eigene Machtstellung zu festigen. Tolstoi selbst mochte keinesfalls an Christi Auferstehung und Himmelfahrt glauben, sondern hielt Jesus nur für einen erleuchteten Menschen. Die orthodoxe Kirche exkommunizierte Tolstoi im Jahr 1901. Allerdings wurden kurz vor Tolstois Tod auf Anordnung des russischen Ministerpräsidenten Stolypin große Anstrengungen unternommen, um Tolstoi in den Schoss der Kirche zurückzuholen. Ein Emissär aus dem Kloster Optyna Pustyn war mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet: Wenn Tolstoi auf dem Totenbett die kurze Formel „ich bereue“ ausspräche, würde er sofort wieder in die Kirche aufgenommen werden. Allerdings wurde der Sterbende von seinem Mitstreiter Wladimir Tschertkow so hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt, dass der Priester gar nicht zu Tolstoi vordringen konnte. Bis heute betrachtet die orthodoxe Kirche Tolstoi als Abtrünnigen.

Auch die römisch-katholische Kirche mochte sich nicht mit Tolstois religiösem Programm anfreunden. Man warf Tolstoi vor, er vermische Missbräuche in der Geschichte des Christentums mit der Kirche selbst. Auch seine Doktrin, man dürfe dem Bösen nicht mit Gewalt widerstehen, stieß auf scharfen Widerspruch. Die einzige Strömung innerhalb des römischen Katholizismus, die sich für Tolstoi interessierte, geriet nach dem Tod des liberalen Leo XIII. (1810–1903) alsbald selbst in Konflikt mit der Kirche. Die Modernisten wollten die christlichen Dogmen mit den neusten Erkenntnissen der Textwissenschaften, der analytischen Philosophie und der historisch-kritischen Theologie in Übereinstimmung bringen. Zwei italienische Priester, die dem Modernismus anhingen, besuchten Tolstoi 1903 in Jasnaja Poljana und versuchten ihm zu erklären, dass ihre Positionen nicht weit auseinanderlagen. Allerdings wurden beide von Rom zurückgerufen, und 1907 verurteilte der konservative Pius X. mit der Enzyclika „Pascendi dominici gregis“ den Modernismus als „Sammelbecken aller Häresien“.

Eine besondere Beziehung besteht zwischen Tolstoi und dem Islam. Bis heute wird Tolstoi im Nordkaukasus wegen seiner Erzählung „Hadschi Murat“ verehrt. In diesem Spätwerk spielt der Autor die natürliche Religiosität der muslimischen Bergbewohner gegen das nach seiner Meinung aufgesetzte Christentum der Russen aus. Überhaupt imponierte Tolstoi das einfache Credo des Islam: „Es gibt nur einen Gott und nichts ist ihm gleich.“ Allerdings krankte auch der Islam in Tolstois Augen an seinem ausschließlichen Geltungsanspruch. Einen Ausweg aus diesem Dilemma erblickte Tolstoi in der Sekte der Bahai, die seiner Vorstellung der Verbrüderung der Menschheit in einem einheitlichen Glauben am nächsten kam.

Der Autor ist Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen.