Traditionell erziehen?

Die Österreichische Bischofskonferenz hat nach wochenlanger Arbeit am Mittwoch eine „Rahmenordnung“ zum Umgang mit Missbrauch und Gewalt verabschiedet, die beachtenswert ist. Die Entschlossenheit, den Opfern Hilfe und Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen, prägt – glaubwürdig und anerkennenswert – den Duktus und die Vorgehensweisen. Das ist richtig und wichtig, und zwar nicht etwa, weil es für die Kirche gerade opportun ist, sich angesichts des medialen Wirbels auf die Seite der Opfer zu schlagen, sondern weil Jesu Weisung keine andere Option lässt: „Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet. Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt. Seht euch vor!“ (Lukas 17,1–2) Kein Zweifel: Missbrauch zu decken oder zu verharmlosen ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern unvereinbar mit dem christlichen Verständnis von der Würde der „Kleinen“ und mit dem Wort Jesu.

Der Titel der österreichischen Rahmenordnung macht deutlich, dass es für Vertuschen und Verharmlosen auch keinerlei Spielraum mehr geben soll: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Eine anspruchsvolle Maxime, denn sie entstammt einem Wort Jesu an „Juden, die an ihn glaubten“ (Johannes 8,31): „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Auch die alternative Option – brandaktuell in der Missbrauchsdebatte – zeigt der Herr auf: „Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.“ Eine klare Alternative also, die nach modernen Maßstäbe recht wenig differenziert: Wahrheit macht frei – Sünde versklavt. Im Namen dieser Wahrheit gingen Missionare seit apostolischen Zeiten in alle Welt, um den Völkern das Licht Christi zu bringen – mit einer Klarheit und Kompromisslosigkeit, die mitunter tödlich war (und in einigen Ländern bis heute aus Glaubenszeugen Märtyrer macht). Diese Klarheit der Alternativen prägte das Abendland: Nach Gottes Geboten zu leben mache frei, sie zu unterlaufen liefere der Knechtschaft der Sünde aus. Dies war eine „traditionelle“ Maxime christlicher Erziehung. Die Folge davon waren Gebote und Verbote, angewandt auf das Hier und Heute, auf Alter und Fassungsvermögen der Adressaten. Die Kirche war ihre Quelle, die Eltern und Priester ihre Boten. Aufklärung und neuzeitliche Ideologien kratzten oberflächlich an diesen Kategorien, doch erst der moderne Pluralismus und Relativismus warf sie über Bord. Weltanschauung und Wertegerüst sind seitdem ganz neuer Beliebigkeit ausgeliefert: mitunter zum schweren Leidwesen von Eltern und Erziehern, nicht selten zum großen Schaden für Kinder und Jugendliche, denen auf der Suche nach der eigenen Identität auch noch die letzten Leitplanken und Orientierungsschilder genommen wurden.

Sonderbar ist deshalb, dass die neue „Rahmenordnung“ nun selbst ganz undifferenziert diesem vermeintlichen Modernisierungsschub auf den Leim geht: „Traditionelle Vorstellungen zu Erziehung, den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen arbeiten Tätern in besonderem Maße zu.“ Doch die gescholtenen „traditionellen“ Vorstellungen über Erziehung, über Geschlechter- und Generationen-Beziehungen waren jene des christlichen Glaubens! Sicher: oft missverstanden und missbraucht, oft der Reinigung und der Läuterung bedürftig. Der Familientyrann war nie das Ideal des Vaters, aber dürfen wir mit dem Willkürherrscher auch die Väterlichkeit allem Verdacht aussetzen? Will man Traditionen über Bord werfen, nur weil die Traditionalisten sie missverstanden und missinterpretierten? Und was genau setzen wir an die Stelle dessen, was da nun auch bischöflicherseits gerade über Bord ging?