Therapeuten werden eingeschüchtert

Der Psychologe Christopher Rosik ist gegen Verbote der Konversionstherapie. Von Katrin Krips-Schmidt

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Schmerzhafte Methoden wie Elektroschocks werden bei der Konversionstherapie nicht angewandt, wie ihre Kritiker häufig behaupten. Foto: Adobe Stock

Herr Rosik, der deutsche Gesundheitsminister Spahn will die „Konversionstherapie“ verbieten. Laut Wikipedia handelt es sich um eine „pseudowissenschaftliche Praxis, bei der versucht wird, die sexuelle Orientierung eines Menschen durch den Einsatz psychologischer oder spiritueller Maßnahmen von homo- oder bi- zu heterosexuell zu wandeln“. Ist dies eine korrekte Beschreibung Ihrer Tätigkeit?

So, wie von den Gegnern der „Konversionstherapie“ offenbar beschrieben, ist dies keine Therapie, und sie ist auch nicht das, was ich mit den Klienten mache. Auf Wikipedia kann man sich im Hinblick auf eine angemessene Erörterung dieser Fragen nicht verlassen, da Versuche, präzisere Fakten sowie eine alternative Perspektive beizusteuern, von ihren Redakteuren entfernt werden. Ich denke, der Begriff „Konversionstherapie“ wird heute als trojanisches Pferd eingesetzt. In Gesetzgebungs- und Gerichtsverfahren in den USA und in Europa schildern die Befürworter eines Verbots dieser „Therapie“ oftmals entsetzliche Praktiken mit Elektroschocks an die Genitalien, die beim Ansehen schwuler Pornos Erbrechen auslösen, sowie weitere schmerzhaften Widerwillen hervorrufende Techniken. Verständlicherweise können Politiker und Laien da nur schwer sagen, dass sie gegen das Verbot eines solchen Tuns sind.

Demnach entspricht diese Schilderung gar nicht der Realität?

So ist es. Vor ein paar Wochen zog in Utah der Förderer eines Gesetzentwurfs zum Verbot der „Konversionstherapie“ diesen vor der Erörterung zurück, als Gegner eine beschränkende Änderung einfügten, mit der sich das Verbot einzig auf schmerzhafte aversive Methoden und Versprechungen zu einer vollständigen Änderung der sexuellen Orientierung beziehen sollte. Der Rechtsprofessor und bekannte Verfechter eines Verbots, Clifford Rosky, sagte darauf das, was Verbotsgegner von Anfang an wussten: „Lizenzierte Therapeuten haben seit Jahrzehnten keine Schocktherapie und keine Aversionstherapien durchgeführt. Wie wir wissen, sind Worte für Kinder ebenso schädlich.“ Das letzte Ziel war immer schon die Unterdrückung von Sprachweisen, die als Nicht-Anerkennung aufgefasst werden. Ich vermute, dass dies schließlich ebenso auf die Redefreiheit in puncto Moral und Religion abzielt.

Gibt es viele Minderjährige, die zu Ihnen kommen? Kommen sie aus eigenem Antrieb?

In meinem Bundesland Kalifornien ist es lizenzierten Therapeuten seit 2012 verboten, mit Minderjährigen zu arbeiten, die die Fluidität ihrer SSAB (same-sex attractions and behaviours) ergründen möchten. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Minderjährigen zumeist Heranwachsende, die sich bei einer Therapie aufgrund der Sorge ihrer Eltern vorstellen, denen entweder erzählt wurde oder die selbst festgestellt haben, dass sich ihr Kind als homosexuell bezeichnet. Im juristischen Sinne kann ich mit den Minderjährigen zusammen noch immer ihre Überzeugungen und Wertvorstellungen in Bezug auf die SSAB ergründen, sie über die mit gleichgeschlechtlicher Aktivität verbundenen Risiken unterrichten sowie die Familiendynamik untersuchen, während ich gleichzeitig großen Respekt für die Würde der Person vermittle. Meist jedoch versuche ich, Eltern darüber zu unterrichten, wie entscheidend es ist, ihr Kind zu lieben, und die Kommunikation aufrechtzuerhalten, ohne dass sie unbedingt ihre charakteristischen traditionellen religiösen Überzeugungen über Sexualmoral aufgeben müssen. Dennoch scheint die derzeitige Lage im Sinne Orwells zu sein: Ist es denn vernünftig, dass Jugendliche und Erwachsene, die im falschen biologischen Geschlecht zu leben meinen, den Eintritt der Pubertät verhindern, ihre Genitalien chirurgisch verändern und Brüste entfernen dürfen, während anderen mit nicht-gewollter gleichgeschlechtlicher Anziehung und ebensolchen Verhaltensweisen verboten wird, noch nicht einmal mit einem lizenzierten Therapeuten in einer Weise zu sprechen, die als Förderung des Strebens nach Fluidität und Veränderung gedeutet werden könnte?

In den USA gibt es Bundesstaaten, die sexuelle Reorientierungstherapie verbieten, andere Bundesstaaten wollen nachziehen. Welche Folgen haben Verbote?

Meines Wissens hat kein Therapeut in den USA jemals seine Zulassung aufgrund der von den Verboten behaupteten weitverbreiteten entsetzlichen Praktiken verloren. Ich vermute, dass die Verbote in erster Linie als Möglichkeit gedacht sind, jene Therapeuten einzuschüchtern, die bereit sind, mit Klienten deren Grad der SSAB zu ergründen. Da dieser Begriff definitionsgemäß bestenfalls unklar ist, sind praktischer Umfang und Einfluss schwer zu beurteilen. Minister Spahn könnte gebeten werden, sich zu Folgendem zu äußern: 1. Untersagt das Verbot jegliche Gespräche in Bezug auf die von einem Klienten eigenen selbstbestimmten oder selbstgewählten Ziele oder Wünsche – die nicht vom Therapeuten festgesetzt oder vertreten werden –, unerwünschte gleichgeschlechtliche Anziehung und unerwünschte sexuelle Verhaltensweisen oder damit verbundene Empfindungen zu minimieren oder mit ihnen fertigzuwerden? 2. Würde das Bemühen eines Klienten, keusch zu leben, einen Versuch darstellen, seine sexuellen Verhaltensweisen gegenüber gleichgeschlechtlichen Personen zu verändern oder zu beseitigen, und damit gesetzlich verboten werden? Und 3. Bekanntlich ändern sich sexuelle Orientierungen und die Identität von Transgenderpersonen im Laufe des Transitionsprozesses – würde dies bei einem Verbot strafrechtlich verfolgt werden?

Welche Position vertreten die jeweiligen Fachverbände in den USA, etwa die American Psychological Association (APA) zu diesem Thema und warum?

Ich bin Mitglied der APA sowie der NASW (National Association of Social Workers), die sich beide gegen die „Konversionstherapie“ aussprechen, sie jedoch nicht offiziell für unethisch erklärt haben. Zudem haben sie auch keine Mitglieder aufgrund des mutmaßlichen Praktizierens dieser Therapie ausgeschlossen. Ich glaube, dass sie anfällig für gerichtliche Schritte würden, wenn sie dies täten, so dass sie bei diesen Verboten Aktivisten und ihren Politikern die Führung überlassen. Die Leute müssen aber wissen, dass die Mehrheit der psychologischen und medizinischen Fachleute diesen Organisationen nicht angehören.

Warum nicht?

Ein wichtiger Grund dafür sind die verlässlich Links-der-Mitte-Positionen der Führungsriege in Bezug auf viele sozialpolitische Themen. So gehören etwa weniger als die Hälfte der amerikanischen Psychologen der APA an, und nur ungefähr einer von fünf Ärzten zählt zur AMA (American Medical Association). Es wäre interessant, Vergleichsstatistiken zu ihren europäischen Pendants zu erhalten. So habe ich festgestellt, dass sich die APA-Führung 2011 mit 157 Stimmen ohne Gegenstimme für die Förderung von Initiativen für die gleichgeschlechtliche Ehe entschied. Zudem hat seit 2016 die NASW 542 politische Kandidaten für Bundesämter unterstützt, von denen alle der Links-der-Mitte-Partei der Demokraten angehörten. Eine solche Anzahl stellt einen statistisch indiskutablen Mangel an ideologischer und politischer Vielfalt dar, was bedeutet, dass ein politisch brisantes Thema wie die therapieunterstützte Fluidität und Veränderung der SSAB wahrscheinlich keine angemessene und ausgewogene Behandlung erfährt. Dies ist ein gewaltiges Problem für die Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen Integrität der Berufe für psychische Gesundheit. Es ist wichtig, über alle Aspekte dieser Diskussion über therapieunterstützte Fluidität und Veränderung informiert zu sein –, und zu diesem Zweck sollten Leser in Europa über die „Internationale Vereinigung für Beratungs- und Therapiefreiheit“ (www.iftcc.org) unterrichtet sein.

Wie groß sind therapeutische Erfolge

Ein Erfolg wird von Verbotsbefürwortern häufig im Sinne einer kategorialen Veränderung von ausschließlich homosexueller zu ausschließlich heterosexueller Anziehung insinuiert. Allenfalls wenige Umstände, aufgrund derer Menschen eine Beratung aufsuchen, sind in einem derartigen Alles-oder-Nichts-Sinn erfolgreich. Auch wenn solche tiefgreifenden Veränderungen auftreten können, kommt dies offenbar nur bei einer relativ kleinen Minderheit der Fälle vor. Es entspricht sehr viel eher der Wissenschaft der sexuellen Orientierung, eine Veränderung zu beschreiben, die bei manchen Menschen in einer schrittweisen Veränderung besteht – diese Veränderung kann für viele Personen zufriedenstellend und bedeutsam sein, selbst dort, wo sie nicht vollständig ist.

Gibt es Studien darüber?

Santero, Whitehead und Ballesteros (2018) stellten kürzlich fest, dass zwei Drittel ihrer Stichprobe von 125 religiös eingestellten Männern einen bedeutsamen Rückgang ihrer unerwünschten SSAB unter möglichst geringer Beeinträchtigung erlebten. Es waren hochmotivierte Männer, die mit Spezialisten auf diesem Gebiet gearbeitet haben, so dass der Prozentsatz derer, die eine solche Fluidität (also ein mögliches Gleiten ihrer Empfindungen) spürten, wahrscheinlich höher als normalerweise liegt. Wichtig ist, die Häufigkeit und den Grad der Veränderung einer SSAB, die Leute erreichen können, nicht überzubewerten. Manche werden trotz ihrer ausdrücklichen Bemühungen keine Veränderung erleben. Wir haben tatsächlich noch keine gute Kenntnis darüber, welche Faktoren auf eine größere Wahrscheinlichkeit einer Veränderung hinweisen, auch wenn eine vorherige SSAB-Fluidität ein glaubhafter Kandidat dafür ist. Dennoch ist es heute selbst unter nichtkirchlichen Wissenschaftlern unstrittig, dass die sexuelle Orientierung keine unveränderliche Eigenschaft ist, und wir wissen, dass eine Veränderung der SSAB außerhalb des Therapieprozesses bei vielen nicht-heterosexuellen Menschen auftritt, besonders bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Frauen. Obwohl mehr Forschung nötig ist, gibt es zu diesem Zeitpunkt lediglich politische, im Gegensatz zu theoretischen, Hindernissen zur Bestätigung dafür, dass manche Menschen ihre Veränderung eigenständig therapieunterstützt bewirken. Dies ist meine Erfahrung als Psychologe bei der Arbeit mit Menschen.

Kann sexueller Missbrauch von Kindern einen Einfluss auf die geschlechtliche Anziehung haben?

Es gibt viel Forschung, die im Einklang mit der These steht, dass bei manchen Menschen sexueller Missbrauch bei der Entwicklung ihrer SSAB mitwirken kann. Natürlich sind auch andere Interpretationen möglich. Ich glaube, dass es für den Therapeuten von entscheidender Bedeutung ist zu verstehen, wie Klienten die Ursprünge ihrer SSAB wahrnehmen. Therapeuten sollten ihren Klienten nicht ihre eigene Auffassung über die Ursache oder die Position ihrer Berufsorganisation aufzwingen. Ebenso sollten Regierungen nicht ihre Standpunkte durch gesetzliche Verbote aufzwingen.

Christopher Rosik ist lizenzierter Psychologe (entspricht dem deutschen Diplom-Psychologen). Er arbeitet unter anderem als Psychologe (seit 1988) und Direktor der Forschungsabteilung am Link Care Center im kalifornischen Fresno. Dieses christliche Beratungs- und Therapiezentrum wird unter anderen von Personen mit unerwünschter gleichgeschlechtlicher Anziehung und unerwünschten sexuellen Verhaltensweisen (SSAB) aufgesucht.