Theologie und globale Entwicklung

Wer globale Veränderungsprozesse verstehen möchte, kann an der RWTH Aachen einen besonderen theologischen Masterstudiengang absolvieren. Von Benedikt Winkler

„Studieren, um globale Herausforderungen zu verstehen“: Mit diesem Bild einer afrikanischen Schülerin wirbt die RWTH Aachen um junge Nachwuchstheologinnen und -theologen, die für die Entwicklungszusammenarbeit gerüstet werden sollen. Foto: www.theologie-entwicklung.de
„Studieren, um globale Herausforderungen zu verstehen“: Mit diesem Bild einer afrikanischen Schülerin wirbt die RWTH Aac... Foto: www.theologie-entwicklung.de

Herr Jöris, warum wurde der Masterstudiengang „Theologie und globale Entwicklung“ in Aachen etabliert?

In Aachen haben wir zwei große Global Player in der Entwicklungszusammenarbeit: Misereor und Missio. Die Hilfswerke brauchen junge interessierte Menschen, die interdisziplinär und praxisorientiert ausgebildet werden – durchaus auch Theologinnen und Theologen, weil sie einen multiperspektivischen Ansatz haben. So ist nach einigen Jahren Entwicklung der Masterstudiengang „Theologie und Globale Entwicklung“ entstanden. Er setzt sich zum Ziel, praktische Entwicklungszusammenarbeit mit theoretischen Kompetenzen zu verbinden.

Wie ist der Studiengang aufgebaut?

Unser staatlich akkreditierter Studiengang ist in drei Phasen geteilt: Sie haben das erste Studienjahr ganz normale Module, wo sie Vorlesungen und Seminare besuchen, die auf den Bereich Entwicklungszusammenarbeit und die Frage vorbereiten, was hat das Phänomen Religion mit Entwicklungszusammenarbeit zu tun – von der Innen- wie von der Außenperspektive. Da gibt es unterschiedliche Bereiche, wo es uns um interkulturelle und interreligiöse Dialogbereitschaft und Dialogfähigkeit geht, wo wir versuchen, globale Prozesse zu analysieren. Und nach diesem ersten Jahr haben sie in der zweiten Phase ein ganzes Semester Zeit für eine Praxisphase. Misereor und Missio bieten neben anderen Entwicklungsorganisationen auch Praktikumsplätze an. In der dritten Phase kommen sie dann zurück zu uns und verfassen ihre Masterarbeit. Das kann ein theoretisches Problem aus der Theologie sein oder eine praktische Reflexion über etwas, was man bei Misereor oder Missio erlebt hat.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte verfolgt der Studiengang?

Wir haben ein Modul in der Systematischen Theologie, in dem es um die Reflexion von Akteuren und Akteurinnen in der Entwicklungszusammenarbeit – natürlich auch in der katholischen Kirche – geht sowie dem Selbstverständnis von Entwicklungszusammenarbeit und der Analyse von kulturellen und religiösen Phänomenen. Daneben haben wir ein Modul, das von Misereor mit verantwortet wird. Da geht es um die Frage, was ist Entwicklungszusammenarbeit. Wie hat sie sich gewandelt? Das dritte Modul „Weltreligionen im Dialog“ schaut auf die einzelnen größeren Religionen der Welt. Worauf muss ich achten, wenn ich interreligiösen Dialog betreiben will. Es kommen Expertinnen und Experten von Missio und erzählen von ihrer Praxis. Es gibt ein großes interdisziplinäres Modul, wo Studierende auch in andere Bereiche reinschauen können. Außerdem haben wir die klassischeren Module, wo es von der biblischen Theologie her um die Frage von hermeneutischen Zugängen zu Texten geht. Was sind poststrukturelle und postkoloniale Leseweisen – auch von heiligen Texten? Wir haben ein Kirchengeschichtsmodul, wo wir eine größere kulturelle Entwicklung überschauen wollen, da läuft derzeit die Vorlesung „Globalisierung des Christentums“.

Wenn Sie globale Maßstäbe ansetzen, gründet die Ausrichtung des Studiengangs mehr auf einer Volk-Gottes-Theologie und weniger auf einer binneneuropäischen Sicht?

Selbstverständlich. Wir schauen uns auch befreiungstheologische Bewegungen an. Wir versuchen uns da inhaltlich nicht auf eine Richtung festzusetzen. Die Studierenden wollen wir befähigen, dass sie sich selbst ihre Meinung dazu bilden.

Wie gestalten sich kirchliche und staatliche Entwicklungszusammenarbeit, was die Themen Flucht und Migration betreffen?

Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit – soweit ich das überblicken kann – verfolgt mitunter staatliche Interessen, die derzeit in der Bekämpfung von Migrationsursachen liegen können. Der Fokus der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit ist oftmals längerfristig ausgelegt und möchte nicht punktuelle Probleme bekämpfen, sondern Menschen vor Ort zur Selbsthilfe anleiten und helfen. Deswegen Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe. In einem Modul gehen wir die Vorstellungen von Entwicklung durch. Da kommt natürlich die Enzyklika von Papst Franziskus „Laudato si“ zur Sprache, der explizit anmahnt, dass man eine längerfristige globale Entwicklung in den Blick nehmen sollte. Da geht es nicht nur um einen Wachstumsimperativ, um ökonomische Fragestellungen, sondern auch um ökologische.

Was können Sie über die Studierenden sagen? Gibt es auch Kooperationen mit staatlichen Behörden?

Wir haben vornehmlich deutsche und niederländische Studierende. Der Studiengang ist auf Deutsch. Es gibt ein paar englische Elemente. Wir bauen gerade eine Kooperation mit der GiZ auf, was Praktika angeht. Die AGEH hat angeboten, einige Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen. Die Studierenden sind aber auch frei, sich selbst Praktikumsplätze zu suchen.

Würden Sie sagen, dass wirtschaftliches Denken im normalen Theologiestudium fehlt?

Ich würde versuchen, interdisziplinärer zu denken. Also, wenn Sie fragen, muss ein Theologiestudent einen klassischen BWL-Studiengang oder BWL-Module durchlaufen haben, ist meine Antwort: Nein. Wäre es aber sinnvoll, die Theorien und Ideengeschichte, die gerade in der VWL vorkommt, mit zu reflektieren, zum Beispiel in der Philosophie oder im Bereich der systematischen Theologie, dann würde ich sagen, kann man sehr wohl darüber nachdenken.